Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-04-26 · 17 (26.4.1907) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
17 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316260--49236-3344191
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DER WIENER LIBERALISMUS . (Von unserem Korrespondenten.) II. Wenn man von dem Niedergange und Zerfalle der Wiener liberalen Partei spricht, kann man die qualifizierte Mitschuld der Wiener liberalen Presse nicht außer acht lassen. Eine liberale Parteipresse im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Die liberalen Zeitungen schillern freiheitlich, antiklerikal, von einer systematischen Vertretung eines großzügigen freiheitlichen Programmes ist keine Rede. Den Kampf gegen die Christlich-Sozialen führen sie seit Jahren nur sehr widerwillig oder gar nicht. Abonnentenfang, ein blühendes Inseratengeschäft, fette Dividenden, sie sind das Leitmotiv der Wiener liberalen Journalistik. Es steckt viel Tüchtigkeit aber verdammt wenig Gesinnung in ihr. Solcher Ballast würde die Geschäfte stören, und auf sie kommt es den wohlbestallten Herausgebern in erster Linie an. Diese Presse, fast ausschließlich von Juden „gemacht", zählt die politische Erziehung ihrer Leser längst nicht mehr zu ihren Aufgaben. Sie kennt freilich die journalistische Mache aus dem ff und erscheint oberflächlichen Beurteilern als unentwegt fortschrittlich und freisinnig. Sie führt in Österreich niemand, sondern läuft hinter den Ereignissen und maßgebenden Persönlichkeiten einher. Hat so eine liberale Zeitung, die allen deutschen Parteien dient, den Untertitel „demokratisch", „unabhängig", dann ist dies die Firmabezeichnung für verschämte politische Gesinnungslosigkeit. Es ist kein Wunder, daß die Wiener Liberalen mit einem so gearteten publizistische Apparat von Stufe zu Stufe sanken und als Partei ein Jammerdasein führen. Sie können nicht leben und wollen nicht sterben. Am 17. April d. J. haben sie allen, die es nicht wußten und nicht glauben wollten, den untrüglichen Beweis geliefert: die liberale Partei in Wien ist mit ihrem Latein zu Ende. Sie wollte sich noch einmal aufraffen und vor den Wahlen zeigen, daß sie doch über nennenswerten Anhang verfüge und noch nicht zu den politisch Toten gehöre. Der Versuch ist kläglich mißlungen. Die geplante Massenkundgebung, die in einer in ganz Wien plakatierten Monsfreversammlung erfolgen sollte, hat mit einem selbst von den liberalen Zeitungen zugestandenen und vielbejammerten Fiasko geendet. Die „Neue Freie Presse" hat dem Mißerfolg sogar einen lamentablen Leitartikel gewidmet. Eine andere liberale Zeitung hat am Tage nach der Versammlung geschrieben: „Die liberale Partei ist eine Armee, die nicht einmal mehr eine ordentliche Parade zustande bringt! Wie soll sich das Heer in den Schlachten bewähren, wenn schon bei den Manöverübungen eine solche Unfähigkeit der Führerschaft, eine derartige Disziplinlosigkeit der Mannschaft und Zerfahrenheit an allen Ecken und Enden wahrgenommen wird, wie sie sich in der gestrigen ersten großen Wählerversammlung der Fortschrittlichen im Musikvereinssaale zeigten? .... Die Versammlung bedeutet eine Niederlage auf dem Paradefelde!" Die liberale Wiener Presse hat selten den Mut oder den guten Willen aufgebracht, durch freie offene Kritik an der Wiener Fortschrittspartei, durch rücksichtslose Aufdeckung ihrer Mängel und rücksichtslose Kennzeichnung unfähiger, eigennütziger, schädigender Führer dem Zerfalle der Partei entgegen zu arbeiten und eine Besserung der Verhältnisse anzubahnen. Sie hat im Gegenteil Jahre hindurch ihre Leser und die liberalen Parteigänger in eine kritiklose, blinde Verehrung aller liberalen Oberbonzen eingelullt. Was in Wien liberal hieß, einen Titel hatte, eine führende Stellung in der Partei auf Grund dieses Titels oder eines entsprechend gefüllten Geldsacks beanspruchte und bekam, war sakrosankt. Die Kritik wagte sich an diese Pächter und Schädiger des liberalen Gedankens nicht heran. Wie groß muß das Fiasko jener Parade gewesen sein, wenn diese Blätter plötzlich zur Erkenntnis der völligen Ohnmacht und Unfähigkeit der Wiener Liberalen kamen und mit dem Systeme, die öffentliche Meinung über die wahre Stärke der Liberalen irre zu führen, brachen! Es war auch recht kläglich. Alles versagte. Ein unfähiger Vorsitz, schwache Kandidatenreden, geringer Besuch. Die Regiekunst der Liberalen ist dahin. Mit der Renaissance des Wiener Liberalismus, von dem Optimisten hie und da schwärmen, wird wohl bei dem jetzigen Material an Führern, Wählern und liberalen Journalisten vorläufig nichts zu machen sein und die „Neuorganisation der Freisinnigen Wiens", für die die „Neue Freie" im letzten Sonntagsblatt unter dem ungünstigen Eindruck der Musikvereinssaal-Versammlung eintritt, wird nicht zur Tat werden. Die offizielle Kanditatenliste der Deutschfortschrittlichen ist endlich nach monatelanger Kulissenarbeit veröffentlicht worden. Sie deckt die Schwäche der Liberalen allzu deutlich auf. In einem Wahlkreis der innern Stadt präsentiert das Zentralkomitee seinen jüdischen und liberalen Wählern einen antisemitischen Kompromißkandidaten, einen Mann, der vor drei Jahren noch im christlichsozialen Bürgerklub gesessen ist, der heute der antisemitischen Deutschen Volkspartei angehört und Herausgeber eines unverhüllt judenfeindlichen Tagblattes ist. Sein Pendant auf der Kandidatenliste der Fortschrittlichen ist in der Leopoldstadt der Vizepräsident der Kultusgemeinde Dr. Gustav Kohn. Er ist ausersehen, den jüdischen Wahlkreis der Leopoldstadt der Deutschen Fortschrittspartei zu erobern. Es wird, wenn die Spekulation gelingt, ein famoser Eroberungszug werden! Die Leopoldstadt mit ihrer jüdischen Majorität als deutscher Wahlkreis figurierend und Herr Dr. Gustav Kohn als deutschfreiheitlicher Volksvertreter gepriesen — es wäre zum Lachen, wenn man dabei mit jüdischen Interessen kein so frivoles politisches Spiel treiben würde. Diese Kandidatur ist eine politische Verlogenheit sondergleichen. Man mißbraucht einfach die Stellung Dr. Kohns in der Kultusgemeinde zu deutschliberalen Parteizwecken. Es ist das Werk derselben die Kultusgemeinde beherrschenden plutokratischen Clique, welche auf die Wiener Judenheit die Schmach der Taussig-Affäre geladen hat und sich durch ein erzreaktionäres Kultuswahlrecht ungebührlichen Einfluß sichert. Herr Dr. Kohn ist der Mitschuldige dieser großkapitalistischen Koterie und muß in einem ernsten politischen Kampfe auf die Unterstützung nationalgesinnter, freiheitlicher Juden unter allen Umständen verzichten. Es ist bedauerlich, daß er sich zu der wenig dankbaren Rolle, der verkrachten Fortschrittspartei aus der tötlichen Verlegenheit herauszuhelfen, überhaupt hergibt. Herr Dr. Bloch, der in so geschmackvoller Weise für seine Kandidatur un.d sein Blatt die Reklametrommel gerührt hat, mußte freilich zu Gunsten des Vizepräsidenten der Kultusgemeinde, von der er einen „Ehrensold" bezieht, zurücktreten. Nebenbei bemerkt: Er macht sehr verschämt hiervon Mitteilung und verschweigt, wohl nicht unabsichtlich, daß der Rücktritt zu Gunsten eines vom Deutschfortschrittlichen Zentralwahlkomitee nominierten Kandidaten erfolgt. Herr Dr. Bloch ist wirklich ein selbstloser und einzig würdiger Kandidat gewesen! Die Wiener Zionisten werden als unabhängige Partei, die nicht für ein Mandat oder eine Person, sondern für einen großen nationalen Gedanken den Kampf aufgenommen haben, auch Herrn Dr. Kohn gegenüber die Kandidatur Dr. Schälks aufrecht erhalten und mit ihrer ganzen agitatorischen Kraft und Begeisterung fördern. Das Schicksal der Deutschfortschrittlichen in Wien läßt sie kalt. Sie haben eine nationale Aufgabe zu erfüllen, kennen ihr Ziel und fühlen sich sehr wohl in dem scharfen Kampf, den sie gegen jede Art von Assimilation und gegen alle Schädlinge derfreien nationalen Entwicklung führen. R. W.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.