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Die Welt · 1907-05-03 · 18 (3.5.1907) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
18 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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sieht genommen. Es soll auch noch eine Versammlung sämtlicher Mitglieder des Kollegiums die Frage behandeln. In Berlin hingegen hat der Vorstand einen Rabbiner im Handumdrehen seines Amtes enthoben. Was ist eigentlich ein Vorstand? Etwas Verschwommenes, Unsicheres, Lückenhaftes. Ist das Judentum nur eine Religion und eine jüdische Gemeinde demnach nur Religionsgemeinde — so wäre also ein Vorstand eine religiöse Instanz, wie etwa ein Konsistorium. Eine solche könnte über einen Rabbiner zu Gericht sitzen, bestünde sie doch selbstverständlich aus Gelehrten, die eine höhere Autorität in Judentumsfragen besitzen. „Kein Beth-Din hat das Recht, den Spruch eines ihm ebenbürtigen Beth-Din aufzuheben, wenn es dieses letztere nicht an Zahl und Wissen übertrifft."" Es ist dies nicht nur eine Tradition, es ist eine auf der Oberfläche liegende Selbstverständlichkeit. Schon im Pentateuch heißt es: Ha-Kohanimetc.,ascher jihjeh ba-jamirn hahem — der Priester, der zu jener Zeit sein wird. Es kam dann der Prophet, späterhin — der Weise, der Schriftgelehrte, die Männer der Großen Synode, die Tanaiten, die Amoräer, die Saburäer, die Geonim — bis zu den Rabbinen. Die Hierarchie ist auf dem Wissen aufgebaut. „Die Halacha — sagt der Talmud — entscheidet nach Samuel bei Zivilprozessen, nach Raw hingegen bei rituellen Fragen." Klipp und klar — die Anerkennung der Kompetenz. Unter diesem Gesichtspunkte sind die existierenden Vorstände — Paradefirmen, Dekorationen, Etiketten. Der Gedanke, sie zu unterschätzen, liegt mir fern. Sie besitzen ein Kapital von Macht und Ansehen, und da viele Kommerziell rate darunter sind, mögen sie für die Finanzverwaltung der Gemeinde- und Wohltätigkeitsinstitute tüchtig vorbereitet sein. Ob aber das Judentum religiös, oder national, oder religiös-national aufzufassen ist; wie man die diesbezüglichen Stellen in Bibel und Talmud deuten soll; wie man den Messiasglauben verstehen soll — ja, woher sollen denn die Herren Vorsteher all dies wissen, besser wissen als ein Rabbiner? Es ist ein Problem, das aus der gegenwärtigen Krise erwachsen ist, und diese Krise voraussetzt. Ist eine Gemeinde nur eine religiöse Einrichtung, so müßte ein Vorstand, der einen Rabbiner maßregeln kann, ein Synhedrion sein. Existieren im Judentum noch andere Zusammenhänge jenseit von Ritus und Glaube, — und das ist einmal die pure Wirklichkeit! — so kann es ja kein Verbrechen sein, national-jüdisch zu fühlen. Ja, ein Tohu-Wabohu von Begriffsverwirrung herrscht im offiziellen Israel. Man hat sich Begriffe angeeignet, die einer fremden, unjüdischen Weltanschauung entspringen. Man macht viele Worte, moderne Worte, ohne die Sachen nach ihrer Eigenart zu beurteilen. Denken wir uns folgenden Fall: Es wurde einem Parneß mitgeteilt, der Raw in der Kehilla habe seine Meinung dahin geäußert, daß die Juden ein auserwähltes Volk sind und daß es eine weit größere Mizwah ist, jüdische Märtyrerwaisen jenseit der Grenzpfähle, als gute, satte „Umoth Haolam" im Lande zu unterstützen; er, der Raw, fühle mehr das Elend der Juden. Daraufhin geriet der Parneß in Wuf und jagte den Rabbiner fort. — Es ist nichts anderes, trotz der anderen Worte. Man prüfe nur die Frage ohne Nervosität, in aller Ruhe. Neue Genealogen. Ich habe in einem jüdischen Blatt einen Nekrolog über Neubauer gelesen — und in anderen Blättern nachgedruckt gesehen. Es wird in diesem warmen Nachrufe auf den Umstand Gewicht gelegt, daß der Verstorbene ein Verwandter des Kurialrichters Ignaz Neubauer war. Die Bücher, die Neubauer verfaßt hat, kenne ich zwar; aber daß er ein Verwandter des Kurialrichters Ignaz Neubauer war, erfüllt mich wirklich mit einer ganz besenderen Begeisterung. Es ist dieselbe Ekstase, in die ich verfallen war, als mir der Katalog der jüdischen Ausstellung in London-Whitechapel die Entdeckung brachte, wer der „Tumim" — der „Rebbe-Reb-Jonessen" (Eibeschütz) war. Er war einer der Vorfahren des late Rev. Singer. Wohlgemerkt: eii umgekehrter „Jichus". Eine Einführung für den „Rebbe-Reb-Jonessen". Die Sache verhält sich so: In London lebte ein tüchtiger jüdischer Prediger, Herr Simeon Singer, Sohn eines eingewanderten, armen polnischen Juden. Wie viele andere, behauptete auch er, in einem Nachkommenschaftsverhältnis zum großen Eibeschütz zu stehen. Nun ist der Katalog, in dem der Name Eibeschütz wegen eines alten Porträts vorkommt, für ein Publikum bestimmt, das wohl etwas von Rev. Singer, aber nichts vom „Rebbe-Reb-Jonessen" weiß; daher wird letzterer unter der Marke Singer, etwa wie eine Nähmaschine, eingeführt. Es isf eine erschütternde Komik. In einem anderen jüdischen Blatte, das in polnischer Sprache erscheint, habe ich einen Nachruf mit der Überschrift: Jozef Neubauer gelesen. Dann kommt der Name Adolf vor, so daß man nicht klug werden kann, wer Josef und wer Adolf war. Armer Abraham Neubauer! In einer bekannten, anti-kabbalistischen Anekdote sagt Eiijohu Hanowi zu Mosche Rabbenu, der nach einem neulich gemachten Erdenbesuch alles unter den Juden verkehrt fand und über die Zustände klagte: Du hast wenigstens deinen Namen unverändert behalten; man nennt dich noch immer Mosche! Aus meinem Namen hingegen — was die alles gemacht haben! Eiijohu, Ehiloju, Ejilohu usw. (Bezieht sich auf die Buchstabensymbolik durch Umstellung der einzelnen Buchstaben: Zeirufei Schemoth", die von manchen Frommen nach Sabbatausgang rezitiert werden.) Abraham Neubauer könnte mit dem ihm angehängten „Josef" und mit seinem Korew, Reb Ignaz, der durch den Kurialrichtertitel dem Nekrolog eine besondere Weihe geben soll, dieselbe Klage führen. Die Unwissenheit Ist fast obligatorisch geworden, man möchte sagen: am-haarazischer Schulzwang. Man weiß nichts von einem ]"2N» von einem Abraham Neubauer. Nicht seine französisch geschriebene „Geographie des Talmuds", nicht seine großen Kataloge und seine englischen Schriften, die zu speziell sind, aber seine hebräischen Aufsätze im „Hamagid" und im „Kalebanon" sollte man doch gelesen haben. Man wird sich an tönenden Worten wegen der Renaissance der hebräischen Sprache berauschen, — aber „man will nicht in den Cheder gehen". Es war ganz undenkbar im alten Judentum, daß jemand nicht wüßte, wer der „Pnei Jehoschua", oder der „K'zos Ha-choschen" war. Ein Talmid-Chochorn kannte ihre Werke; ein Durchschnittsjude, wenn er nicht vollständig verbauert war, wußte wenigstens, wer sie waren. Es war auch undenkbar, daß ein „Maskil" die namhaften Schriftsteller der „Haskalah" nicht gekannt hätte. Aber das neue Schattenjudentum braucht um Wissenschaft nicht verlegen zu sein. Nur kein Ballast, federleicht, amüsant, munter in den Tag hinein. . . . Barnum Judaeus. Ich habe die Menschen und ihr heiteres Treiben gar zu gern, um nicht zu begreifen, daß die Welt nicht dem beschaulichen, sondern dem tätigen Leben gehört und daß eine Publizistik dieses tätige Leben mit all seinen feinen Nuancierungen reflektieren muß. Jeder Lebenspulsschlag, wie durch ein tausendstimmiges Echo im Blätterwalde vervielfältigt, auch die ernstesten Dinge mit einem gewissen Lebensmut und Frohsinn behandelt, die Tatsachen in flagranti ergriffen, aneinander gereiht und letzteren mehr Aufmerksamkeit als den „grauen" Theorien geschenkt, — das ist der Zug des Zeitungswesens, und er soll auch für die jüdische Publizistik gelten. Diese — ich spreche natürlich nur von speziell-jüdischen Zeitungen in europäischen Sprachen — war bis vor kurzem zum Predigen und zum Dozieren zu sehr geneigt, brachte langweilige Aufsätze über abgegriffene unendliche Themata, wie z. B. Shylock und die Juden und dgl. mehr. Dann kam die Antisemitenzeit mit der Polemik: die Farben wurden so dick als möglich aufgetragen. Es

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