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Die Welt · 1907-04-26 · 17 (26.4.1907) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
17 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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£>IE3aEELT No. 17 die Blicke anderer unterdrückter Massen, die als Menschen oder als Völker unterdrückt werden, sind auf die Friedenskonferenz gerichtet. Es ist jedoch absolut keine Aussicht vorhanden, daß irgendeine dieser Fragen auch nur berührt werden wird. Wer könnte nun vermuten, daß unserer Frage, diesem Aschenbrödel der Weltfragen, dieses Glück beschieden sein soll? Das ist doch wahrlich eine Utopie. Und würden alle Programmschranken auch durchbrochen werden und käme die Judenfrage, wenn auch nicht im Plenum, so doch in irgendeiner Kommission oder bei irgendeiner offiziösen Besprechung zur Verhandlung, so wissen wir ja ganz genau, in welch üblicher, landläufiger Form sie abgefertigt würde. Die Pogrome in Rußland würde man mit der Revolution und Kontra-Revolution in Verbindung bringen. Würden die offiziellen Vertreter Rußlands — was ganz ausgeschlossen erscheint — sich dazu hergeben, bezüglich dieser Frage Rede zu stehen, und würden die Vertreter anderer Großmächte — was nicht weniger ausgeschlossen ist — die Rolle der Ankläger übernehmen, so kennen wir doch die offizielle Lesart, die bei solchen Fällen wiederholt wird: Rußland ringt sich jetzt zu einem neuen Regime durch, und die Begleiterscheinungen der Revolution muß man eben mit in den Kauf nehmen. Für die inneren russischen Angelegenheiten ist die Duma bestimmt, und bald kommt auch die Judenfrage an die Reihe, — die Regierung hat liberale Gesetzesprojekte vorbereitet usw. Für eine Anrufung der Friedenskonferenz in Angelegenheiten der Judenfrage in Rumänien existiert eine viel festere Basis: der Berliner Traktat. Die rumänische Regierung hat sich verpflichtet, die Gleichberechtigung der Juden durchzuführen, und ist bis jetzt dieser Verpflichtung nicht nachgekommen. Zum Berliner Kongreß im Jahre 1879 hatte die Alliance Israelit e Universelle ihre Bevollmächtigten delegiert, und sie könnte vielleicht auch jetzt den Versuch machen, ihre Delegierten, nach Haag zu entsenden, um die Ausführung der Gleichberechtigungsverpflichtung seitens der rumänischen Regierung zu verlangen. Man darf sich aber nicht vortäuschen, daß in dieser Beziehung irgend ein Erfolg zu erwarten sei. Es ist kein Geheimnis für die Großmächte, daß Rumänien diesen Punkt des Berliner Traktats nicht zur Ausführung gebracht hat. Aber der Wille zu einer Intervention war bis jetzt nicht vorhanden, und eine Friedenskonferenz, die doch nur die bestehenden Tendenzen der Regierungen reflektiert, wird diesen Willen nicht schaffen. Wo aber kein Wille vorhanden ist, da gibt's formelle Vorwände und Ausreden genug. Man wird sagen: die Friedenskonferenz ist nicht dazu da, über die nicht erfüllten Punkte des Berliner Traktats zu verhandeln, — beschäftigt man sich doch auch nicht mit den Angelegenheiten Mazedoniens oder mit der armenischen Frage, die ja auch ihre Anhaltspunkte im Berliner Traktat haben. Und über die letzten Judenverfolgungen in Rumänien wird man sagen: nun sind sie vorüber, sie waren eine Folge der Bauernfrage, Maßregeln sind ergriffen worden, eine Reform der Bauernlage wird durchgeführt werden usw. Ja, auch dies wird nicht einmal ausgesprochen werden, denn das Programm schließt derartige Fragen überhaupt aus. Man wird sagen: ja, die Friedenskonferenz wird sich gegen diese Fragen abschließen; aber gut wäre es, die Atmosphäre um die Konferenz, die Peripherien — ein wenig durch Kundgebungen und Petitionen aufzurütteln; denn wenn es keinen praktischen Wert hat, so wird es vielleicht eine gewisse agitatorische Bedeutung haben. Der Protest ist die Waffe des Schwachen und soll nicht unbenutzt bleiben. Dagegen läßt sich nichts einwenden, nur soll man sich auch in dieser Hinsicht keinen Illusionen hingeben. Die Haager Friedenskonferenz ist dieoffizielleVerkörperungvon Bestrebungen, die in ihrer populären Form viel freier, humaner und gründlicher sind. Die Friedensgesellschaften, die interparlamentarischen Konferenzen und dergl. gehen viel weiter in ihren Forderungen als die Friedenskonferenz, und auch sie sind noch weit entfernt davon, die Judenfrage in ihr Programm aufzunehmen. Herr^ Stead, einer der ersten Führer dieser Bewegung, hat in einem Schreiben, das er in der englischen Presse veröffentlichte, sich ganz auf den Standpunkt der rumänischen Regierung den Juden gegenüber gestellt. Er rechtfertigt die Beschränkungen, bemäntelt die Verfolgungen und findet in Rumänien alles recht und billig. Es ist vielleicht nur eine persönliche Ansicht des Herrn Stead, doch beweist dieser Umstand zur Genüge, daß auch in der populären Friedensbewegung kein Verständnis und kein Gefühl für das Judenelend vorhanden ist. Es ist gut, ohne Schönfärberei die Sachlage zu konstatieren, um sich keinen Enttäuschungen auszusetzen. Es soll damit nicht gesagt sein, daß dies das letzte Wort der Entwickelung der Friedensbewegung ist; es soll auch damit nicht gesagt sein, daß man überhaupt keine Versuche machen soll, mit der Judenfrage und eventuell mit dem Zionismus an die Friedensbewegung heranzutreten; nur soll die Lage begriffen werden, so wie sie sich einer klaren Beobachtung darstellt, um zur Einsicht und zu politischem Takt zu mahnen. N. S. PROBLEME DES ZIONISMUS Von S. KAPLANSKY-KAPLAN „Die nationale Kolonisation darf weder mit kapitalistischen, auf Ausbeutung eines Landes und Schaffung neuer Absatzgebiete gerichteten Kolonialunternehmungen, noch mit philanthropischen Siedelungsprojekten verwechselt werden." (Programmentwurf der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poale-Zion Österreichs.) „Der Staat entsteht durch den Daseinskampf eines Volkes." (Theodor Herzl: Der Judenstaat.) Die „programmatische Einigkeit", die vom Zentralorgan der zionistischen Bewegung als vollzogene Tatsache vor kurzem gefeiert wurde, wird es doch nicht verhindern können, daß der VIII. Kongreß den Mittelpunkt aller Kämpfe um das Baseler Programm — das Realisierungsproblem — einer freimütigen und eingehenden Beratung unterzieht. Das wäre ja nur mit Freuden zu begrüßen. Denn es wird sich ohne Zweifel auch diesmal der Herzische Grundsatz bewahrheiten, daß die öffentliche Austragung von Meinungsdifferenzen der Sache nur dienlich und nutzbringend sein kann. „Unter der Voraussetzung, daß man nicht mit vergifteten Waffen kämpft" und daß man die Kernfrage nicht aus dem Auge verliert. Letzteres geschieht leider sehr häufig. Es sei hier

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