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Die Welt · 1907-05-03 · 18 (3.5.1907) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
18 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Ort zu werden, „wohin die Völker der Erde zusammenströmen werden", „woher die Lehre kommen werde." Und Rom! Die „ewige Stadt", die Stadt par excellence — urbs! Im Bewußtsein ihrer zentralen Bedeutung, ihrer Mittelpunktlage lag ihre Stärke. Und als senatus populusque Romanus ihre Beschlüsse „urbi et orbi", der Stadt und dem Erdkreis verkündeten, klang ihre Stimme mächtig und glaubensstark, stark durch den Glauben an sich selbst . . Das Mittelalter, die Zeit mit der „weißen Seele", wie Huysmans sagt, hatte sein Zentrum, den Schnittpunkt des Lebens in das Jenseits, in den Himmel, in das „Jerusalem von oben" verlegt. Und erst die neuere Zeit, die irdische Ideale an die Stelle der jenseitigen setzt, die Zeit der positiven Politik, der'Herrschaft der Nüchternheit, des „common sense", der Bourgeoisie, rief das alte Bedürfnis nach einem Weltzentrum wach. Beinahe anderthalb Jahrhunderte war Paris die Weltstadt, der geistige Brennpunkt der Menschheit. „Paris — c'est la France, la France c'est l'humanite!" konnte ein Franzose damals mit gewissem, wenn auch bloß formalem Rechte sagen. Paris, — der Kopf der Welt, — das Hirn der Welt, — le cerveau du monde" — nannte es Hugo. Aber die Stellung Frankreichs war nicht die des antiken Rom. Der geistigen Metropole des XVIII. und der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts standen mächtige Volksindividualitäten entgegen, die den Kampf gegen die Hegemonie Frankreichs aufnahmen — und im Kampfe siegten____ Anstatt eines Zentrums sind viele Zentren, viele Brennpunkte entstanden — anstatt eines einzigen, allumfassenden Tempels zahlreiche kleinere Tempel. Und die Welt sehnt sich doch nach einer Einheit, nach einer allmenschlichen, kosmischen Einheit. Je tiefer das nationale Selbstbewußtsein, je höher die Stufe der individuellen Entwicklung der Volkspsyche, um so mächtiger der Drang nach einer höheren Synthese. . . „Plus je suis Francais, plus je me sens humain" sang Sully- Prudhomme in einer Stunde der höchsten Steigerung des französischen Volksbewußtseins — nach dem Kriege von 1871. Neben dem übermächtigen Differenzierungsprozeß, der sich innerhalb der Völkerschaften der Erde, besonders aber der traditionsreichen Nationen Europas abspielt, läuft eine andere Linie mit — die der Konzentration, der Vereinheitlichung. Die Furche, die sie zieht, ist noch kaum merklich, — aber tief dringt in sie das Eisen der Pflugschar, — und diesmal ist es nicht ein Sämann, ein Einsamer, ein Träumer, der pflügt, sondern das Leben selbst, die Mannigfaltigkeit des Geschehens. Internationale Kongresse, — die Tatsache geworden sind, eine internationale Sprache, — die im Werden ist —, führen diese Erscheinungen auf dem sozialen Gebiete zu anderen, einschneidenderen, bedeutenderen Neuerungen? Wenn man die Termini der alten organischen Soziologie gebrauchen würde, so könnte man sagen, die Differenzierung der einzelnen Teile innerhalb des Organismus führe notwendigerweise zur Bildung einer verbindenden, intermediären Substanz. Man könnte daraus das soziologische Gesetz der Entwicklung des Internationalismus ableiten. Aber wir wollen nicht Gesetze ableiten, sondern Tatsachen feststellen. Und dieses neue Projekt der „Weltmetropole" ist ein Zeichen der Zeit. Es ist die Wiederaufnahme des „utopistischen" Ideals von den „Vereinigten Staaten von Europa". Wer weiß? — Die Utopie von gestern war immer die Wahrheit von heute . . . Ein intellektuelles Weltzentrum! Welch ein schönes Bild! Ein Leuchtturm inmitten der brandenden See, ein Strahlungspunkt inmitten der zahllosen Kreise, die ihn zum Mittelpunkte haben. Und das Licht wird allen gehören, denn es wird eine Resultante aller Strahlen sein. Vielleicht wird einst im Haag, wo das Standbild des großen Einheitsträumers, Baruch Spinozas, steht, der Allmenschheit der erste Tempel errichtet werden. Bausteine werden schon herbeigetragen . .. Und da kommen noch Leute und wollen das Werk zerstören, indem sie den Prozeß der Integration zerstören, indem sie neue Scheidungen und Loslösungen hervorbringen wollen. Allmenschheit oder Natiönchen, welcher Traum ist schöner? ..." * * * Ich beneide meinen Freund, daß er die urjüdische Eigenschaft des Enthusiasmus noch bewahrt hat. Uns, Moderneren, ist sie gewissermaßen abhanden gekommen. Mr. Stead hat meinem Freund sicherlich den Kopf verdreht. Aber die jüdische Phantasie, die immer auf das Große ausgeht, die mit Welten und Jahrtausenden spielt, hat aus der Prosa — wie es Mr. Stead samt seiner Review ist, — dem Vorschlage der Abrüstung und der Schiedsgerichte, eine Phantasmagorie gemacht, einen Welttrauni geschaffen. Warum wenden jedoch die Phantasievollen unter uns ihre Träume dem jüdischen Volke selbst zu, der Zukunft Israels? Die ganze Welt im Glorienschein sehen, nur sich selbst grau in grau! Es ist eine Tatsache, die jeder sehen kann„ — es gibt keine größeren Optimisten in bezug auf die Menschheit, als die Juden, und keine größeren Schwarzseher in bezug auf sich selbst, als eben diese Juden.' Und da möchte ich meinen Freund wirklich einmal aus inniger Überzeugung anschnauzen: Laß' doch das Träumen für die Welt! Laß vom Erlöseramte! Arzt, heile dich selbst! Ich hoffe nicht auf Haag und nicht auf die Herren Stead und Martens. Die Gesellschaft, wie sie jetzt beschaffen ist, kann nichts Neues auf dem Gebiete der internationalen Politik schaffen. Alle diese internationalen Kongresse und Konferenzen haben keine tiefere Grundlage, weil sie das Werk dieses oder jenes Politikers, nicht aber des Geistes der Weltpolitik' sind. Denn, mag auch das Wort etwas dunkel sein, jede Zeit hat eine ihr eigene, ihren Bedingungen entstammende Politik, die sie, wollend oder nicht, verfolgen muß. In der Linie der jetzigen Zeit liegt nicht die Weltfriedenspolitik. Bis der Friedenstempel gebaut werden wird, werden noch viele andere zertrümmert werden, oder, wie es unsere Väter mystisch ausdrückten, Messias wird nur nach dem großen, verheerenden Kriege von Gog und Magog kommen. Alles Andere ist Traum. Und, lieber Freund, Traum für Traum, wenn du vom Haag als dem „internationalen Geisteszentrum" träumst, ist es nicht mein Recht, von einem anderen Weltzentrum zu träumen, von dem es einst hieß, daß es im „Nabelpunkte" der Erde stehe, von Jerusalem. Haag — eine Zukunft ohne Vergangenheit, Jerusalem: — eine Vergangenheit, die tot war, deren Spuren im Tale Israel scheinbar verschüttet lagen, ins Leben zu rufen und sie zur Zukunft machen. Welcher Traum ist schöner? ... P. Almogy. Aus meiner Cincinnati-Berlin. In Cincinnati hat der Rektor drei Professoren beseitigt, weil sie Zionisten sind; in Berlin — hat der Gemeindevorstand einen Rabbiner, auf Grund einer Anzeige, ohne ihn anzuhören, wegen desselben Verbrechens entlassen. Dieses Ereignis richtet auf die jetzigen Zustände einen viel grelleren Scheinwerfer als das andere. Notizbuch Der Leiter einer Unterrichtsanstalt steht ja seinem wissenschaftlichen Tüchtigkeitsgrade nach höher als die Lehrer; wenigstens besteht diese Voraussetzung. Und tatsächlich ist Dr. Kohler nicht irgendein smarter Yankee: Gelehrte, wie Kohler, sind in Amerika sehr dünn gesät. In meinen Augen ist auch die Inquisition von Cincinnati empörend, aber dort wurde wenigstens auf die Form Rück-

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