Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Feind bloßlegen. Denn wir vermuten wohl mit Recht, daß Mr. Lucien Wolf hier nicht Feuilietonist, sondern der Politiker sein wollte, der ein Schlagwort ausgeben möchte. Wir kennen ja dieses Schlagwort. Es ist von recht bösegiftiger Art. Es gibt Schlangen, die so sanft den Menschen umfangen, daß er sie nicht merkt, — aber der kleinste Biß dieser Schlangen ist unbedingt tötlich. Sanft und vorsichtig ist auch die Schlangenwendung von Zionismus, jüdischer Heimstätte — und (angeblichem) Verzicht oder dadurch bedingtem Verlust der staatsbürgerlichen Rechte in den Ländern des Golus. Ludwig Geiger hat den vergifteten Sophismus lange vor Wolf ausgenützt, viel gröber, aber auch weit offener. Und nach Geiger tat es jüngst in Rußland Winawer mit seiner „Volksgruppe", — nicht so grob, aber auch mit einer gewissen Offenheit. Herr Lucien Wolf mußte erst nach Rumänien fahren und sich einen Kronzeugen und Philozionisten von der Qualität Sturdzas ausleihen, um seinen antizionistischen Trick an den Mann zu bringen? Wie diplomatisch, wie feuilletonistisch, - - wie ungeschickt und unmannhaft! Auseinandersetzen werden wir uns mit Herrn Wolf nicht. Mögen es seine territorialistischen Freunde in Rußland tun, die zur Zeit, als die „Volksgruppe" die Zionisten zu „Ausländern" stempelte, die durch die Forderung eines jüdischen Gemeinwesens die Emanzipation der russischen Juden störten, öffentlich diese Angriffe mit denselben Argumenten zurückwiesen wie die Zionisten, weil sie, obwohl nicht apostrophiert, fühlten, daß der Territorialismus durch dasselbe Gift bedroht sei. Aber die russischen Territorialisten verstehen offenbar die Prinzipienbiegsamkeit der Londoner Meetings nicht, die alles will und kann: Ja, wir sind national, — aber wir sind es nur in diesem oder jenem Sinne. Ja, wir wollen Autonomie, aber nicht die, die man vermuten könnte. Ja, wir wollen ein Territorium, aber nur für die und die Zwecke! „Die irreführenden Grundsätze Herzls sind an allem schuld!" sagt Mr. Wolf. Mr. Lucien Wolfs prinzipielle Gedächtnislosigkeit geht zu weit. Er hat den Tag vergessen, da er vor aller Welt seine Hand nach Herzls Erbe ausgestreckt hat. Die Amtsentsetzung eines zionistischen Rabbiners Eine kurze Brücke führt von dem raffiniert-dialektischen Kunststücke der Geiger und Wolf zu einer Afraire, die als „Fall Dr. Cohn" sogar parlamenisfähig geworden ist und die zumindest die jüdische Welt in Deutschland in ungewöhnlichem Maße beschäftigt. Wir bringen an anderer Stelle die dokumentarische Darlegung des Falles, die der Betroffene selbst der Öffentlichkeit unterbreitet. Man wird am besten tun, für die Beurteilung der Sache sich die Ruhe und Würde, die dieses Schriftstück auszeichnet, zum Beispiel zu nehmen. Der „Fall" ist, obwohl Dr. Emil Cohn viel erzählt hat und sich offensichtlich bestrebt, das Schärfste zu verschweigen --der Fall ist im Grunde recht einfach. Herr Dr. Cohn hatte eine theoretische Unterhaltung mit einem christlichen Gymnasialdirektor über Judentum, Antisemitismus, Staatsbürgertum usw. Was Herr Dr. Cohn dem Direktor bei dieser Gelegenheit auseinandersetzte, war ehrlich, aber für uns in keinem Punkte neu. Es ist die Gedanken-und Gefühlswelt, in der wir heimisch sind, und in den Hauptsätzen das A.-B.-C. des Zionisten. Neu aber, erschreckend neu war diese Welt für den Herrn Direktor, der sozusagen missionarisch angelegt und von einem schwindsüchtigen, demütigen Judentum umgeben, in dem zionistischen Rabbiner einen förmlichen Revolutionär erblickte. Für Dr. Cohn, der seit langen Jahren Zionist ist, waren viele seiner Ideengänge so selbstverständlich, so sehr durch das Leben gekräftigte Gewohnheit, daß er unbewußt ausführliche Erklärungen vermied, die, wie die Folge zeigte, bei einem Herrn von der Art des christlichen Gymnasialdirektors nicht wegfallen durften, wenn nicht vollständiges Mißverstehen das Ergebnis der Unterhaltung sein sollte. Was nun folgte, ist, weil es eben entweder auf Mißverstehen des Direktors oder auf einer Auffassung von der Rolle des Judentums beruhte, die für uns demütigend und beschämend ist, in prinzipieller Hinsicht weniger interessant. Gegner des Zionismus aus Unverstand, aus Assimilationssucht oder Knechttum, auch christliche Gegner aus Geschäfts-, Toleranz- oder Missions-Antisemitismus heraus sind für uns keine neue Erscheinung, wir haben sie immer gehabt und werden auch für die Zukunft mit ihnen zu rechnen haben. Und da es keine willkürliche Konstruktion, sondern ein historischer Prozeß ist, der in seinem Verlaufe allmählich zur Aufhaltung des durch Judenhaß und Toleranz- Liberalismus verschobenen jüdischen Problems beitragen wird, so müssen wir, indem wir unbeirrt das Unsere tun, geduldig warten, bis für alle Welt in Theorie und Praxis die absolut nicht disharmonischen Beziehungen zwischen Zionismus, jüdischem Nationalismus und unserer staatsbürgerlichen Stellung sich geklärt haben werden. Empörend, im höchsten Grade empörend war sicherlich die Art, wie die Gern ein derepräsentanz dem Rabbiner-Dr. Cohn die Wege zu seiner Rechtfertigung und Rehabilitierung abschnitt. Aber es werden sich gewiß „Dreyfusards" finden, die dem5 Dr. Colin ein gerechtes Forum schaffen werden, — und dann: Man ist von den jüdischen* Repräsentanzen leider Vergewaltigungen und Demütigungen ihrer Beamten gewohnt. Und daß die Repräsentanzen, sich stützend auf die Macht des Geldsackes und vorläufig noch auf die Macht der Majorität, ihren Beamten zurufen: „Sie sind bei uns in Lohn und Brot, Sie haben unsere Anschauungen zu vertreten" ist eine sehr traurige, aber alte Weise. Das Empörendste aber, das beschämend Charakteristische an dem Falle scheint uns die Inszenierung der „Anklage" hinter den Koulissen zu sein. Schleier werden von der Psyche, die doch noch die eines ansehnlichen Teiles der deutschen Juden zu sein scheint, weggezogen, die uns ein Bild enthüllen, das wir glaubten, nicht mehr sehen zu müssen: Diese Oberlehrer, die ihren Kollegen verleugnen und die direkt oder indirekt zu dem unerhörten Schauspiel beigetragen haben, daß ein Rabbiner ohne Gericht einem christlichen Direktor als verurteilt ausgeliefert wurde, die Tatsache, daß der Direktor mit dieser Psychologie der Oberlehrer rechnen durfte und auch die Repräsentanz diese Psychologie als eine Selbstverständlichkeit betrachten konnte, -— das alles zeigt uns: daß in Deutschland das jüdische Selbstbewußtsein und Gemeinsamkei'tsgefühl in Schichten sogar der berufsmäßigen Hüter unserer geistigen und ethischen Güter noch erschreckend tief steht. Und das ganze traurige Spiel weckt in uns Erinnerungen wieder wach, die wir verschweigen wollen, weil sie uns die Schamröte ins Gesicht treiben, Erinnerungen allerdings an eine andere Art Juden, die blutarm und schuldlos-ungebildet, vor den Schlachzizen im Staube lagen . . . Vom Fanatismus der Getauften Wir lesen in der „Kölnischen Zeitung" : „Das führende Berliner Blatt der Zentrumspartei, die „Germania", gibt ihren Lesern von dem Zusammenstoß zwischen dem Kultusminister und dem Abgeordneten Dr. Friedberg unter der Überschrift „Die loyalen Nationalliberalen" folgende Darstellung: „Da der verhaßte Kultusminister v. Studt immer noch nicht zurückgetreten ist, um einem Mann nach dem Herzen der Nationalliberalen Platz zu machen, werden diese täglich ruppiger in ihrem anmaßenden Auftreten, Herr Dr. Friedberg, bei dem das protestantische Bewußtsein immer noch nicht den Reiz der Neuheit verloren hat oder der befürchtet, man glaube nicht rechr an seinen Protestantismus, wenn er nicht als Zionsvvächter d'LJ Alarmtronipete gegen Rom blase, glaubte gestern im Abgeord netenhause wieder als Klosterstürmer die Kulturkampfinstinkte der vom Evangelischen Bunde belogenen und verhetzten Masse