Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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DIE ELT No. 17 derselben. Dieser Beweis muß mit oder ohne Charter von vornherein erbracht werden, soll das internationale Kapital die Überzeugung gewinnen, daß es sich in Palästina „landesüblich" verzinsen kann, und dahin strömen. Wir sehen davon ab, daß ein Charter in dem Umfange, wie man ihn sich eine Zeitlang in zionistischen Kreisen vorstellte, gar nicht zu erlangen ist. Das hat die par excellence reine Diplomatie Israel Zangwills zur Evidenz bewiesen. Ja, insoferne das spärliche uns zur Verfügung stehende Material ein Urteil ermöglicht, scheint es sogar, daß die Pforte Theodor Herzl größere Zugeständnisse machen wollte, als das freie England — Israel Zangwill. Und Palästina ist ja, auch absolut genommen, wertvoller als Ostafrika oder irgend eine tropische Insel. Sehen wir also von diesen Nebenumständen ab und schauen wir, ob das Grundprinzip des Charters den Zwecken einer nationalen Kolonisation, wie die von uns erstrebte, entspricht. Auf der Grundlage des Charters entstanden im XIV., XV. und XVI. Jahrhundert die „genuesischen Maonen" Italiens und die holländischen und englischen Chartered-Companies. Der Charter dieser Kolonialgesellschaften basier auf dem Grundsätze der- Monopolisierung und Privilegierung. Das Kolonisieren beruhte auf der schrankenlosen Ausbeutung und dem Raubbau ganzer Länder, verbunden mit Zwangsarbeit und Versklavung der einheimischen Bevölkerung. Die Folgen dieser Kolonialwirtschaft waren die Verödung und Entvölkerung ganzer Landstriche, die einst blühenden Gärten glichen und dank der Habgier europäischer „Kolonisatoren" kraftlos zusammenbrachen. Für diese Art von „Kolonisation" war der Charter die juridische Form. — Wir aber (rufen wir es uns ins Gedächtnis zurück) wollen ein ödes, brach liegendes Land in ein Paradies umwandeln, einer entvölkerten Gegend neue Menschenkräfte zuführen; den Reichtum des Landes nicht aussaugen, um die Beutel auswärtiger Großkaufleute zu füllen, sondern der Landesbevölkerung zugute kommen lassen. Ebensowenig ist eine Parallele zwischen unseren nationalen Kolonisationsbestrebungen und der modernen Kolonialpolitik industrieller Reiche möglich. Diese Politik, erzählt Dernburg denen, die es noch nicht wußten, ist auf Monopolisierung des Rohstoffbezuges und Schaffung neuer Absatzgebiete für die Industrieprodukte der Metropole gerichtet, um deren wirtschaftliche Unabhängigkeit, um die Stabilität ihrer industriellen Entwicklung zu sichern. Die modernen Kolonien dienen in geringem Maße zur Verpflanf ung von Menschenmassen aus der Metropole, sie dienen vielmehr den kapitalistischen Expansionsbedürfnissen des Mutterlandes. — Wir aber wollen keine Kolonie im Interesse des Mutterlandes schaffen, sondern uns erst ein Mutterland begründen. Diese einschneidenden Unterschiede zwischen den Aufgaben der nationalen Kolonisation und denen der alten und modernen Kolonialunternehmungen sollten uns ja zum Nachdenken darüber zwingen, ob die bereits vorhandenen Rechtsformen, wie der Charter, auch für uns anwendbar sind. Oder vielmehr, ob sie für uns unabweislich notwendig sind. Ebensowenig wie die Souveränität eine Grundlage der Staatenbildung ist, sind die rechtlichen Sicherungen und Charter-Monopole eine Vorbedingung der nationalen Kolonisation, Ein rechtlich verbürgtes Monopol ist nicht nur keine Kreditbasis, es ist auf die Dauer unhaltbar, wie paradox es auch klingen mag. Wir brauchen ein natürliches Monopol. Wir wollen eine geschlossene Siedelung mit jüdischer Majorität bilden, einen Wirtschaftskörper, dessen arbeitende Massen in Landwirtschaft und Industrie überwiegend jüdisch sein sollen. Sollte das zu besiedelnde Territorium zum Beispiel einem großindustriellen Kolonialreiche angehören, so ist die Entstehung einer eigenen Industrie für absehbare Zeit ausgeschlossen. Denn die Metropole ist nur insofern an der Besiedelung des Territoriums interessiert, als es ihr einen Absatzmarkt für ihre industriellen Erzeugnisse liefert. Da hilft kein Charter. Die Einwendung eines Charterenthusiasten, daß man uns erlauben werde, Zölle zum Schutze unserer noch nicht konkurrenzfähigen Industrie einzuheben, um der Industrie des Mutterlandes den Zutritt zu erschweren, ist ja zu naiv, um widerlegt werden zu müssen. Ebensowenig kann ein Charter — um noch ein erwünschtes und notwendiges Monopol herauszugreifen — den jüdischen Arbeitermassen den Arbeitsplatz sichern. Soll der Charter eine Bestimmung, ähnlich der Alien-Bill enthalten? Angenommen, wir entschließen uns dazu. Werden sich die jüdischen und nichtjüdischen Unternehmer vorschreiben lassen, daß sie fremde Arbeitskräfte, auch wenn sie tauglicher und billiger sein würden als die jüdischen, nicht heranziehen? Werden Grundbesitzer oder Industrielle auf einem jüdischen Territorium in Brasilien oder Texas davon abgehalten werden können, slowakische oder italienische Arbeiter aufzunehmen, wenn sie brauchbarer als jüdische sein sollten? Sie werden auf ein Quentchen ihres Profits verzichten, weil der Charter es vorschreibt! Sie werden sich entweder um ihn nicht kümmern, oder aber darauf verzichten, ihre Kapitalien zu drückenden Bedingungen anzulegen. Ein Monopol ist unhaltbar, wenn es in den natürlichen wirtschaftlichen Verhältnissen des Landes nicht gegeben ist. Die Unhaltbarkeit des Grundsatzes der „autonom-politischen Bürgschaften", die erlangt werden müssen, bevor noch der Fuß eines Juden das zu besiedelnde Territorium betritt, ist derart evident geworden, daß seine aufrichtigsten Verfechter, die russischen Itoisten, ihn verleugnen. Die Art und Weise aber, wie sie es tun, beleuchtet grell den vollständigen Mangel an Verständnis, der in diesen Kreisen herrscht. Herr Gefstein erklärte nämlich bei der Kiewer Konferenz, die Itoisten wollen den Territorialismus nicht mehr auf diplomatischem Wege der rechtlichen Konzessionen (Charter), sondern auf ökonomischem Wege erreichen: Sie wollen wirtschaftliche Privilegien und Monopolrechte erlangen! Ist dies ein Scherz? Heißt denn um ein Monopolrecht werben nicht sich um rechtliche Zugeständnisse bemühen? Und ist denn das auf anderem als auf diplomatischem Wege möglich? Was ändert sich denn an der Auffassung des Realisierungsprozesses, wenn man statt Charter — Monopolprivilegium sagt? Wem wollte Herr Gefstein einreden, daß es sich hier um eine „Evolution" der Begriffe handelt? Das ist ja bloß ein Wortspiel. Es ist nicht der Zweck dieses Artikels, zu beweisen, daß Palästina diese natürlichen Sicherungen besitzt. Ich muß mich auf meine diesbezüglichen Ausführungen an anderer Stelle berufen9). Fassen wir also unsere Auseinandersetzungen zusammen, so gelangen wir zu folgenden Schlüssen. Das Prinzip der Notwendigkeit der Souveränität oder der politischen Garantien als Vorbeding ung jeder planvollen Arbeit widerspricht dem Wesen und den Aufgaben der nationalen Kolonisation. Der Zionismus muß das Prinzip des ökonomischen Vordringens, als Gegenstück zum „friedlichen Vordringen'' der Diplomatie, sich zu eigen machen. Er muß die Kreditfähigkeit nicht des Volkes, sondern des Landes beweisen. Die wirtschaftliche Beherrschung des Landes muß der politischen vorangehen. Damit ist die politisch-diplomatische Tätigkeit, das sei ausdrücklich hervorgehoben, keineswegs verworfen. Sie ist notwendig. Selbstverständlich wahr sind die Worte Herzls: „Wer immer etwas in einem fremden Lande unternehmen will, wird zunächst den diplomatischen Weg betreten müssen und sei er wer immer"10). Nur soll man diesen Weg nicht als den Hauptweg hinstellen. Die Tatkraft weitblickender Politiker und Diplomaten, die auch den bescheidenen Erfolg nicht verschmähen, wenn er einen Zug ins Große hat, muß sich mit der alles erobernden und bezwingenden Macht der Arbeit verbinden. Der Zionismus muß von der utopistischen unevolutionären Anschauung abkommen, daß man Palästina „bekommen" muß, bevor an eine planmäßige Arbeit gedacht werden kann. Ein Land „bekommt" man nicht, man erlangt es, wie die Freiheit, durch Arbeit, Kampf und Liebe. Werden diese irrigen Anschauungen überwunden, dann wird der Zionismus aufhören, ein politisierender zu sein, er wird politisch werden. Der VII. Kongreß war die Inauguration einer politisch-wirtschaftlichen Methode im Zionismus. Noch hat sich das neue System keine allgemeine Geltung zu verschaffen vermocht und schon weist es unverkennbare Lücken auf. Die ersten tastenden Versuche der Vollzugsorgane des Kongresses regen zum Widerspruch an, und es liegt auch schon eine energische Verwahrung des Helsingsforser Delegiertentages der Zionisten Rußlands gegen manche Maßregeln vor. Aber die Kritiker und Protestler scheinen die Fehler nicht ihrem ganzen Umfange nach zu überblicken. Die Schablone behauptet wiederum ihren Platz. Wie früher in der Diplomatie, so richtet man sich in der nunmehr in Angriff genommenen Politik des wirtschaftlichen Vordringens nach dem Muster der „Gebieter über Millionenheere". Unsere Kolonisationspolitik unterscheidet sich aber von der „penetration paeifique" der Großmächte nicht nur dadurch, daß wir im Hintergrunde über keine weittragenden Kulturträger Kruppschen Systems verfügen. Die Verschiedenheit ist bedeutender. Wir wollen die ökonomische Herrschaft im Lande an uns reißen, nicht etwa so, wie die Franzosen in Marokko. Wir wollen nicht die herrschende Klasse im Lande sein. Wir wollen alle Klassen und Schichten des zu gründenden Gemeinwesens umfassen.'^ Nicht die vorherrschenden Elemente sollen jüdisch sein, sondern die blassen, denen die Zukunft des Landes gehört. Nicht die Banken und Kreditinstitute, nicht die Kapitalisten und Grundbesitzer, sondern die Grundbebauer und Proletarier, die 9) „Derjüd.Arbeiter", Krakau. Nr. 27, 17./V11I. 1906. Siehe auch Fr. Oppenheim er. Rede „Jüd. Arbeit in Palästina". "') Brief an Dr. Pasmanik. Mitgeteilt in „Stimme der Wahrheit", S. 358.