Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 17 DIE EqKELT 13 In unserem Parlamente ist es geradezu eine Notwendigkeit, daß wenigstens ein jüdischer Abgeordneter da sei, der die hebräische Sprache beherrscht und, mit unserer mehrtausendjährigen Literatur vollständig vertraut, mit dem Rüstzeug aus diesem Arsenale der Offenbarung der Menschenliebe und der höchsten Morallehre ausgestattet, den Lügnern und Verleumdern des jüdischen Volkes entgegentreten kann. Ich halte Herrn Dr. Bloch für diesen Mann und habe es wiederholt Freunden und maßgebenden Wählern gegenüber betont, daß ich in Fragen von so weittragender Bedeutung nicht nach meinem eigenen Empfinden, sondern nach dem Interesse des Judentums mich richte. Salus Populi summa lex. Nun, lieber Freund, haben Sie auf Ihre wiederholten langen Briefe einmal auch von mir ein langes Skriptum bekommen. Ich freue mich selbstverständlich über Ihre wohlverdienten Jubiläen und wünsche Ihnen ein langes, ebenso tatenreiches Leben im Dienste unseres Volkes wie bisher. Mit vorzüglicher Hochachtung und herzlichen Zionsgrüßen Ihr Dr. Kahn. Offener Brief an Herrn Dr. Leopold Kahn Sehr geehter Herr Doktor! In Nr. 13 von Blochs „Österreichischer Wochenschrift" vom 29. März d. J. ist ein Brief von Ihnen an die Adresse des Herrn Dr. Lippe in Jassy abgedruckt. Ich muß annehmen, daß dieser Brief der genannten Zeitschrift von Ihnen zur Verfügung gestellt wurde. Herr Dr. Lippe ist über den Verdacht erhaben, er könnte einen Privatbrief ohne oder gegen den Willen des Absenders der Öffentlichkeit übergeben haben. Darum nehme ich an, daß Sie diese Veröffentlichung veranlaßt haben, und ich setze voraus, daß Sie auch die Verantwortung hierfür vor der Öffentlichkeit nicht ablehnen werden. Sie erheben in Ihrem Briefe Vorwürfe gegen die österreichischen Zionisten und die österreichische zionistische Partei, die nicht unbeantwortet bleiben dürfen. Da ich mit Ihnen im prinzipiellen Teil Ihrer Ausführungen ganz übereinstimme, durch Ihre Kritik nicht betroffen, also auch nicht Partei bin, glaube ich zu dieser Anwort besonders gut legitimiert zu sein. Aus diesem Grunde glaube ich auf eine Erwiderung nicht verzichten zu dürfen, obwohl Sie bereits eine Antwort — aus dem Lager der Angegriffenen — erhalten haben. Was ich zu sagen habe, hat anderen Inhalt. Es ist Ihnen gut bekannt, sehr geehrter Herr Doktor, daß ich seit Jahren schon eine programmatische oder organisatorische Verquickung zionistischer Arbeit mit innerpolitischer Betätigung auf das schärfste bekämpft, daß ich die österreichische Landespolitik, wie sie von einem Teil der Zionisten seit IV2 Jahren inauguriert wurde, vom zionistischen Standpunkt aus immer für einen Fehler gehalten und öffentlich wiederholt als solchen gekennzeichnet habe. Mir aber, sehr geehrter Herr Doktor, ist ebensogut bekannt, daß Ihre Behauptung: „Wir, die alten Zionisten, haben an der gegenwärtigen Bewegung, am Eingreifen in die innere Politik, als Zionisten gar keinen Anteil", zum mindesten was Ihre Person betrifft den Tatsachen nicht entspricht. Sie haben an diesem Eingreifen in die innere Politik aktiven Anteil genommen. Als ich auf dem IV. österreichischen Parteitag die Trennung der österreichischen Landespolitik vom Zionismus gegen eine nicht sehr freundliche Opposition vertrat, da haben Sie, damals Mitglied des kleinen A. C, gegen diese Anschauung mit dem ganzen Temperament, das Ihnen zu Gebote steht, angekämpft; und damals hatte die von Ihnen gebrauchte Antithese zwischen alten und jungen Zionisten einen anderen, gerade den umgekehrten Sinn wie heute. Als nach dem Prager Parteitag dessen Majorität gerade wegen der Ansichten' in betreff der innerpolitischen Betätigung, die Sie heute in dem Briefe vertreten, in Versammlungen, in zionistischen, auch in halb- und sogar antizionistischen Blättern von Gesinnungsgenossen in einer ganz beispiellosen Weise angegriffen wurde, da haben Sie geschwiegen. Und als dann nach dem 7. Kongreß im Herbst 1905 die Frage der Wahlreform plötzlich auf die Tagesordnung und die Schlagworte von der jüdischen Kurie und der nationalen Autonomie der Juden in Umlauf gesetzt wurden, da sind Sie, der alte Zionist, wie ein ganz „Junger" mit in den Kampf gezogen und haben in jüdischen Volksversammlungen in Prag und in Bielitz für eine jüdisch-nationale Landespolitik der Juden in Österreich, für die nationale Autonomie gesprochen und agitiert. Konnten Sie so rasch daran vergessen? Es ist wahr, Sie haben dabei betont, das habe mit dem Zionismus nichts zu tun, nicht als Zionist träten Sie dafür ein, sondern als Jude (daß die innerpolitische Tätigkeit antizionistisch ist, haben Sie damals nicht gesagt), aber das was Sie damals sagten, sagen ja die heutigen Wortführer der jüdischpolitischen Partei Österreichs auch. Man hat es Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, damals ebensowenig geglaubt, als Sie selbst es heute Ihren eigenen Freunden von gestern glauben. Und Sie müssen doch wissen, daß zionistische Organisation und jüdisch-politische Partei streng verschieden sind, daß der Krakauer Parteitag diese Meinung als Prinzip ausdrücklich festgelegt hat. Sie sind ja in Krakau selbst hierfür eingetreten und waren bei der Beschlußfassung zugegen. Wenn Sie nun die politische Aktion heutq mißbilligen, die Sie gestern vertreten haben, wird Ihnen vernünftigerweise aus der Änderunglhrer Anschauungen niemand einen begründeten Vorwurf machen. Wenn Sie aber nunmehr aus diesem Grunde gegen die Gesinnungsgenossen in der jüdisch-politischen Partei Anklagen persönlichen Charakters erheben, wie sie in Ihrem dem Antizionisten Herrn Dr. J. S. Bloch zur Verfügung gestellten Briefe halb in, halb zwischen den Zeilen zu lesen sind, dann verdient Ihr Vorgehen die allerschärfste Mißbilligung jedes Gesinnungsgenossen, die schärfste von unserer Seite, die wir gegen dieinnerpolitischeTätigkeit sind und durch Ihre Handlung mit kompromiti.ert werden könnten. Für sich werden Sie hinsichtlich Ihrer früheren politischen Stellungnahme die reinsten Absichten in Anspruch nehmen; was gibt Ihnen dann aber das Recht, diese Anerkennung der ehrlichen Motive den anderen Gesinnungsgenossen zu verweigern? Etwa der Umstand, daß die anderen bei ihren Ansichten geblieben sind? Diese Gesinnungsgenossen hielten eben immer und halten noch heute die jüdisch-nationale Politik in Österreich für gut zionistisch. Sie aber, sehr geehrter Herr Doktor, haben diese Richtung unter Herzl für antizionistisch gehalten und halten sie jetzt wieder dafür. Nur in der Zwischenzeit haben Sie geglaubt, daß sie mit dem Zionismus vereinbar, daß sie ihm nützlich, daß sie eine Notwendigbeit für die Juden sei — also auch für die Zionisten oder für die in erster Reihe. In Krakau, im Juli 1906, haben Sie noch nicht gefunden, daß diese Politik antizionistisch ist. Dazu mußte erst gegen Dr. Bloch ein Zionist als Gegenkandidat aufgestellt werden, damit Sie sich veranlaßt sahen, Ihr besorgtes zionistisches Gemüt (ausgerechnet!) dem Herrn Dr. J. S. Bloch zu offenbaren, dem Manne der s. Z. Hand in Hand mit den perfidesten Gegnern Herzl und den Zionismus bekämpft hat. Auch ich glaube, daß die innerpolitische Aktion, die Forderung der jüdisch-nationalen Autonomie antizionistisch ist, d. h. im letzten Grunde unvereinbar mit den Grundgedanken des Zionismus — selbstverständlich meine ich das nicht subjektiv; ich bin sogar der Ansicht, daß zwischen Territorialismus und jüdisch-nationalerLandespolitik in der Diaspora in den Grundgedanken eine nahe Verwandtschaft besteht, mögen auch heute noch recht viele gute Palästinenser unter den Politikern sein. Und ich halte schließlich in Übereinstimmung mit Ihrer heutigen Ansicht die innerpolitische Aktion auch aus taktischen Gründen für bedenklich. Trotz dieser Übereinstimmung in den prinzipiellen Ausführungen haben Sie aber nicht im Namen derjenigen österreichischen Zionisten gesprochen, welche, wie ich, die innerpolitische Betätigung perhorreszierem Denn wir glauben, daß man, wenn man auch die Haltung unserer in der österreichischen Politik tätigen Gesinnungsgenossen nicht billigen kann, ihnen doch darum nicht in kritischen Augenbliken als Bundesgenosse ihrer Feinde in den Rücken fallen darf. Zu einer solchen Auseinandersetzung war vor dem Wahlkampf Zeit — damals aber vertraten Sie zufällig den entgegengesetzten Standpunkt — dazu wird auch nach den Wahlen Zeit und Gelegenheit sein. Heute aber, wo es kein Zurück mehr für unsere Gesinnungsgenossen gibt und wo manche unserer Besten im Kampfe ini Vordertreffen stehen, ist es eine Versündigung unverzeihlichster Art, in einer gegnerischen Zeitschrift einem Kandidaten, der auch Zionist ist, entgegenzutreten. Und nun noch eins: Sie möchten gerne einen Gegensatz konstruiert sehen zwischen alten und jungen Zionisten. Den aber gibt es nicht. Denn gerade von denen, die heute an der Spitze der Bewegung in Wien und Galizien stehen, haben die meisten im ersten Jahre schon im zionistischen Lager gestanden; und von denen, die Ihre heutige Ansicht schon fange vertreten, sind viele „junge" Zionisten. Wir kennen also diesen Gegensatz nicht. Wir kennen nur den Gegen-- satz zwischen Zionisten, die ihre Pflicht tun unter allen Umständen und die Disziplin halten — und solchen, die es nicht tun. Ein disziplinierter Zionist ist nur derjenige, der im Parteileben keine Ranküne und keine persönliche Kränkung kennt, dem in jeder Lage — ob er nun gestern ein Mitglied der obersten Leitung war und heute ein Soldat in den Reihen ist — der Wille der Gesamtheit allein maßgebend ist und der der selbstgegebenen Behörde sich fügend, unverdrossen auf dem Posten arbeitet, auf den er hingestellt ist. Dann aber kenne ich noch einen anderen Gegensatz: den zwischen alten und jungen Juden. Herr Dr. J. S. Bloch, dessen Verdienste um das Judentum ich gerne anerkenne, zählt für mich zu den alten Juden. Die Zeiten, wo es nichts Wichtigeres gab, als rüdeste