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Die Welt · 1907-04-26 · 17 (26.4.1907) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
17 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
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"^KLEINES FEUILLETON^ In Wilhelm Wachtels Atelier Von Thekla Blech (Wien). Es gibt unter den Vertretern der modernen Kunst wohl wenig Maler, die ihre Persönlichkeit so preisgeben wie Wilhelm Wachtel, und wenige, die in der Seele des Beschauers so viel Persönliches oslösen können wie er. Und da die Schönheit; der Kunst nur in dem Eindruck,, den sie hervorzubringen imstande ist, liegt, so haben wir hier die Erklärung der großen, seelischen Rückwirkung, die speziell den jüdischen Bildern Wachtels eigen ist, und das tiefe Verstehen, das ernste Fühlen, der eigenartige Schmelz seiner Bilder ist nichts . als lyrische Ichstimmung, die als Äußerung einer großen ernsten Künstlerseele fesselt und ergreift. Wilhelm Wachtel ist einer unserer Jüngsten. Er wurde zu Lemberg im Jahre 1875 geboren und studierte in Krakau, wo er durch längere Zeit ein Schüler Stanistawskis war, sodann in München, Es ist noch gar nicht so lange her, daß er am Anfang des künstlerischen Dornenweges stand, auf dem er nun bereits ein schweres und anerkennenswertes Stück zurückgelegt hat. Die Richtung der verflossenen Jahre ist auch auf Wachtel nicht ganz ohne Einfluß geblieben. Dies ist besonders deutlich in „Ewiges Hoffen" zu sehen, wo die Spuren einer zu stark aufgetragenen, gemachten Symbolistik unangenehm hervortreten. Aber bald gelang es ihm, sich von diesem Einflüsse loszumachen, und seine gesunde Künstlernatur rang sich zu einem originellen feinsymbolischen und subtilen Schaffen, zu dem ihn seine eigentliche Veranlagung und ein richtiger Instinkt drängten, durch, und schon im „Träumer auf der Mauer" gelingt es ihm, den Zauber einer melancholischen Nacht, den kostbaren Reiz einer sehnsüchtigen Träumerei rein und voll auszulösen. Hier ist er auch bereits frei von allen Schlacken und Beeinflussungen, eine bewußte, starke Individualität, der keine malerischen Wirkungen versagt bleiben. Eine ganz sonderbare Nackenlinie ist ihm eigen. Sie findet sich fast überall. Wir sehen sie in „Ewiges Hoffen", im „Träumer auf der Mauer" und auch im „Asra", einemBilde, das noch in München entstanden ist. Überall begegnet uns, und zwar hauptsächlich in der Gestalt des Mannes, diese eigenartige Kopfhaltung, wie die demütige Neigung eines Königs vor dem Allerheiligsten, und die geschwungene, kraftvolle und gleichzeitig weiche Linie des Nackerfs. Wilhelm Wachtels Künstlernatur ist rastlos und schaffend. Die Fülle von Material, die in seinem Innern aufgespeichert ist, drängt ihn fortwährend zur Arbeit. Leicht von Stimmungen übermannt und beherrscht, drängt es ihn, fortwährend Neues zu schaffen. Trotzdem in seinen Werken bereits die Ruhe, Abgeklärtheit und Sicherheit des Fertigen vorhanden ist, blüht in seinem Herzen tein ewiger Frühling, und seine Seele durchzittert eine ewige Sturm¬ und Drangperiode. Dies mag vielleicht auch der Grund sein , der ihn bisher gehindert hat, ein großes Werk zu vollenden. Gedrängt von momentanem Empfinden, läßt er sich vom Augenblicksgefühl leiten. Und so ist vielleicht auch eine Serie von Bildern aufzufassen, in der ein Gefühl sich fortwährend variiert. Es ist „das hohe Lied", ein Zyklus von Bildern, der mit wunderbarer Stimmung und Technik gearbeitet ist. Ein tiefes Gefühl der Inbrünsten Feierlichkeit gekleidet. Und da tritt auch Wachtels hohe Begabung für dekorative Kunst deutlich hervor. Jedes Stück der Umrahmung ist eine vollwertige Leistung. Ich möchte mir auch nicht versagen, auf ein Bild hinzuweisen, das in seinem abgeklärten Farbensinn und der tiefen Empfindung die schwerblütige Natur Wachtels verrät. Das ist das Doppelporträt „Am Gardasee". Eine Mondnacht, im Hintergrund grüne, weitgehende Wogen, von der zauberhaft beschienenen Landschaft heben sich zwei Köpfe ab, der Mann und das Weib. Alles ist in ein wunderbares* abgetöntes Licht getaucht, wie überhaupt Wachtel einen ausgeprägten Farbensinn besitzt und Glück in Lichteffekten hat. Wie ich bereits eingangs erwähnte, war Wachtel ein Schüler Stanistawskis. Diesem Einflüsse verdankt er auch sicherlich seinen Sinn für stille Landschaften mit weiten Ebenen und für die süße, helle Freundlichkeit derselben. Auf seinen Landschaftsbildern liegt eine wunderbare Ruhe, es fesselt ihn da irgendein Baum, ein Strauch, ein Fels, und gerne verliert er sich dann in schweigende . Dämmerung. Aber — und dies gilt für Wachtels Art überhaupt — so innig, verträumt und subtil seine Bilder sind, es spricht aus ihnen etwas Helles und Lebensfreudiges den Beschauer an, seine Schwermut ist fern von allem Krankhaften und Weichlichen, eine ernst lächelnde, nachdenkliche Bejahung. Und nun komme ich zum jüdischen Wachtel. Ein Bild als Ganzes kann sicherlich nur je nach der Subjektivität des Beschauers empfunden werden. Schon Lessing spricht das in seinem Laokoon aus: „Dasjenige aber nur allein ist fruchtbar, was der Einbildungskraft freies Spiel läßt. Je mehr wir sehen, desto mehr müssen wir hinzudenken können; je mehr wir dazudenken, desto mehr müssen wir zu sehen glauben." Und hier, wo ich vom jüdischen Wachtel zu sprechen beginne, empfindeich deutlich den großen, subjektiven Einfluß seiner jüdischen Bilder, die in uns, die wir jüdisch fühlen können, so viele Erinnerungen wecken und so große Empfindungen loslösen. Und wenn, wie Oskar Wilde irgendwo sagt, jede wahre Schöpfung subjektiv ist und sein muß, dann liegt in Wachtels jüdischen Bildern gleichzeitig ein starkes und stolzes Bekennen. Was uns hierbei besonders fesselt, ist vielleicht weniger künstlerische Vollendung, Form, Ausführung — ohne daß man sie zu unterschätzen oder gar zu übersehen braucht —, sondern, was uns hier mächtig anzieht, ist, daß ein jüdisches Herz, ein Kind des Ostens in einer wunderbaren Sprache zu uns spricht. Und wenn wir vor seinen anderen Schöpfungen Bewunderung und Anerkennung empfinden, so durchzieht uns vor seinem „Passant" eine tiefe Rührung, es ist wie ein Ton aus der Vergangenheit, der zu uns dringt, — und sind wir nicht selbst die Gestalt vor dem Fenster, der heimgekehrte, moderne Jude, der ins Zimmer blickt, wo die alte Frau Kerzen zündet, und dessen Herz ein Wunderbares Sehnen erfaßt? Oder die düstere Schönheit des „Trauerhauses", die so tief erschüttert. Dieser vertraute Jammer, diese ganze Stube voll Leid und wildem Gram! Das sind die typischen, jüdischen Leidensgesichter, das verkörperte Golus! Die „Disputation" ist vielleicht das jüdischste seiner Bilder. Der überlegen lächelnde, nachdenklich den Bart streichende Rabbi ist mit großer Liebe und Vollendung gezeichnet und sticht seltsam ab gegen die eifernde und lärmende Art des Mönches, bei dem Wachtel harte Linien nicht gespart hat. Bis zur Höhe andächtiger Ergriffenheit führt uns sein „Jom- Kippur". Der Rabbiner, das Haupt verhüllt, den Kopf in die Hände vergraben, und hinter ihm die bewegte Gemeinde, die die Schauer des gewaltigen Kol-Nidregebetes noch durchzittert, jeder in den Tallis gehüllt, und über allen liegt es wie ein gewaltiges Bangen und ein furchtsames Beben vor dem Tage der Abrechnung und vor dem strafenden Gott, der die Sünden der Väter heimsucht bis in das dritte und vierte Geschlecht .... Es würde zu weit führen, alle seine Arbeiten hier zu besprechen. Es gibt da kleine, bescheidene Studien, die wie stille, ruhige Menschen sind, mit einem feinen Adel der Linie und einer süßen Verträumtheit. Unter seiner Hand entstehen heute gewaltige Motive, morgen abgetönte Dämmerungen, jetzt flammende Leidenschaften

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