Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 17 DIE3§£ELT 11 ventionelle Lüge wollte es, daß die Reporter und Berichterstatter des „Berliner Tageblattes", die ganz genau über den Jargon unterrichtet sind und die Sitten der polnischen Juden gar nicht so schlecht kennen — sie geben sich bloß nicht zu „erkennen" — auf einmal vor Asch in heller Verwunderung standen und ihn wie etwas Neues, nie Gesehenes anstaunten. Warum das „Tageblatt" z. B. diesmal von seiner Sitte, alles Jüdische, besonders „Neujüdische", Aufstrebende, Nationale totzuschweigen, abgewichen ist und den „Zionisten" Asch in das Sanktuarium des Zeitungsruhms aufnahm, noch bevor das Stück zur Aufführung kam, ist mir nicht klar. Es war eine Sitte im alten Hellas, daß die Mitbürger des Siegers in den olympischen Spielen bei der Heimkehr diesem einen Kranz und ein marmornes Standbild widmeten. — Die jüdischen Schriftsteller haben den aus Berlin heimkehrenden Asch wohl kaum mit Kränzen und Päanen empfangen. Denn er zog aus, den Ruhm der jüdischen Literatur als erster zu künden, als erster der Mitwelt zu zeigen, was für neue Werte wir schaffen können, was wir errungen haben, er zog aus zu zeigen, daß die jüdische Dichtung aus eigenen, ureigenen, saftvollen Wurzeln sauge — und er bewies — das gerade Gegenteil. Ich sage — er zog aus, um all' diese Sachen zu zeigen. Und was hat er gezeigt? Ein' deutscher Kritiker hat mit sarkastischem, hartem Spotte ausgerufen: Weil der Judengott und der Glaube an ihn so groß, schauervoll, inkommensurabel ist — darum ist Asch noch lange kein Dichter! Nein — die jüdische Literatur hat durch das Drama ihres ersten schicksalbegünstigten Dramatikers nicht gewonnen. Und nur in einem deutsch-jüdischen Blatt, das allerdings später auch seine Ansicht revidierte, konnte man den sehr naiven Satz lesen, daß Jas Stück von Asch, so etwas wie ein Ereignis für das Juden - i u m war, Aber ich will zu der negativen Aufnahme, die dem Drama als Kunstwerk seitens der Kritik zuteil wurde, nicht auch mein Scherf- I ein beitragen. Ich will nicht am Stücke selbst Kritik üben — denn iiier ist wirklich „la critique aisee" . . Was mich hier interessiert, ist sozusagen, die nationale Seite der Frage. Ein hebräischer Publizist und Kritiker, der eine sehr lebhafte Phantasie besitzt, äußerte einmal in einem Aufsatz die Ansicht, daß die jüdische Literatur einmal nicht bloß der europäischen gleich, sondern ihr -ogar überlegen sein wird, indem sie neue literarische Formen schaffen werde. Es war etwas kühn gesagt — aber zugleich wahr »edacht. Denn, wenn wir Juden keine neue literarische Form ausarbeiten werden, wenn wir nichts Neues bieten können — wer;ann es denn? Und nicht etwa, weil wir das „auserwählte Volk" sind. Im Gegenteil, weil wir so unkünstlerisch waren, weil wir >o lange überhaupt keine Kunst hatten. Die führenden Völker Huropas haben beinahe alles gesagt, was sie zu sagen hatten — sie sind gebunden an die Zeiten großer Schöpfungen, an die;ormen, die einst auf ihren Boden geschaffen, Gemeingut wurden. Hin Franzose, ein Deutscher, ein Italiener — alle haben sie Klassiker der Literatur — und jedem Dichter schwebt ein früherer vor. Es -ind so viel Dinge gesagt worden, daß es für einen schwer ist, Neues zu sagen. Und darum rief einmal verzweiflungsvoll ein ranzösischer Dichter aus: „Es seien verflucht, die das Meine vor nir gesagt haben." Wir aber, welche Klassiker, welche fertigen Formen haben \ir denn? Woran ist unser Schöpfungskraft gebunden? Etwa in Emanuel Romanus, oder an die Pijutimdichter, oder an Naphtali \Viesel und Abraham Mapu? Wir hatten eigentlich nie früher eine Literatur. Und weil wir erst seit kurzem — seit etwa einem halben Jahrhundert — an die Schöpfung einer freien, neuen Kunst und Dichtung gingen, darum wäre es zu erwarten, daß wir wirklich aus der Tiefe unseres nationalen Wesens ganz neue Stoffe, neue Formen an das Licht bringen werden. Oder sind wir nur Kommentare, nur Mit- und Nachschöpfer, nie originell, eigenkräftig? Ich werde den Roman und die ihm nahestehenden Kunstformen nicht berühren. Es würde mich zu weit führen. Jedenfalls haben wir noch wohl keine Schöpfung auf diesem Gebiete, die Gemeingut der Weltliteratur werden könnte. Was uns bisher beinahe ganz fremd — war das Drama. Die Novelle hatte in der altjüdischen Literatur ihre Wurzeln — Ruth, Ester, Tobias usw. Das Drama war nur in Hiob vertreten. Und auch der kam so ganz merkwürdig, sozusagen durch eine Hintertür in die Schrift hinein. Und in Hiob war trotz seiner ungeheuren dramatischen Stärke keine dramatische Form gefunden — konnte keine Entwicklungslinie werden. Das Drama mußte also neu geschaffen werden. Und gerade zum Drama, zu dieser präzisesten, gestaltenschaffenden Kunstform schienen die Juden am meisten veranlagt zu sein. Unsere alte Literatur zeigt es. Wir sehen in den alten Schriften nie die epische Breite der indischen oder homerischen Gesänge - - nichts Ruhigsinnendes, Beschauliches. Aber die höchste Macht der Pointe, des auf den äußersten Effekt zugespitzten, blitzartig wirkenden Ausdrucks, aber die wuchtige Kraft der Zeichnung, der scharfen Skizzierung einer Person oder eines Geschehnisses — ganz so wie es das Drama verlangt — haben wir im jüdischen Schrifttum. Wenn ein Jesaia oder ein Hesekiel eine Persönlichkeit schildert — nahmen sie nicht die flammendsten Farben, die treffendsten Worte? Und sehen wir nicht da das Wunder des Wortes, das Gestalt annahm? Noch mehr — das Drama entsteht bei Völkern gewöhnlich dann, wenn eine Anzahl von bestimmten leitenden Ideen und Mythen vorhanden ist, die das ganze Leben beherrschen. Und der Konflikt dieser Ideen und der Umgebung, des Willens und des Schicksals macht die Tragödie aus. Die Dramen der Griechen sind auf diesem Grund entstanden, — und Aeschylos oder Euripides waren Lehrer und Wahrheitsverkünder, Prediger der höchsten Ideen durch ihre Dramen geworden. Welches Volk war nun mehr ein Volk der leitenden Ideen, der wenigen, aber inhaltreichen, schicksalsschweren Leitmotive, als das jüdische! Und gerade wir haben nie ein Drama geschaffen. Weshalb —■ ist für mich ein Rätsel. Was wir aber nicht konnten, können wir jetzt. Wir haben in unsere geistige Welt so viel Neues aufgenommen, wir haben uns psychisch oft ganz und gar verändert. Aber der Grundton — das Bedürfnis nach einigen leitenden Grundideen, die das Leben meistern und ausfüllen sollen, schwingt noch immer in unserer Seele nach. Eine Vorbedingung des Dramas. Und als die neujüdische Literatur sich zu entwickeln begann, als alle Kunstarten, mit Einschluß der erotisch-dekadenten, auf den jüdischen Boden verpflanzt wurden, da regte sich oft die Frage: Wo bleibt das Drama? Oder vielmehr, warum haben wir bisher so schlechte Dramen? Denn ganz dramenlos sind wir ja auch nicht geblieben. Ich erwähne nur Goldfaden, der seinerzeit ein jüdisches Theater schuf und zugleich auch das jüdische Drama. Es waren Dramen zum Verzweifeln. Aber wir sagten uns: Noch nicht, noch nicht, und hofften auf das neue kommende Drama, das die Offenbarung der jüdischen Seele sein sollte. Man denke doch — ein Volk hat Jahrtausende lang geschwiegen — ein Volk, das so viel geduldet und erlebt und empfunden hat. Wir haben ja bisher auf die Außenwelt durch Schweigen, oder durch Klagen reagiert — nie durch Schaffen. Uns selbst hat noch Gott nicht gegeben, zu sagen, was wir leiden. Nathan den Weisen mußte Lessing schaffen, den Typus des jüdischen Denkers und Dulders, des Acher, hat ein Gutzkow gestaltet -— wir standen abseits und schwiegen. Welcher Anblick wäre es, wenn ein jüdischer gottbegnadeter Künstler dem Shakespearechen Shylock einen anderem einen jüdischen, wahren, innig erfaßten Vater und Menschen, der schwach und stark, schlecht und edel zugleich — mit einem Worte ein Mensch wäre, gegenüberstellte? Nicht ein Jude, ein Engländer war es, der diese Aufgabe übernahm — ich meine Cuinberland, der im 18ten Jahrhundert ein Apologiedrama der Juden geschrieben hat. Vielleicht hatte das innere Leben der Juden im Ghetto zu wenig Komplikationen, zu wenig Konflikte, um dramatich gestaltet werden