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Die Welt · 1907-04-26 · 17 (26.4.1907) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
17 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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10 DIE ELT No. 17 Jaffa zahlreiche Gelegenheiten für lohnenden Erwerb darbietet und strömen daher massenweise in die Stadt. Aber auch moslemische Kaufleute aus Gaza, Jerusalem, Hebron usw. siedeln nach Jaffa über, viele von ihnen, sowie auch von den Fellachen der Umgegend, kaufen Baugründe an und errichten Häuser zum eigenen Wohngebrauch oder zum Vermieten, da die Nachfrage nach Wohnungen sehr lebhaft ist und die Rentabilität der Zinshäuser von Jahr zu Jahr steigt. Auch die Zunahme der arabischen Kaufmannschaft ist eine bedeutende und in die Augen fallende. Immerhin ist das Wachstum der jüdischen Siedelung unvergleichlich größer als das der arabischen. Es sei hier auch kurz das Verhältnis der nichtjüdischen Bevölkerung zu den Juden berührt. Die Christen in Jaffa, überhaupt in Palästina, sind uns meist feindlich gesinnt. Es gibt unter ihnen verbissene Judenfeinde, die uns auf jede mögliche Weise — u. a. auch auf dem Wege der Literatur — zu schaden suchen. Demgegenüber ist die Zahl unserer mohammedanischen Feinde verhältnismäßig recht gering, und auch diese wenigen sind weit entfernt von der in Europa heimischen Form des wütenden Judenhasses und kennen jene Art der Verfolgung und der planmäßigen Bedrückung gar nicht, die uns in den „zivilisierten" Ländern so sehr-das Leben verbittert. Indessen muß zugegeben werden, daß viele Araber den Juden, wenn sie sie auch nicht gerade hassen, eine gewisse Verachtung entgegenbringen. Zum Teil sind die Juden selbst daran schuld, indem sie sich allzu kraft- und mutlos zeigen, die Araber aber bloß vor der physischen Kraft, mag diese sich in welcher Form immer äußern, Respekt haben. Daraus erklärt es sich, daß die Araber es nicht wagen, unseren Brüdern in den Kolonien irgendwie nahezutreten, während sie sich in den Städten, wo sie sich als die Herren fühlen, manches gegen die Juden herausnehmen. Diese könnten zwar Mittel und Wege finden, sich für jede erlittene Unbill bei den zuständigen Stellen Genugtuung zu verschaffen, allein wir sind leider auch in Palästina „kein Volk und keine Gemeinde, bloß eine Herde". Den meisten von uns fehlt ein kräftiges Solidaritätsgefühl; wiederfährt einem von uns durch den mohammedanischen Nachbar ein Unrecht, mag es ihm geflissentlich oder aus Versehen zugefügt worden sein — so regen sich die anderen nicht im mindesten darüber auf, führen keine Beschwerde, schließen sich zur Vergeltung der Missetat nicht zusammen, sondern gehen ganz gleichmütig darüber hinweg, oder besser gesagt, ein jeder zieht seines Wegs und kümmert sich um den Bruder nicht... Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Verhältnisse ganz anders lägen, wenn wir uns bei jeder Gelegenheit als die zusammengehörigen Glieder eines Volksganzen benähmen und stets für einander einständen. Dann würden die Araber es sich wohl überlegen, einem von uns unrecht zu tun. Zum Schlüsse wäre hier die Einwirkung der Juden auf das Stadtbild von Jaffa zu skizzieren. Alle, die Jaffa sonst und jetzt kennen, werden zugeben, daß diese Stadt für ihren Aufschwung und ihre Umgestaltung den Juden viel Dank schuldet. Die jüdischen Einwanderer der letzten 25 Jahre haben einen Strom neuen Lebens in die Stadt gebracht. Ihr wohltätiger Einfluß macht sich an allen Ecken und Enden bemerkbar, insbesondere im nördlichen Teile der Stadt. Die Juden haben ganz neue Handels- und Gewerbszweige eingeführt und in vielen Beziehungen die alte Gestalt Jaffas von Grund aus umgewandelt. Die Deutschen und Griechen hatten sich früher in Jaffa niedergelassen, allein sie hatten es nicht in dem Maße wie die Juden vermocht, einen völligen Wandel in der ganzen Lebensweise der Bevölkerung herbeizuführen. In unzähligen Häusern der Eingeborenen sind heute europäische Möbel zu finden, und die alte patriarchalische Tracht weicht immer mehr der europäischen Kleidung. Noch vor 10 Jahren war unter der Stadtbevölkerung selten einer zu finden, der ein gestärktes Hemd oder einen Hemdkragen getragen hätte, und es gab auch nicht eine Wasch- und Plättinstalt. Heute gibt es eine ganze Reihe jüdischer Wäschereien, die die Bewohner — und nicht zuletzt die Moslems — mit europäisch geputzter Wäsche versorgen. Die mohammedanische Jugend zumal trägt sich meist schon ganz europäisch. Eine Droschke war früher in den Straßen Jaffas ein Ereignis. Gegenwärtig jagen die schönsten Kutschen europäischen und amerikanischen Genres kreuz und quer durch die Straßen der Stadt, am lebhaftesten aber ist der Wagenverkehr im Norden, wo die jüdische Bevölkerung konzentriert ist und wo sich auch der Bahnhof befindet. Machen wir am Samstage oder an einem jüdischen Feiertage einen Gang durch das Geschäftsviertel, so sehen wir die größten und bedeutendsten Läden geschlossen, wie denn überhaupt der ganze Verkehr in der Stadt an diesen Tagen stockt. Auch die Fellachen aus der Umgegend bringen Samstags und an den jüdischen Feiertagen ihre Bodenerzeugnisse nicht in die Stadt. Wenn wir uns hingegen an diesen Tagen in den Abendstunden zum Hafen begeben, können wir, namentlich zur Sommerzeit, hunderte von Juden, Männer, Frauen und Kinder, lustwandeln sehen — ja an diesem Samstag-Nachmittag-Korso nehmen auch die andersgläubigen Bewohner teil, ganz besonders die Mohammedaner, die sich das Vergnügen nicht entgehen lassen, so viele unverschleierte Frauen in Augenschein nehmen, zu können. Auch verschleierte Mohammedanerinnen finden sich mit Vorliebe bei diesen Spaziergängen ein und mischen sich unter die festlich gekleidete Menge. Oft mag sich —- ohne Übertreibung — ein Sechstel oder gar ein Fünftel alier Stadtbewohner an dieser Hafenpromenade beteiligen. Bemerkenswert ist auch der Einfluß der aschkenasischen Juden auf ihre orientalischen Brüder oder vielmehr Schwestern. Noch vor kurzer Zeit gingen die Frauen der sephardischen und marokkanischen Juden gleich den Mohamedanerinnen mit verhülltem Angesicht durch die Straßen. Nunmehr haben sie alle den Schleier abgeworfen, und ein großer Teil von ihnen trägt auch europäische statt der orientalischen Kleidung. Insbesondere sind die orientalischen Judenmädchen fast nicht von den europäischen zu unterscheiden (es sei denn durch den gebräunten Teint), so sehr ahmen sie deren Kleidung, Haartracht usw. nach. Selbstverständlich haben auch die jüdischen Schulen viel hierzu beigetragen. Wenn wir das. was wir über die Entwicklung und das Aufblühen der jüdischen Siedelung in Jaffa seit den letzten 25 Jahren gesagt haben, im Geiste zu einem einheitlichen Bilde zusammenfassen, so können wir wohl freudige Genugtuung empfinden — insbesondere über die zivilisatorische Mission, die unsere Volksgenossen dort erfüllen und die sie prädestiniert, in der Zukunft dieser Stadt noch eine bedeutende Rolle zu spielen. RANDGLOSSEN ZU EINEM DRAMA Es ist sicherlich etwas zu spät, jetzt, nachdem einige Wochen nach der Aufführung des Dramas von Schaiom Asch „Gott der Rache" verflossen sind, über das Stück zu schreiben. Es ist übrigens darüber schon viel, sehr viel geschrieben worden. Gutes und Schlechtes, Wohlwollendes und Ungünstiges. Die meisten Kritiker haben Asch als eine mehr oder weniger exotische Erscheinung, irgend einen Omar Khayam des ostjüdischen Ghetto betrachtet, und ihn darnach beurteilt. Und wenn er als Künstler keinen Anklang fand, als jüdischer Dichter hat er die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wir können ihn von diesem Gesichtspunkte nicht betrachten. Für uns ist er keine exotische Pflanze, sondern einer aus unserer Mitte, Geist von unserm Geiste. Und wir haben deshalb das Recht, ihn etwas schärfer ins Auge zu fassen, ihm die Wahrheit zu sagen. Diese Wahrheit wäre, wie immer in einem solchen Falle, etwas bitter. — Eine scharfe, aber wohlmeinende Kritik ist besser, als eine versüßte Lüge. Und ich will an das Stück von Asch einige lose Gedanken, einige Glossen knüpfen, Glossen, Striche sind immer etwas spitz und scharf — aber Spitzigkeit ist einmal unsere Nationalschwäche. „Unter Glockenklang und Lärm ist er hineingekommen, unter lautloser Stille ist er hinausgegangen." Diesen kaustischen hebräischen Satz könnte man auf Schaiom Asch anwenden, dessen Stück „Der Gott der Rache" vor einigen Wochen zum erstenmal auf die Bühne kam. Auf die Bühne — und dazu auf eine deutsche von großem Rufe, auf die Bühne des „Deutschen Theaters" in Berlin. Mit ungewöhnlichem Pomp hat man ihn empfangen. Blätter und Zeitschriften brachten Skizzen und Dramolette von Asch, manche — z.B. das „Berliner Tageblatt" — lange Interviews. Asch, der noch gestern einer unter den Schrifstellern der neujüdischen Literatur war, ist auf einmal der jüdische Dichter, der Vertreter der ganzen jüdischen Literatur geworden. Man hat ihn „entdeckt." Die kon-

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