Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Pflanzungen untauglich machte. (Bloß an vereinzelten Stellen waren Weingärten angelegt.) Hingegen dehnten sich im Osten der Stadt, wo der Boden sich für Plantagen eignet, seit langer Zeit weithin hochkultivierte Baumgärten aus. Als sich nun mit der Zeit das Bedürfnis nach neuen, geräumigen Bauplätzen geltend machte, wandte sich die Baulust dem Norden zu, wo der Preis des — wie gesagt — ganz verödeten! Bodens äußerst gering war. Ein maghrebinischer Jude erwarb damals ein Areal von 250 000 Quadratmetern um einen Spottpreis und verkaufte Teile davon, auf denen jetzt die Häuser von N.-Z. und ein großer Teil derer von N.-Sch. stehen, mit überaus hohem Gewinn. Auch andere Juden veräußerten Baugründe, die sie in dieser Gegend rechtzeitig angekauft hatten, um das Fünfzig- bis Sechzigfache der Kaufsumme. Immer höher stieg hier der Preis des Bodens, und gegenwärtig kostet das Quadratmeter bereits 3—4 Franken, d. i. das Hundertundzwanzigfache des ursprünglichen Preises. Immerhin ist auch der gegenwärtige Preis noch ein mäßiger zu nennen — geschweige denn die Preise von ehedem —, und darum war es ein unverzeihlicher Fehler von seifen unserer Volksgenossen, namentlich der ersten, die Häuser für sich in N.-Z. und N.-Sch. erbauten, daß sie keine größeren Hofräume freiließen und die Straßen so schmal anlegten. Wenn wir durch die Straßen der jüdischen Wohnviertel in Jaffa wandeln, werden wir recht unangenehm berührt durch den Anblick der kleinen, engen Höfe, der dichtgedrängten Häuser, der schmalen Straßen. Und dieser ganze Stadtteil ist erst in den letzten zwei Jahrzehnten auf einem völlig freien Areal angelegt worden! Welchen Anblick gewähren demgegenüber die Niederlassungen der Deutschen in der Nähe von Jaffa, und selbst die kleine deutsche Siedelung gegenüber N.-Z.! Hier sehen wir helle, freundliche Wohnstätten mit geräumigen Höfen, in denen Bäume und Blumenbeete gepflanzt sind. Hingegen müssen wir uns angesichts des jüdischen Viertels beschämt sagen, daß wir eines jener bekannten Ghetti in neuer Auflage vor uns haben. . . Die gedrängte Bauart der Häuser in N.-Z. hat dazu geführt, daß die Anstandsorte sehr nahe aneinandergebaut sind. Außerdem befinden sie sich eigentümlicherweise im Vordertrakte der Häuser, nach der Straße hin. Dieser Umstand in Verbindung mit der unhygienischen Methode der Kehrichtabfuhr macht N.-Z. zu einem recht ungesunden Aufenthaltsorte. In N.-Sch. gibt es wieder andere .Mängel in sanitärer Beziehung, insbesondere sind hier die Brunnen in gesundheitsschädlicher Weise angelegt. Wenden wir uns dem Jemenitenviertel zu, so überzeugen wir uns bald, daß die sanitären Verhältnisse in dieser Siedelung noch unerfreulicher sind als in N.-Z. und N.-Sch, Allerdings wurde dieses Viertel für die ärmsten Kreise der Bevölkerung angelegt. Die meisten Häuser sind hier Holzbauten; schadhafte Stellen findet man oft mit Blechplatten „geflickt". Die meisten Häuser haben gar kein Gebälk, sondern bloß ein Ziegeldach; auch gibt es Wohnungen ohne Dielen. Straßen gibt es überhaupt nicht, vielmehr bilden die Häuser einen eigentümlichen dichten Klumpen, ein Gewirr von Hütten und Buden, die von einzelnen Steinbauten, welche menschlichen Wohnhäusern ähnlich sehen, gestützt und vor dem Zusammensturz bewahrt zu werden scheinen. . . . Können wir uns also einerseits freuen, daß die jüdische Siedelung in Jaffa sich in einem so kurzen Zeiträume derart entwickelt und ausgedehnt hat, so muß es uns anderseits tief betrüben, daß unsere Brüder bei der Anlage ihrer Heimstätten alle Gebote der Hygiene, der Ordnung und des guten Geschmacks völlig außer acht gelassen haben. Ein gut Teil hat zu dieser nicht genug beklagenswerten Erscheinung der Umstand beigetragen, daß die meisten Mitglieder der Genossenschaft, die die Häuser von N.-Z. erbauten, in Jerusalem geboren waren oder doch längere Zeit in Jerusalem gelebt und sich dort an die schmalen Hofräume, engen Straßen und gedrängten Häuser gewöhnt hatten. Sie hatten wohl geräumigere und komfortablere Wohnhäuser überhaupt nicht gekannt. Die Erbauer von N.-Sch. aber ahmten das böse Beispiel von N.-Z. nach. Ferner haben sich unsere Brüder in der Bauart ihrer Wohnstätten im großen und ganzen an arabische Vorbilder gehalten, und wenn sie auch einige Verbesserungen einführten, so behielten sie doch im Wesen die landesübliche Methode bei, die auf möglichste Sparsamkeit und Einschränkung hinausläuft. Nun ist es ja wahr, daß sich viele von denen, für die die neuen Häuser erbaut wurden, Beschränkungen auferlegen mußten — die meisten dieser „Bauunternehmer" waren Krämer und kleine Handwerker—, allein auch wohlhabendere Juden, die für sich oder zum Vermieten Wohnhäuser erstellten, verschmähten es, die europäischen Muster nachzuahmen und geräumige Höfe, gesunde, wohnliche Zimmer errichten zu lassen. Trotz alledem muß jedoch festgestellt werden, daß der Ge- Zweiter jüdischer Kindergarten in Jaffa (N'weh Zedek) sundheitszustand der Juden in Jaffa ein günstiger ist. Mit Ausnahme des Trachoms, wovon namentlich die Kinder häufig heimgesucht werden, und der Malaria gibt es fast keine nennenswerten Infektionskrankheiten. Noch auffälliger ist der günstige Gesundheitszustand der arabischen Bevölkerung, deren Wohnungen noch weit enger und unreinlicher sind, als die der Juden, und allen Anforderungen der Hygiene Hohn sprechen. Ohne Zweifel ist dies dem guten Klima der Stadt, namentlich den erfrischenden Winden, die vom Meere her wehen, anderseits wohl auch der sanierenden Wirkung der Baumgärten am andern Ende Jaffas zu verdanken. Die Natur macht hier gut» was die Menschen gesündigt haben. — Die jüdische Gemeinde in Jaffa umfaßt jetzt — nach einer im Jahre 1905 vorgenommenen Zählung — über 1000 Familien. Als vor fünfundzwanzig Jahren die ersten Pioniere nach Jaffa kamen, gab es hier bloß ein kleines aschkenasisches und ein sephardischmarokkanisches Bethaus. Gegenwärtig zählt man, abgesehen von einigen privaten Bethausvereinen, sechs aschkenasische, fünfzehn sephardische und marokkanische und zwei jemenitische Synagogen. Was die nichtjüdische Bevölkerung von Jaffa betrifft, so wächst die Zahl der christlichen Bewohner fast gar nicht. In den letzten Jahrzehnten ist wohl der Besitz derselben recht ansehnlich geworden, allein ihre Seelenzahl bleibt konstant dieselbe. Zu Beginn der jüdischen Ansiedelung bildeten Deutsche und Griechen bedeutende Kolonien, seither ist Ihr Einfluß vor dem jüdischen, zurückgetreten. Hingegen gewinnt die arabische Ansiedelung immer mehr an Gewicht und Ausdehnung. Die Araber in der Umgegend wissen, daß