Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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12 DIEISIELT No. 17 zu können. Vielleicht — sage ich, obwohl ich vom Gegenteil überzeugt bin. Ist doch eine Bewegung wie die von Sabbatai Zwi, wie die der verschiedenen Pseudomessiasse, des Chassidisnius ein unerschöpflicher Born für Dramatiker. Aber die letzten Jahrzehnte waren sicherlich schwanger an dramatischen Momenten. Eine Volk bricht seine alte Daseinsform, kämpft um eine neue; große Dinge bereiten sich vor — was war, soll wieder kommen, die Geschichte soll wieder vonAnfang begonnen werden. Und inmitten derSchar derWolIenden,*— Reihen verjagter, verkrüppelter oder traumbefangener Seelen. Welche unendliche Reihe von Möglichkeiten ergibt sich da! Aber unsere Dramatiker in Potenz schwiegen. Und als sie zu sprechen begannen — da war unser Staunen erst recht groß. Wir haben bisher drei Dramatiker, mit denen wir überhaupt rechnen können — Gordin, Pinski und Asch. Von diesen ist der dichterisch Begabteste Asch, der technich Vollkommenste Gordin. Aber Gordin ist ein Dramatiker der Schablone. Er ist kein Künstler. Er schreibt für das Theater, er dichtet nicht. Und wo er zu dichten beginnt, da dichtet er schlecht. Auch sein größeres ins Deutsche übersetzte Stück: „Das Geld", das im Original den ungeheuerlichen Titel trägt: „Gott, Mensch und Teufel" ist oft interessant als Milieustück, wirkt aber beinahe grotesk, sobald das Milieuhafte aufhört und das Menschliche, die Kunst beginnt. An die größten Probleme des jüdischen Volkes hat sich Pinski, und ohne Glück herangewagt. Ein großes Problem der individuellen jüdischen Seele wollte Asch erfassen und gestalten — und hat bewiesen, daß er nicht kraftvoll genug dafür ist. Ist denn die jüdische Seele wirklich so flach, der jüdische Wille zur Heiligkeit und Reinheit so kleinlich, so schwach, wie Asch ihn im „Gott der Rache" schildert? Wenn ein Sünder seine Sünden bereut, ein neues Leben beginnen will — was muß er tun? Reue allein hilft nicht. Er muß sich selbst zuerst verleugnen, er muß dulden, im Dulden rein werden. Und wenn ihn auch Schicksalsschläge treffen, er muß die Strafe ruhig und ergeben hinnehmen. Und wenn auch „Gott nicht will", er muß seinen Weg gehen. Was tut aber Jankel Schepschowicz, der reuige Sünder im Drama von Asch? Er stellt eine Bedingung an seine Umkehr, er macht mit Gott einen Vertrag: „Gibst du mir meine Tochter frei, erhältst du sie keusch und rein, gut, dann werde ich dir fromm sein; wenn nicht — und das ist der Kulminationspunkt des Dramas — dann hinab mit allem, was mir teuer war, „hinab", in das Laster, in dem ich selbst lebte und leben werde." Ist dieser Geschäftsmacher der Zerknirschung eine tragische Persönlichkeit? Oder soll seine Tragik vielleicht eben darin bestehen, gdaß er keiner Reue fähig ist? Aber zu diesen dunklen Tiefen ist Asch nie hinabgestiegen. Er hat einfach von der Oberfläche des jüdischen Lebens geschöpft und hat das Gesehene nicht in Dichtung umgewandelt. Ein ernster und aufrichtiger Nationaljude sagte mir nach der Vorstellung des Dramas von Asch: Haben denn die jüdischen Dichter gar keine anderen Motive, als das gemeine Laster? Ist es denn nicht so etwas wie eine Profanation des Judentums, wenn man vor aller Welt gerade diese Seite des jüdischen Lebens hervorkehrt?" Er hatte Unrecht. Kunst ist Selbstzweck. Und Michelangelo hat einmal auch aus Straßenkot eine Statuette gemeißelt. Aber er hatte auch Recht. Denn das, was Asch gab, ist nicht allmenschlich, weil es nicht künstlerisch genug ist, aber auch nicht jüdisch, weil das Jüdische darin so oberflächlich ist,' eine ^3er Nebenschichten der jüdischen Seele. Wer wird aber diese selbst der Welt offenbaren, wer wird in den tiefen Schacht hinuntersteigen, um das zu zeigen, was wir noch nie sahen — jüdische Gestalten, von einem jüdischen Künstler gesehen? ... Trotzdem und alledem — wir glauben, noch an die jüdische Kunst. A. Cor. o" o o o If KORRESPONDENZEN ^Oo po°SBqP □!□ (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist, wie wir wiederholt bemerken, Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) Wir erhalten von Herrn Dr. Leopold Kahn nachstehende Zuschrift: Wien, 16. April 1907. An die verehrliche Redaktion der >}Welt", Köln. Wenn Sie, um den Brief des Herrn Dr. Mahler Ihre« Lesern unterbreiten zu können, sich veranlaßt fühlten, mein Antwortschreiben an Herrn Dr. Lippe vorher abzudrucken, so wäre es ein Gebot der Unparteilichkeit gewesen, daß Sie auch diesen seinem ganzen Wortlaute nach Ihren Lesern vorlegen. Da Sie den letzten Passus damit abtun, daß Aie im allgemeinen erklären, ich empfehle die Kandidatur des Dr. Bloch aufs lebhafteste, und hinterher gleich das Schreiben des Dr. Mahl er bringen, in welchem derselbe diese Empfehlung als speziell gegen Dr. Schalit gerichtet auffaßt, so müßte aus dieser Zusammenstellung gefolgert werden, daß auch Sie dieser Ansicht beitreten, was jedoch bei Ihren Lesern kaum der Fall gewesen wäre, wenn Sie auch den auf Dr. Bloch bezüglichen Schlußpassus ebenso wortgetreu angeführt hätten wie den polemischen Brief des Herrn Dr. Mahl er. Nachdem jedoch meine Befürwortung der Wahl Dr. Blochs aus ganz bestimmten jüdisch-nationalen Gründen nicht nur mit Bezug auf Dr. Schalit, dessen Aussichten in diesem Wahlkreise die schwächsten waren und der überdies auch in Tarnopol kandidierte, wo ich wenigstens seine Kandidatur für aussichtsreicher hielt, sondern mit Bezug auch auf die anderen Kandidaten, speziell Herrn Dr. Ofner und Herrn Kleebinder, erfolgt ist, welch ersterer wohl bisher die 'meisten "Chancen hatte, muß ich darauf bestehen und Sie höflichst ersuchen, diese Zuschrift und auch den Schlußpassus meines Briefes an Herrn Dr. Lippe in Ihrer nächsten Nummer als Nachtrag zu bringen. Was meinen Standpunkt an sich betrifft, ist derselbe den Lesern Ihres geschätzten Blattes aus meiner Verwahrung im vorigen Jahre bekannt. Seither ist im „Haolam" auch Herr Dr. Josef Klausner mit der ihm eigenen, auf strengster Logik beruhenden, Motivierung der Verquickung des Zionismus mit der innerpolitischen Tätigkeit in Rußland entgegengetreten. Im vorhinein dankend, zeichne ich hochachtungsvoll Dr. Kahn. Indem wir bemerken, daß wir den auf Dr. Bloch bezüglichen Schlußpassus im Briefe des Herrn Dr. Kahn nicht zum Abdruck brachten, weil er nach unserer Meinung für die prinzipielle Kontraverse ohne Bedeutung ist, entsprechen wir hiermit dem Wunsche des Herrn Dr. Kahn und lassen diesen Passus im vollen Wortlaut folgen: Schlußpassus aus dem Briefe des Dr. Kahn an Dr. Lippe. Was die Kandidatur des Herrn Dr. Bloch in der Leopold stadt I anbetrifft, so bin ich, verehrter Freund, nicht in der Lage, Ihrem Wunsche zu willfahren, nämlich dieselbe kräftig zu fördern. Ich bin schon über sechs Jahre vom zweiten Bezirke weg. Aber ich sehe die Kandidatur sehr gerne und wünsche derselben den besten Erfolg im Interesse unseres Volkes. Ich habe persönlich nie eine Differenz mit Herrn Dr. Bloch gehabt, und wenngleich mir sein seinerzeitiger Kampf gegen unseren verewigten Führer und den politischen Zionismus durchaus nicht sympathisch war, so bin ich objektiv genug, Ihnen zuzugestehen, daß sein Auftreten gegen Rohling allein schon eine um das Judentum hochverdiente Tat. war. Auch sein wiederholtes Eingreifen in Momenten, als ein Schneider und Gregor ig, von getauften gottverlassenen Juden inspiriert, Verdrehungen von Talmud- und Midraschstellen vorbrachten, daß er ihnen immer sofort das Falsche und Lügenhafte nachwies, waren Handlungen, wofür wir ihm um so mehr Dank und Anerkennung schuldig sind, als die anderen jüdischer1 Abgeordneten aus Mangel an Kenntnis ihres nationalen Schrifttums sich in die Ecke verkrochen und nicht den Mund aufmachten.