Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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10 zog einige Zeit, dann kam, wie gewöhnlich, eine Überdrußstimmung. * Nun pickt sich jetzt etwas ganz Neues heraus: Barnum. Man legt sich auf das Informative. An sich würde es ja mit Freuden zu begrüßen sein, daß die Publizistik sich ihrer eigentlichen Aufgabe widmet. Es schaut aber der Pferdefuß gar zu deutlich unter der Information hervor: das Frivole, der Unwille zum Nachdenken, die Rücksichtnahme auf den Augenblickseffekt, die armselige Sorte der Sensation! Die Leute wollen gar nicht lesen, geschweige denn lernen; nehmen sie ein Blatt in die Hand, so wollen sie sofort das Neue, das Packende finden — und leicht finden, — gleich mit halbem Auge sehen. Dieser Geschmacksrichtung trägt die amerikanische Presse in hervorragendem Grade Rechnung, und mit diesem Strom schwimmt auch ein großer Teil der europäischen Presse. Denn — „die Presse ist vor allem ein Geschäft." Jede Sache hat ihren Platz — sagte Voltaire, als er ein langes, feines Damenkopfhaar aus seiner Suppe herauszog. Das große Leben kann toben und lärmen, prunken und blenden — unser kleines Leben erfordert eine gewisse Keuschheit und Innerlichkeit. Für unsere so tief geistigen, zarten, unaufdringlichen und eigenartigen Verhältnisse, die eines gewissen Ernstes und einer Selbstvertiefung bedürfen, taugen diese Allüren nicht. Sie haben auch gar keinen Zweck. Ich fragte einmal einen Redakteur des „Daily Mail", weshalb er die Zahl der Opfer einer Katastrophe um eine Null vergrößert hat. „Dadurch haben wir um zwei Nullen mehr Abonnenten, als die anderen" — erwiderte mir der Zyniker. — Bei uns hat dieses Drängen lächerlicherweise vielleicht den Zweck ein paar Leser mehr zu kriegen. Ist dies nicht naiv? No. 18 Ja, von der praktischen Seite naiv, denn erstens ist es nicht der Mühe wert, zweitens hilft es nichts, denn der Gaumen, zu oft gereizt, erfordert immer pikantere Sensationen, und alles wird einem schließlich zuwider. Anderseits ist die Sache traurig. Man amüsiert, man neckt und reizt die öffentliche Meinung, aber man liefert ihr keinen Stoff zur Orientierung. Mail hascht nach Außerordentlichem, packt irgend etwas vom Hörensagen, oder von einer andern Zeitung, übertreibt ein wenig, und die Sensation ist da. Umfragen, Interviews und wie all die Kunststücke heißen. Aber bald ist der Knochen abgenagt, und man muß sich nach einem neuen umsehen. Die Folge dieser Richtung ist eben die sich mehr und mehr verbreitende Unwissenheit in jüdischen Dingen: aus dem ganzen Sensationskram erlernt und erfährt der Leser nichts. Zwei amerikanisch-englische Zeitungsblätter: eine erste Nummer des „Jewish Standard" und eine Jubiläumsnummer des „Jewish Exponent" haben in mir diese schon lange gehegten Gedanken wachgerufen — weil sie eben, zusammen mit dem „American Hebrew", zu den wenigen Ausnahmen gehören, die eine ernstere Richtung vertreten. Doch hat der „Jewish Standard" noch vieles, was an unechte Bronzen, Öldrucke. Fünfzigpfennigsbasare erinnert: er illustriert nicht nur die Brautpaare, sondern auch seine Leserinnen. Wenn man 20 Jahre lang eine solche Zeitung liest, so ist es natürlich, daß man nicht weiß, wer Neubauer war. Alle werden himmelhoch gelobt, alle — illustriert. Viel gediegener ist der „Exponent", dem eine lange Existenz beschieden sein möge. N. S. VON DER Wanderer, wenn du nach Bern kommst, vergiß nicht, neben den berühmten Bären und den sonstigen Berner Sehenswürdigkeiten, auch die verschiedenen internationalen Institutionen, die sich dort befinden, zu besehen. Da ist z. B. das jetzt im Bau begriffene internationale Postdenkmal, da ist auch das Zentralbureau der Weltorganisation zur Hebung und Förderung der hebräischen Literatur, „Iwriah" genannt. Freilich, wenn du, Wanderer, ein Europäer bist, wenn du von einem Gefühl der Ehrfurcht gegen die uralte Sprache eines uralten Volkes beseelt bist, wenn du auch für die Ideen eine bestimmte, ihnen angemessene Form suchst, so wirst du. vielleicht enttäuscht sein. Du wirst dir doch denken: die Franzosen haben zur Kultivierung ihrer Sprache eine so große, reiche und vornehme Institution wie die Akademie geschaffen, die Italiener haben ihre Academia della Crusca, die Griechen — ich denke es mir wenigstens so — ein nationales Institut zur Pflege und Erforschung ihrer großartigen, honigsüßen Sprache ins Leben gerufen. Das haben Völker geleistet, die ein normales, gesundes, national-kulturelles Leben führen, deren Sprache von keiner Seite gefährdet ist, deren Kultur in ununterbrochener Kontinuität sich entwickelt. Was ist nun von Völkern zu sagen, die um ihre Existenz hart kämpfen müssen, deren Sprache den Andrang einer mächtigeren, der Herrenspraclie, abwehren muß? Alle Welt kennt die großartige Kulturarbeit, die in dieser Beziehung von den Czechen — Matica —, von den Polen — Macierz Polska — von den Irländern, die das Wideraufleben der gälischen Sprache mit Zähigkeit erstreben, von den Provencalen, die eine eigene Akademie und die sogenannte Felibre-Association zur Förderung des provencalischen Idioms, der Sprache der Troubadours und Mistrals, begründet haben, und von verschiedenen anderen Nationen und Natiönchen geleistet wurden. Wäre es nun nicht natürlich, daß auch wir Juden, die doch sicherlich ebenso das Recht haben, uns auf unsere alte Sprache was einzubilden, wie mindestens die Gälen, wir, die wir keinen „IWRIAH" anderen Existenzbeweis als Nation haben, als unsere eigene Kultur, die an unsere Sprache gebunden ist, wir, für die unser geistiges Erbe das Einzige ist, was uns die Vergangenheit vermachte und womit wir unsere Zukunft bauen wollen, für die Förderung und Hebung unserer Nationalsprache, eine Akademie, die ihrer historischen Bedeutung würdig wäre, besäßen? Wir, die Nationaljuden wenigstens, haben doch die Belebung des Hebräischen in unser Programm aufgenommen, ist es nun nicht zu erwarten, daß der Wille auch eine angemessene Verkörperung fände? Wenn du so denkst, o Wanderer, so begib dich einmal nach Bern, in eine der 'entlegenen Straßen, wo nur russische Studenten wohnen, und steige da hinauf in ein bescheidenes, kleines Studentenzimmer, und da wirst du drei junge Leute, Studenten oder so was, antreffen, und sieh da, — das ist unsere Academia della Crusca, das ist unser Institut zur Zukunftsicherung und Weiterentwicklung der hebräischen Sprache, das ist die „Iwriah". Du lächelst Wanderer? Es scheint dir merkwürdig, daß die Juden, die ein Millionenvolk sind, denen die hebräische Sprache heilig ist, daß diese Hunderttausende, die sie sogar als die Nationalsprache der Zukunft im eigenen Lande betrachten, sich um dieses höchste Gut der Nation so wenig kümmern, daß sie es verkümmern lassen? Bei Juden ist alles möglich! Es gibt keine noch so paradoxe Situation, die da undenkbar wäre. Was können Juden nicht? Braucht irgend ein Land, irgend eine Idee Vertreter, Verfechter, eifrige Apostel, — da finden sich immer Juden. Ein Jude wird die internationale Sprache erfinden, der andere enthusiastischer Nationalfranzose werden, — wobei sie beide aus Warschau stammen werden. Triffst du z. B. in Italien einen Gelehrten, der ein treuer Wardein der alten italischen Traditionen, ein eifriger Pfleger der italischen Sprache ist, so kannst du sicher sein, er heißt Tullio Massorani oder Alessandro d' Ancona oder so ungefähr, und ist ein Jude. Es ist eine natürliche und sehr tröstliche Erscheinung. Sie beweist, wie biegsam und anpassungsfähig der Jude ist. So anpassungs-