Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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arbeitenden Massen der Landwirtschaft und der Industrie müssen jüdisch werden. Bedarf diese einfache, einleuchtende Wahrheit des Beweises? Sollen wir auf Ostgalizien hinweisen, wo die polnischen Großgrundbesitzer das herrschende Element im Lande sind, wo es jedoch keinem Zweifel unterliegt, daß die Zukunft des Landes denjenigen gehört, die den Boden bebauen, den Ruthenen? Und ist Böhmen ein deutsches Land geworden, dort, wo nur die Industriellen Deutsche sind, das Proletariat aber böhmisch ist? Also die Beweisführung ist überflüssig. Wir wollen uns vor Augen halten, daß ein derartiger Zustand in Palästina für uns verhängnisvoll werden.könnte. Indes, die ersten Versuche einer rationellen Kolonisation Palästinas sind danach angetan, Besorgnisse zu erregen. Sehen wir von den geplanten, aber leider noch nicht realisierten industriellen Unternehmungen ab. Nicht nur deshalb, weil bei der Eroberung des Landes die Landwirtschaft ausschlaggebend ist. In der Industrie besitzen wir sozusagen ein natürliches Monopol. Die in Palästina und den Nebenländern wirtschaftlich interessierten Völker — Engländer, Deutsche, Franzosen — kommen als Unternehmer, nicht aber als arbeitsuchende Inimigranten in Betracht. Die Länder der Emigration — Österreich-Ungarn, Italien — schleudern wohl jährlich mehrere Hunderttausende besitzloser Bauernsöhne über den Ozean. Diese kolossalen Auswanderermassen aber müssen Staaten hoher industrieller Entwicklung, wo Massenbedarf an Arbeitskräften vorhanden ist, oder Länder breiter landwirtschaftlicher Kolonisation aufsuchen. Der anschwellende Strom der ungarisch-italienischen Emigration dringt nach dem industriereichen Norden der Union, den freien Territorien Canadas, Brasiliens, Argentiniens und den westlichen Union-Staaten. Für diese Massen, denen hohe amerikanische Löhne oder das freie Leben und die nie geträumten unermeßlichen Ländereien eines amerikanischen Farmers'winken, wird das kleine Palästina lange noch kein Attraktionspunkt sein. Und die einheimischen Fellachen? Für sie bedeutet das Wachstum der Städte und der Industrie — steigende Bodenrente, Erweiterung des Absatzes der landwirtschaftlichen Produkte, Einführung intensiver Kulturmethoden und moderner Maschinen. Kurz, das^Entstehen einer jüdischen Industrie in Palästina wird für die gegenwärtigen Erdbesitzer keineswegs ein Ansporn sein, das im Aufblühen begriffene Dorf zu verlassen und der städtischen Industrie zuzuströmen. Auf diesem Gebiete-sind die jüdischen Proletarier so gut wie konkurrenzfrei. Anders in der Landwirtschaft. Da haben wir mit den großen Schwierigkeiten des Überganges von jüdischen Städtern zum Ackerbau zu tun. Und die bedürfnislosen und bodenarmen Fellachen mit ihren primitiven Arbeitsmethoden haben Zeit genug, um ihre Familienmitglieder in jüdischen Kolonien arbeiten zu lassen. Wohl hat sich der jüdische Pionier in diesem Konkurrenzkampfe glänzend bewährt, er wird von den Kolonisten — nicht aus patriotischen Motiven!0)— dem Araber vorgezogen, trotzdem er höheren Lohn beansprucht. Mögen aber die Poale-Zion Rußlands, materialistisch in der Geschichtsauffassung, noch so idealistisch in der Lebensauffassung sein, auf die Dauer ist das Los eines landwirtschaftlichen Arbeiters, eines Knechtes, nicht zu ertragen. Das könnte schwerlich ein Ideal für jüdische Proletarier werden. Die Zahl der Juden, die Mittel genug besitzen, um Kolonisten oder Pächter zu werden und es nicht vorziehen, sich dem Handel oder dem Gewerbe zuzuwenden, ist sehr klein. So sehen wir, daß die vom Nationalfonds,;:) Im Gegenteil", in der Kolonie Petach-Tikwah werden die jüdischen Arbeiter - ob'ihrer Gottlosigkeit! — \oii den Kolonisten direkt boykottiert. von der Anglo-Palestine-Company, von der Geulah angekauften Grundstücke keine jüdischen Käufer und Pächter finden. Der Boden wird, um nicht brach zu liegen, an die benachbarten .... Fellachen verpachtet. Sollte es so weiter gehen, jso werden wir in Palästina wohl jüdische Großgrundbesitzer und Bojareninhaber, aber keinen jüdischen Bauernstand haben. Vorläufig wird der arabische Pächter mit Nationalfondsgeldern geradezu gezüchtet und großgezogen. Wo ist die Lösung des Dilemmas? Die Schaffung einer Agrarbank nnd Regulierung des ßodenkredits kann nur teilweise Abhilfe schaffen. Die wenn auch nur wenig besitzenden Juden werden es eher vorziehen, Kaufleute in Palästina zu werden, und die besitzlosen können nicht bodenständig werden. Wir sind auf dem Wege, einen jüdischen Grundbesitz zu schaffen, wie führen wir die jüdischen Proletarier dein Ackerbau zu? Wie soll eine jüdische Landwirtschaft in Palästina entstehen? Nur eine neue_JEjge.13_t.um.-sform kann uns über diese enorme SchwiengKeTThinweghelfen. Die Genossenschaft: Ob die Oppenheimersche oder eine andere','ist"Nebensäche. Aber der Grundgedanke Oppenheimers ermöglicht die Lösung des Problems. Kein Züchten von jüdischen Farmern und kleinen Gutsbesitzern, die nur für ihr eigenes Wohlergehen Verständnis haben und der Volksache auch nicht das geringste Opfer bringen wollen — siehe Petach Tikwah! Aber auch keine Verurteilung jüdischer Proletarier, ein Leben lang als Landarbeiter ihr Dasein zu fristen, ihrer Arbeitsgelegenheit nicht sicher, einige Monate im Jahre der Arbeitslosigkeit preisgegeben, und all dies - ohne ein Stückchen Boden des von ihnen urbar gemachten Landes ihr eigen zu nennen. Gegen diesen Jammer wird auch die Anhänglichkeit an die heimatliche Scholle nichts ausrichten. Die Siedelungsgenossenschaft bietet den Ausweg. An die Verwirklichung des Oppenheimerschen Gedankens heranzutreten, ist die Aufgabe des nächsten Kongresses. Die Vertreter der an dieser Sache am meisten Interessierten, der Arbeiter, — die Poale-Zion — werden es sicher nicht versäumen, vom Kongresse die Bewilligung der Summen zur Gründung des genossenschaftlichen Mustergutes zu verlangen. Nur auf solche Weise kann es gelingen, in Palästina nicht nur jüdische Erdbesitzer, sondern auch Erdb^bauer, die in ihrer Existenz gesichert sind, zu schaffen und dem jüdischen Gemeinwesen eine landwirtschaftliche Basis zu geben. Nicht das Kapital, sondern die Arbeit in Palästina müssen jüdisch sein. Es wäre zum Beispiel verfehlt, danach zu'streben, dal.) das Palästina-hidustriesyndikat nur aus jüdischen Kapitalisten bestehen soll. Wenn die in den zu gründenden Industrien beschäftigten Arbeiter Juden sein werden, so wird die Beteiligung nichtjüdischer Kapitalisten dem jüdischen Charakter der entstehenden Wirtschaft keinen Abbruch tun. Sollte aber etwa ein arabischer Bauernstand den jüdischen Eigentümern gehörenden Boden Palästinas bebauen und ihm Früchte und Blumen entlocken, dann ist die Zukunft der Juden in ihrem Lande in Frage gestellt! Die Genossenschaft ist daher nicht nur die Sache der proletarischen, sondern aller vernünftigen und weitblickenden Zionismen. Die Poale-Zion werden für diesen Gedanken mit umsomehr Begeisterung eintreten. Denn er ist nicht nur eine Lebensfrage der nationalen Kolonisation. Er'birgt in sich auch einen Keim der sozialen Zukunft. So wird Neu-Judäa schon in seinem Werden die Saat des neuen sozialen Lebens ausstreuen und den höchsten idealen Gütern der Menschheit dienen. Gesinnungsgenossen! Die Palästina-Kommission weist auf die beschämende Tatsache hin, daß für das geplante lebende Denkmal für unseren großen Führer, für den HERZL - WALD, noch an 8500 Bäume fehlen. Die bisher vorhandenen 1500 Bäume sind zumeist von der deutschen Landmannschaft gestiftet worden, während die Zionisten aus anderen Ländern sehr im Rückstände geblieben sind. Am 20. Tammus, dem 2. Juli, werden 3 Jahre verflossen sein, seit unser Führer von uns ging. Ist es zu viel verlangt, daß an diesem Tage die 10 000 Bäume zu seinem Gedenken beisammen sein sollten? Wenn nur jede zionistische Familie einen Baum aus Anlaß der Jahrzeit Theodor Herzls pflanzen ließe, so würden schon viel mehr als 10 000 Bäume zusammenkommen. .Also wohlan! Aber daß es zur rechten Zeit beendet sei, daß wir am Jahrzeittage auch schon den Ausweis über die letzten dieser Bäume in unseren Blättern finden, seien die Gesinnungsgenossen schon jetzt darauf bedacht, ein jeder den anderen zu dieser kleinen Ehrenpflicht anzuhalten. Am Geburtstage Herzls, am 2. Mai, setze die Arbeit dafür ein, und am Jahrzeittage sei sie beendet. Deutsches Bureau des Jüdischen Nationalfonds, Propaganda-Abteilung: Schachtel. (Alle Parteiblätter werden gebeten, vorstehenden Aufruf in den nächsten Wochen öfters abzudrucken und Belegexemplare an obiges Bureau, Breslau, VI, Königsplatz 3 b zu senden.)