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Die Welt · 1907-05-03 · 18 (3.5.1907) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
18 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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anfeuern zu müssen, um dem Minister ein Bein zu stellen. Ein paar Klosterleute, arme Franziskaner, haben den Fanatismus des tapfern Herrn heraufbeschworen oder müssen ihm wenigstens als Vorwand dienen, um eine „nationale" Komödie aufzuführen. Nachdem der von ihm vorgeschickte Herr Voltz sich durch den Abg. Dr. Porsch eine blutige Abfuhr geholt und Gelegenheit gegeben hatte, die ganz erbärmliche Kulturkämpferei der Nationalliberalen bloßzustellen, ging Herr Dr. Friedberg in seiner süffisanten Manier, der man alles eher. als ehrliche Überzeugung anmerkt, selber vor und maßte sich in echt nationalliberaler Dreistigkeit Urteile in Dingen an, die einen Judensprößling absolut nichts angehen und von denen er nicht das mindeste versteht. Als er dafür vom Kultusminister gebührend abgefertigt wurde, polterte er los, daß er illoyal behandelt werde. Die nationalliberale Presse nimmt sich natürlich des kläglich abgeführten Helden an und versichert, der Minister habe ihn ohne jeden Grund schroff behandelt; Herr Friedberg habe rein sachlich gesprochen. Der Mann, der es für die erste Pflicht eines Staatsmannes erklärt, mißtrauisch gegen die katholische Kirche zu sein, will „rein sachlich" sprechen. Es ist nicht nötig, die Unwahrheiten dieser Darstellung zurückzuweisen, der Paflamentsbericht selbst ist die beste Widerlegung. Man achte aber darauf, in welcher Weise hier alle nationalen Empfindungen verhöhnt werden und wie demagogisch das religiöse Interesse der Leser zur Trübung des Urteils aufgestachelt wird. Schließlich gewährt es einen eigenen Reiz, den Antisemitismus in seiner häßlichsten Gestalt hier bei dem Blatte einer Partei zu beobachten, die anderswo, z. B. in Köln, mit rührendem Eifer die jüdischen Wähler zu sich herüberzuziehen trachtet". Es gewährt einen eigenen Reiz, — um bei derselben Stilistik zu bleiben — zu beobachten, wie warm sich die „Kölnische Zeitung" für die Rechte der getauften Juden einsetzt, sie, die gegenüber der systematischen und fortgesetzten Mißachtung und Zurücksetzung der Juden in Deutschland nicht viel mehr als ein verlegenes Achselzucken übrig hat. Wir fragen: wie kann man von Antisemitismus reden, wenn der Christ Dr. Friedberg angegriffen wird, weil er früher Jude war? Wäre er Jude geblieben, hätte die „Kölnische Zeitung" gewiß auch den schärfsten antisemitischen Angriffen gegenüber sich ganz still verhalten, — allerdings wäre in diesem Falle Dr. Friedberg auch kein nationalliberaler Abgeordneter. Und was die Sache selbst betrifft, — wir schätzen die „Germania'* gewiß richtig ein, und auch wir wissen den Widerspruch zu würdigen, der zwischen dem Werben gewisser Zentrumskreise um jüdische Stimmen und den nicht seltenen pöbelhaften Antisemitismen der „Germania" liegt, Wir sind an solche Widersprüche leider nur zu sehr gewöhnt, auch und ganz besonders auf der nationalliberalen Seite. Aber wir müssen der „Germania" darin durchaus Recht geben, daß es gelinde gesagt, eine Unverfrorenheit ist, wenn jemand als deutscher Protestant gegen die Regierung, den Katholizismus und die Katholiken hetzt, der selbst eben erst sich von der heil- und mandatbringenden Wahrheit des Protestantismus „überzeugt" "hat. Nur mit den Juden hat das nichts zu tun. Dr. Friedberg scheint mit dem Austritt aus dem Judentum die guten Eigenschaften der Juden vollständig verloren zu haben, und wir legen Wert darauf, zu konstatieren, daß wir in diesem Falle besonders zufrieden sind, daß dieser Herr mit dem Judentum nichts gemeinsam hat. Wenn jemand auf ihn stolz sein will (und warum sollte es nicht auch solche Leute geben) so müßte es wohl die evangelische. Kirche sein. Aber kann sie wirklich den Ehrgeiz haben, Charakteren Platz und Verwendung zu bieten, denen die strengen Moralbegriffe des Judentums zu enge geworden sind? DIE GESCHICHTE DER AMTSENTHEBUNG EINES ZIONISTISCHEN RABBINERS Ein empörender Vorfall hat weite Kreise der Berliner Judenschaft in tiefe Erregung versetzt und wird nicht verfehlen, auch außerhalb Berlins und des deutschen Judentums peinliches Aufsehen und gerechte Entrüstung hervorzurufen. Wir beschränken uns an dieser Stelle darauf, Herrn Rabbiner Dr. Emil Cohn selbst die Geschichte seiner Suspension erzählen zu lassen. Er hat über diese Angelegenheit eine Broschüre geschrieben, die wir hier vollinhaltlich folgen lassen: Die Geschichte meiner Suspension. Dies ist die Geschichte meiner Suspension vom Amte des Predigers und Religionslehrers der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Von denjenigen gezwungen, die mich verurteilt haben, übergebe ich sie der Öffentlichkeit. Berlin, den 20. April 1907. Emil Cohn. 1. Ursache und Grund meiner Suspension. Am 7. Januar 1907 hatte ich mit meinem langjährigen Lehrer, dem jetzigen Direktor eines städtischen Gymnasiums zu Charlottenburg, ein dreieinhalbstündiges Gespräch über meine Anschauungen von Judentum und Judenfrage. Ich war in seiner Sprechzeit zu ihm gegangen, um mit ihm meine ev. Anstellung als jüdischer Religionslehrer an seiner Schule zu erwägen. Im Anschluß daran erfolgte mein Gespräch. Es ist die Ursache und der Grund meiner Amtssuspension geworden. Ich führe es dem Leser in kurzen Umrissen vor. Es begann nach einer herzlichen Begrüßung mit zwei Erklärungen des betreffenden Direktors: Er sagte zunächst, daß er keine Verfügung über die Stelle habe, sondern daß dies die Sache des Charlottenburger Magistrates sei. Sodann, daß der Magistrat den Unterricht an den drei städtischen Gymnasien nur auf einmal abgebe. Damit war für mich die Frage meiner Bewerbung in negativem Sinne erledigt: Ein Berliner Rabbiner kann nicht, abgesehen von seiner Tätigkeit, noch 18 Stunden wöchentlichen Unterricht erteilen. Trotzdem entwickelte sich im Anschluß eine im freundschaftlichsten Tone verlaufende Unterhaltung, die damit begann, daß mein ehemaliger Lehrer mich nach meinem jüdischen Standpunkt fragte. Als ich mich anfangs abwartend verhielt, entwickelte er mir zunächst seine eigenen Anschauungen. Ich teile sie mit, weil sie von der wesentlichsten Bedeutung für den ganzen Verlauf des Gespräches geworden sind: — Der Herr nennt sich einen Philosemiten. Er steht auf dem Standpunkt Bismarcks: Ein arischer Hengst und eine semitische Stute ergeben eine gute Mischung. Er ersehnt das völlige Aufgehen der Juden im Deutschtum. Er ist für die Mischehe, kann auch jn der Taufe nichts Ehrenrühriges sehen, selbst wenn sie nicht aus Überzeugung erfolgt. Er fragte mich, ob ich nicht auch ein solches Aufgehen ersehne. Er jedenfalls freue sich über jeden jüdischen Vater, der seine Kinder in den christlichen Religionsunterricht schicke, und sei stolz, daß derer auch an seiner Schule nicht wenige seien. Das war der Standpunkt des Herrn Direktors. Als ich ihn vernahm, geriet ich in die tiefste Verwunderung. Ich begriff nicht, wie ein liberaler Direktor zu solchen Ideen kommen konnte, und noch viel weniger, wie er die gleichen Ideen bei einem Rabbiner voraussetzen konnte. Ich habe es in diesem Augenblicke nicht über mich gewinnen können, seinen Ausführungen nicht entgegenzutreten. Ich ahnte nicht, was für Folgen dies haben würde. So sagte ich dem Direktor rund heraus, daß es durchaus nicht meine und ebenso wenig meiner jüdischen Brüder Ansicht sei, daß wir aufgehen müßten; ich für meinen Teil müßte die Mischehe absolut verwerfen, auch an den jüdischen Kindern im christlichen Religionsunterricht könnte ich keinen Gefallen finden, ebensowenig an der Taufe ohne innere Überzeugung. Wir Juden wollen aber nicht nur, wir können auch gar nicht aufgehen. Schon wegen unserer Religion nicht. Denn sie ist untrennbar mit unserem Stammestum verknüpft. Ich wies ihm das an der Hand des Auserwählungsgedankens historisch nach, kam auch im Anschluß daran auf meinen Zionismus zu sprechen, der für mich 2

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