Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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eine Folge mein er Wertschätzung des judischen Stamm estunis ist, dem ich noch eine große Zukunft zuschreibe. Ich erklärte ihm übrigens ausdrücklich, daß ich mit meinem Zionismus gegenüber dem antizionistischen Gros der deutschen Juden speziell der Berliner Gemeinde einen schweren Stand hätte. Aber auch bei den Juden, die dem Stammestum keinen Wert beimessen, sei es tatsächlich lebendig. Es gäbe keinen Antisemitismus, wenn es anders wäre. Man haßt uns nicht, weil wir schlechter, sondern weil wir anders, d. h. stammlich erkennbar sind. Ich kann so die Abneigung gegen uns an sich als eine gewisse Reaktion wohl begreifen, wenn ich auch den Antisemitismus selbst aufs heftigste bekämpfe und in seinen verschiedenen Formen als unmoralisch verwerfen muß. Diese Abneigung wird bestehen, solange wir Juden nicht unser Stammestum auflösen. Wir dächten fürs erste nicht daran, wie die Verwerfung der Mischehe selbst in den Kreisen, die gar nichts vom Stammestum halten, beweise. Der Stammesinstinkt sei sehr stark. Das zeige auch die innige Liebe, die uns an unsere östlichen Stammesbrüder knüpft, obwohl sie geistig und kulturell himmelweit von uns verschieden sind. Ja, die armen russischen Juden müßten meinem Herzen jetzt näher stehen als die Christen meines deutschen Vaterlandes, weil außer uns Juden niemand da sei, der sich dieser Unglücklichen erbarme. Kein Christ habe sich ihrer bei den letzten Verfolgungen angenommen. Zwar gäbe es Juden, die jenes Stammesgefühl leugnen. Sie sind entweder in Selbsttäuschung begriffen oder suchen in unbegründeter Furcht die Sachlage zu vertuschen. Der Direktor schien entsetzt über diese Anschauungen: „Ich habe einen jüdischen Oberlehrer; ich kann ihm ja danach nicht mehr trauen, wenn er mir versichert, ein guter deutscher Staatsbürger zu sein. Ich muß ihn doch für einen Heuchler halten?" . „Keineswegs," antwortete ich. „Ich halte mich für einen vorzüglichen deutschen Staatsbürger; ich liebe die deutsche Kultur über alles, ich kann und will Schiller und Goethe nicht in mir ausstreichen. Trotzdem pflege ich mein jüdisches Stammestum, das mit einem guten deutschen Staatsbürgertum sich wohl verträgt." Das wollte der Direktor nicht wahr haben. Er meinte, daß wir dann einen Staat im Staate bildeten. Ich erwiderte, daß ein gutes Staatsbürgertum unabhängig von der Stammeszugehörigkeit sei. Er lehnte auch dies ab. Schule und Erziehung erforderten die Pflege nur eines Starnmestums, des deutschen. Ich sei verpflichtet, die Kinder im Religionsunterricht zu deutschnationalen Männern zu erziehen. Ich antwortete, daß ich ihnen, wie ich es stets tue, die Pflichten der innigen Liebe und Treue zu Staat und Vaterland ans Herz legen würde. Das sei jüdisches Gebot. Die spezielle Aufgabe der Verbreitung deutschnationaler Gesinnung aber sei Sache des Geschichtslehrers. Das sind in ganz kurzen Umrissen die Grundzüge des mehr als dreistündigen Gesprächs. Es war privat, wie der Herr Direktor später in gewissen Grenzen selbst zugegeben 'hat, und verlief in den freundschaftlichsten Formen. II. Die vorläufige Suspension. Am 31. Januar werde ich zur Rücksprache auf das Gemeindebureau gerufen. Ich gehe ahnungslos hin. Ich finde den Vorsteher, Herrn Julius Jacoby, und den Syndikus Lilienthal vor. Man verlangt erregt, ich solle mich über das Gespräch mit dem Direktor äußern. Ich weigere mich, da es privat gewesen sei. Man legt mir eine Niederschrift des Direktors vor, die er nach meinem Fortgange in sein Amtsjournal eingetragen haben soll. Das Gespräch sei also doch offiziell gewesen. Diese Niederschrift ist mir trotz mehrfacher Anträge nicht übergeben worden. So muß ich sie aus dem Gedächtnis zitieren. In den Hauptpunkten ist das Zitat sicher wörtlich: „Herr Dr. Cohn führt aus: Seiner Überzeugung nach müsse jeder Jude sich zunächst als Mitglied des auserwählten Volkes Gottes fühlen, von dem er noch große Leistungen für die Zukunft erwartet. Als solcher muß er mit seinem armen russischen Bruder mehr Mitgefühl haben als mit einem deutschen Christen und eine vollständige Assimilation verwerfen. Wer anders denkt, lügt bewußt oder unbewußt. Herr Dr. Cohn hält eine vollständige Assimilation geradezu für unmöglich. Er sieht im Zionismus die einzige Lösung der Judenfrage. Er kann den Antisemitismus als natürliche Reaktion verstehen." Als mir diese zehn Zeilen vorgelegt waren, fühlte ich mich verpflichtet, mich dennoch zu äußern. Mein erstes Wort war: „Dieses habe ich gesagt und doch nicht gesagt." Ich habe ef gesagt, insofern ich die Gedanken wiedererkenne, an die sich die Sätze des Direktors geknüpft haben und die zu verleugnen ich DIE3KXELT No. 18 keinen Grund habe. Jen habe es aber weder in dieser Form noch in dieser Kraßheit gesagt. Das Wort von der Lüge der Andersmeinenden ist nie über meinen Mund gekommen. Manches, was ich betonte, ist in der Niederschrift unbetont geblieben und umgekehrt. Diese zehn Zeilen sind ein willkürlicher Auszug aus einem mehr als dreistündigen intensiven Gespräch. Alle Zwischenglieder, sämtliche Begründungen fehlen. Den Herren Jacoby und Lilienthal gab ich darauf Satz für Satz die Begründungen, so wie sie oben aus meinem kurz wiedergegebenen Gespräch mit meinem ehemaligen Lehrer wohl hinreichend ersichtlich sind. Sie versicherten mir darauf, daß sie meinen guten Glauben nicht anzweifelten, sonst aber machten sie mir keine Komplimente. Herr Lilienthal sagte: „Sie sind ein Fanatiker, der sich in verrückte Ideen verrannt hat." Herr Jacoby sagte: „Sie sind bei uns in Lohn und Brot, Sie haben unsere Anschauungen zu vertreten!" Dann wurde mir mit einem Male mitgeteilt, daß der Vorstand bereits beschlossen habe, mich bis auf weiteres vom Amte zu suspendieren, bereits,, d. h. ehe man mich gehört hatte. Schließlich wurde mir ein Protokoll vorgelegt, das ich sofort unter dem Eindruck der schweren Nachricht unterschreiben sollte. Dieses Protokoll wurde vom Syndikus Lilienthal aufgesetzt. Es stand darin, daß ich das Gespräch mit meinem Lehrer für privat halte, daß die Niederschrift des Direktors ein inkorrekter Auszug aus diesem dreieinhalbstündigen Privatgespräch sei, und daß darin meine Gedanken falsch betont seien. Ich habe unterschrieben. Damit war mein Schicksal besiegelt. Ich war zu anständig, meine Gesinnung zu verleugnen. Ich unterschrieb im Vertrauen darauf, daß die Herren Jacoby und Lilienthal die Sätze des Dr. P. nicht in ihrer nackten, verletzenden Kraßheit, sondern mit dem von mir mündlich hinzugefügten ausführlichen Kommentar weitergeben würden. Hätte ich im entferntesten bedacht, was man aus dieser Unterschrift herauslesen könnte, wenn man wollte, wie man es ja auch herausgelesen hat, ich hätte sie nie gegeben. Der Vorstand übergab die Angelegenheit nunmehr der Repräsentanz mit dem Antrag auf sofortige Entlassung. Gleichzeitig machte er sie durch Rundschreiben an die Synagogen Vorsteher publik. III. Die Mitteilung an den Gemeindevorstand. Wie ist die Angelegenheit überhaupt in die Hände des Gemeindevorstands gelangt? Das erfuhr ich schon am nächsten Tage, dem 1. Februar, von dem Direktor selbst. Man denke sich mein Erstaunen, als er mir bei meinem Eintreten mitteilte, daß er bereits seitens der Gemeinde die Nachricht von meiner Amtsentsetzung erhalten habe: Man hatte also aus Furcht vor dem Gyninasialdirektor und allein, um ihn zu beruhigen, einfach mich geopfert. Nun erzählte mir der Herr Direktor, wie sich die Sache entwickelt habe. Er habe schlaflose Nächte gehabt. Ich hätte seine Hoffnungen, daß die Juden aufgehen würden, gänzlich zerstört. Da habe er sich einen jüdischen Oberlehrer seines Gymnasiums geholt und diesen .gefragt, ob er auch solche Anschauungen hätte wie ich. Der aber hätte das mit entrüsteten Worten abgelehnt. Darauf nahm der betreffende Oberlehrer die Niederschrift des Direktors, und durch ihn gelangte sie in die Hände dreier anderer jüdischer Oberlehrer, welche nun ihrerseits, mit welchem Rechte und ob mit Ermächtigung des Direktors, weiß ich nicht, die Niederschrift dem Gemeindevorstand einreichten und „Remedur" verlangten. IV. Die Gerüchte. Gleichzeitig verbreitete man von mir feindlich gesinnter Seite das Gerücht, ich hätte zu dem Direktor gesagt: Jeder jüdische Oberlehrer, der sich als Deutscher fühle, sei ein Heuchler. Ich erkläre hiermit dieses Gerücht sowohl dem Wortlaut als dem Sinne nach für frei erfunden, von wem immer es ausgehen mag. Hätte ich in der Tat etwas Derartiges gesagt, dann wäre allerdings die Anzeige der Lehrer nur Notwehr gewesen, und kaum der Schein einer unschönen Handlung bliebe an ihr haften. Was mich aber mehr empörte als dieses Gerücht, war die allmählich ans Tageslicht kommende Tatsache, daß es bald inbezug auf das von mir unterschriebene Protokoll allenthalben in Repräsentantenkreisen unwidersprochen hieß: Ich hätte zugegeben, das gesagt zu haben, was in der Niederschrift des Direktors stand. Niemals habe ich das zugegeben. Zugegeben habe ich vielmehr, daß dies ein falsch betonter, aller Begtündung ermangelnder Auszug aus einem dreieinhalbstündigen Privatgespräch sei. Das ist alles. Die Herren Jacoby und Lilienthal