Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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no. i8 ........- -.....- - .......- - die: kannten aber die Begründungen, so wie ich sie oben gegeben habe. Haben die Repräsentanten von diesen Begründungen keine Kunde erhalten? Oder haben sie diese Begründungen für so gänzlich belanglos gehalten? V. Weiterer Verlauf. Am 10. Februar fand die erste Repräsentantensitzung statt. In ihr wurde die Angelegenheit einer aus Vorstehern und Repräsentanten gemischten Kommission überwiesen. Ich selbst aber, angesichts der allgemeinen Unkenntnis dessen, was in dem Gespräche zwischen dem Direktor und mir gesprochen worden ist, gleichzeitig erbittert über die unwahren Gerüchte und die falsche Auslegung meiner in arglosem Glauben gegebenen Unterschrift, schrieb am 13. Februar an den Vorstand der Gemeinde einen Brief, in dem ich meine Unterschrift annullierte, um dadurch ein für alle Male die falschen Kommentare des Protokolls unmöglich zu machen und die ganze Angelegenheit in ein anderes Fahrwasser zu leiten, ein gerechteres, indem ich hoffte, daß man mich nun endlich seitens der Repräsentanz persönlich hören würde. Gleichzeitig stellte ich den Antrag auf Auslieferung der Niederschrift des Direktors. Es lag mir daran, sie Satz für Satz schriftlich zu erläutern und damit Klarheit über den Gang des Gesprächs zu schaffen, um alle freien Auslegungen künftighin zu unterbinden. Ich erhielt keine Antwort auf den Brief. Am 19. Februar schrieb ich noch einmal. Die Niederschrift wurde mir verweigert. Am 22. Februar bat ich noch einmal mündlich darum. Sie wurde mir abermals verweigert. Am 25. sandte ich an die Vorsteher und Repräsentanten ein Memorandum, in dem ich nun in einer prinzipiellen Erörterung meinen jüdischen Standpunkt niederlegte, von dem aus ich den Anschauungen des Direktors entgegengetreten war. Diesem Memorandum sollte dann noch eine Darstellung des Gespräches selbst im Anschluß an die Niederschrift des Direktors folgen», deren Wortlaut zu erhalten ich immer noch hoffte, wie ich es in der Einleitung des Memorandums aussprach. Ich habe sie aber bis heute nicht erhalten. Es war in jener am 22. Februar auf meinen Antrag erfolgten .nochmaligen Unterredung mit dem Vorstande, als sie mir zum zweiten und letzten Male vorgelesen wurde. So wie ich sie damals auswendig gelernt habe, habe ich sie oben mitgeteilt. In dieser Unterredung suchte ich die anwesenden Herren des Vorstandes nochmals aufzuklären, wie mir damals schien, nicht ohne Erfolg. Am 28. Februar tagte die gemischte Kommission. Durch Herrn Lilienthal wurde mir offiziell mitgeteilt, daß sie meine definitive Suspension beschlossen habe. Dann ließ man mich nicht weniger ats sechs Wochen warten. Noch immer hoffte ich, daß die Repräsentanz mich hören LT — 7 würde, und war sicher, daß in einem Falle wie diesem niemand ein Urteil fällen würde, ohne mich gehört zu haben. Schließlich wurde ich trotzdem verurteilt. Fast einstimmig. Überhaupt nicht gehört haben mich in dieser Sache die Hälfte der Vorsteher und über die Hälfte der Repräsentanten. Diejenigen, die mich gehört haben, haben mich zum größten Teile nur höchst unvollkommen gehört. Ich mußte sie meistens privatim aufsuchen. Endlich am 15. April 1907 erhielt ich nach mehrfacher Mahnung den Bescheid, daß durch Gemeindebeschluß vom 21. und 29. März bestimmt worden ist, daß ich künftighin weder als Prediger noch als Religionslehrer fungieren soll. Das Gehalt würde mir während der Dauer meines Vertrages in der bisherigen Weise weiterhin ausgezahlt werden. Ich bin am Schluß meiner Darstellung. Ich glaube sie so objektiv gegeben zu haben, wie es einem Manne, der aus seinem Amte und anscheinend sogar aus seinem Beruf geschleudert ist, nur möglich sein kann. Ich will hier nicht von dem namenlosen Unrecht reden, das mir persönlich widerfahren ist: Daß man mich mit dem fertigen Urteil in der Tasche gehört hat; daß man nach meiner Suspension nichts Schleunigeres zu tun hatte, als den Herrn Direktor davon zu benachrichtigen, obgleich ihn die Sache garnichts anging, da ja nicht er es war, der der Gemeinde Mitteilung gern acht hatte; daß man mir das wichtigste Mittel meiner Verteidigung, die Niederschrift des Direktors, verweigert hat; daß mich die Repräsentanz verurteilt hat, ohne mich zu vernehmen; und schließlich, daß man diese Sache, die in einer Nacht hätte verhandelt werden müssen, da es sich nicht nur um die materielle Existenz, sondern um Ehre und guten Ruf eines Mannes handelte, drei Monate hingezerrt hat. Dies alles mag heute hingehen, weil es mich persönlich betrifft. Für mich hat diese Geschichte aber einen Kern, der tiefer liegt: Ich bin hier gemaßregelt worden um meiner Gesinnung willen. Und es ist eine Gesinnung, die ich noch heute aufrecht erhalte. Und ich verlange, daß sich die Öffentlichkeit mit dieser Gesinnung beschäftige. Ja, sie muß und sie wird sich mit der Frage beschäftigen, ob ein Rabbiner Ansichten äußern darf, wie ich sie geäußert habe, oder ob ersieh damit „der Achtung, des Ansehens und des Vertrauens unwürdig zeigt, welche sein Amt erfordert". Und sie wird ihr Urteil fällen müssen, ob es wirklich wahr ist, daß man mit solchen Anschauungen das Judentum und die Rechte seiner Bekenner gefährde. Phantastisches zum Kapitel „Haag" Von einem Freunde, der ein großer Utopist und Schwärmer ist, bekam ich neulich einen Brief, dessen Inhalt ich den Lesern der „Welt" nicht vorenthalten möchte. Er schreibt: „Vor einigen Tagen fiel mir eine kleine Broschüre, oder vielmehr ein Prospekt in die Hände, der einen eigenartigen, verlockenden Titel trug: „Internationalismus und die Welt-Hauptstadt" („Intellektuelles Weltzentrum") — heißt das Büchlein, das vom „Vorbereitenden Bureau der Stiftung des Internationalismus" im Haag herausgegeben worden ist. Und als Emblem des Ganzen dient ein Anagramm in einer Sprache, die bisher noch kein Bürgerrecht in der Welt sich erworben hat, nämlich der Esperanto-Sprache! Die Autoren der Broschüre — zwei Holländer aus dem Haag — schlagen nichts mehr und nichts weniger vor, als die Gründung eines Weltzentrums, einer „Weltmetropole" in Haag. „Der Stadt 'sGravenhage" heißt es u. a. in der Broschüre, „wurde die Ehre zu Teil, von den verschiedenen Nationen als Sitz des Arbitrage-Hofes erwählt zu werden, und es erscheint nicht gewagt, zu prophezeihen, daß auch die anderen nunmehr folgenden internationalen diplomatischen Institute da untergebracht werden sollen . . . Noch wird nicht allgemein begriffen daß dies auch für die nicht-diplomatischen, nicht-offiziellen Organisationen gilt, und daß es nicht zweckmäßig ist, diese über die ganze Welt zu zerstreuen, z. B. im Haag den Friedenspalast, in Luzern das Friedensmuseum, in Paris das Institut für Ozeanographie, in Rom das Landwirtschaftliche Institut usw. Auch von diesen Organisationen müssen die Hauptbureaus beieinanander gelegen sein, ebensogut wie die Ministerien einer Regierung. Diese Organisationen müssen nach einem und demselben Plane eingerichtet sein, sodaß sie sich aneinander anschließen, sich immer vervollständigen und miteinander in Verbindung treten können. Dazu ist aber eine gänzliche Umgestaltung der bestehenden Vereine und Organisationen nötig, welche mit dem Haag als Sitz zusammen ein intellektuelles Weitzentrum bilden müssen"...... Das ist, mit genauer Wiedergabe des herzlich schlechten deutschen Textes, der Kern des großartigen Projektes der beiden Holländer. . . Und das Großartige liegt am Worte. Ein „intellektuelles Weltzentrum!" Es klingt wie ein Refrain der Weltgeschichte. Die Menschheit ist eben zentripetal in gewissem Sinne. Immerund immer wieder schuf sie sich ihren Mittelpunkt. Einen zentralen Gott, der im Mittelpunkte der Welt stände, die Welt regierte, einen zentralen Ort, wohin die Augen aller sich wenden könnten. Jede größere Kulturepoche brachte diese Zentrum-Sehnsucht mit sich. Babylon war eine Zeit lang das Zentrum einer Welt. Freilich, — die Welt war damals klein. Der Lebenstraum Jerusalems war, ein 2*