Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XL JAHRG, KÖLN, 3. Mai 1907 p-tfr6 nWtf "V\x No. 18. D DI REVUE DER WOCHE 0 D Ein „ehrlicher" Gegner In der letzten Nummer des „Jewish World" veröffentlicht Lucien Wolf einige Notizen über seine Reise anläßlich der jüngsten Judenhetze in Rumänien. Bei dieser -Gelegenheit hatte er eine Unterredung mit dem Premierminister Demeter Sturdza. Nachdem er die antisemitischen Gesinnungen dieses Herrn in ihrer ganzen Gewöhnlichkeit gekennzeichnet hat, fährt er fort: Ich darf nicht vergessen, zu erwähnen, daß, als ich sagte: „Die Juden sind einmal in Rumänien drin, und die Rumänen können sie jetzt nicht so ohne weiteres los werden!" er (Demeter Sturdza) mich mit einer richtigen Abhandlung über den Zionismus unterbrach. Er sagte, daß die Bewegung an Ausbreitung gewinne, und er betrachtete dies gewissermaßen als einen Umstand, geeignet, die Lösung der ganzen Frage zu verhindern. „Ich finde den Zionismus sehr natürlich," sagte er. „Wenn ich ein Jude wäre, würde ich sicher ein Zionist sein. Aber ich würde nicht zu gleicher Zeit verlangen, eine andere Nationalität zu erhalten. Ich würde meine ganze Kraft dazu verwenden, das neue Judäa aufzubauen und dorthin auszuwandern." Und dann fragte er mich triumphierend: „Wie können Sie sagen, die Juden seien wert, unser Bürgerrecht zu erlangen, und würden ungerechterweise von uns als Fremde betrachtet, wenn sie in ihren eigenen zionistischen Grundsätzen offen bekennen, daß sie Fremde sind?" Natürlich entgegnete ich, daß der Zionismus nur eine leidenschaftliche Reaktion gegen die Verfolgung sei. Nichtsdestoweniger konnte ich nicht umhin, einzusehen, wie schwer der Mißgriff war, den die Zionisten begangen haben. M. Sturdza selbst hat nicht so viel getan, um die Emanzipation der Juden in Osteuropa zu hindern, wie die irreführenden Grundsätze des verstorbenen Dr. Herzl. Mr. Lucien Wolf hat sich bekanntlich mehrfach gehäutet: Er war ein fanatischer Gegner des jüdischen Nationalismus und ein erbitterter Kritiker und Verneiner eines jüdischen Gemeinwesens. Er hat vor aller Öffentlichkeit seine Anschauungen und Programme gewechselt Unter gewissen Reservationen und vorsichtig zögernd, wie sich das für einen Politiker schickt, der ernst genommen werden will, gestand er zunächst, daß sein Lieblingsdogma, die Judenfrage müsse und könne nur in Rußland gelöst werden, doch sozusagen und gewissermaßen einer Korrektur bedürfe, bekundete er sodann seine Sympathie für die Gründung einer jüdischen Kolonie (aber nur ja ohne jede autonom-jüdische Verwaltung!), bekannte ersieh schließlich für ein autonom-jüdisches Gemeinwesen, zunächst mit etwas und später mit mehr Nationaljudentum, — das alles in Briefen, Botschaften und Reden, die in ihrer schärferen oder schwächeren Auffärbung der wichtigen Momente dem Publikum und der Gelegenheit angepaßt waren. Nur in einem Punkt ist Lucien Wolf ganz und gar und ohne Zweideutigkeiten der Alte geblieben: in seinem Antizionismus. Auch auf das Risiko hin, daf3 Mr. Lucien Wolf sich zu einer weiteren Wandlung versucht fühlen und daß diese Wandlung durch die Auffrischung einer Reminiszenz erschwert werden könnte, möchten wir daran erinnern, daß er es gewesen, der nach dem VII. Kongreß den Scharfblick besessen hat,den Zionismus mit einer lapidarischen Kürze für tot zu erklären, mehrmals hintereinander für absolut mausetodt. Und daß er es gewesen, der in kühnem Staatsstreich das ErbeTheodor Herzls für sich und seine Kollegen vom Territorialismus reklamierte (zu Herzls Lebzeiten hätte er unser zionistisches Vermögen am liebsten öffentlich durch ein Inquisitionsgericht verbrennen lassen). Ja, und noch eines muß der Vollständigkeit wegen gesagt werden: Herr Lucien Wolf ließ keine Gelegenheit vorübergehen, die von seinen Gnaden toten und enterbten Zionisten anzuklagen, daß sie nicht Frieden hielten und noch zu zucken wagten. Wir müssen gestehen, daß wir Herrn Lucien Wolf gegenüber etwas unhöflich waren: Wir und die anderen Zionisten mit uns haben seinen Deklarationen nicht die genügende Beachtung geschenkt. Wir haben trotz ihm fröhlich weiter gelebt und glaubten, stets Wichtigeres zu tun zu haben, als uns um die nach unserem Geschmacke etwas zu grotesk aufgeblähten' Proklamationen auf Londoner Meetings zu bekümmern. Und in dem frohen Bewußtsein, das Wort: „Die Totgesagten leben lang" recht deutlich bei uns bekräftigt zu sehen, ließen wir uns weder durch Herrn Wolf noch durch seine fröhlichen Klageweiber, die assimilatorisch-jüdischen Blätter, stören, die sicher heute nicht mehr glauben wollen, in wie fetten Lettern sie sein: „Der Zionismus ist tot!" der Öffentlichkeit unterbreitet haben . . . Ja, und nun, da man sich an den lebendigen Zionismus schnell wieder gewöhnt hat, hat man schon beinahe geglaubt — so still war Mr. Lucien Wolf geworden -— daß sein Antizionismus gestorben sei. Da taucht er plötzlich auf, versteckt, impressionistisch. — Aber wir kennen ja Herrn Lucien Wolfs Wandlungs- und Verwandlungskünste. Und darum glauben wir, daß sein Stückchen Antizionismus, verschämt hinter seine rumänischen Reiseeindrücke verschanzt, eigentlich etwas recht Unverschämtes ist oder werden kann. Und darum wollten wir das oben zitierte kleine Zwiegespräch aus seiner Umrahmung hervorziehen und es der Aufmerksamkeit von Freund und