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Die Welt · 1907-04-19 · 16 (19.4.1907) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
16 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
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No. 16 Aus dem Tagebuch eines Wanderers . . . Wieder bin ich in dem kleinen Lande, wo das Leben so ruhig dahinfließt, wie das Wasser der blauen, umrahmten, ruhigen Seen — so still, kaum hörbar, so sanft, wie die weichen, zarten Töne am Bergesrand, wenn die Sonne sich auf ihn senkt. ... Ruhige, satte, selbstbewußte, zukunftssichere Gesichter. Ein Volk, das nichts mehr will, kein drängendes Verlangen, kein sengendes, zehrendes Bangen in sich trägt, nicht mehr ringt. Was sie wollten, haben sie errungen, diese ruhigen, starken Menschen, die Söhne der Berge. Ihre Ahnen und Urahnen haben in den Felsen und Schluchten ihre Macht gefunden — und sie weitergegeben, fortgepflanzt auf die Geschlechter, die kommen. Alles ist hier so klar, so deutlich, so unbewölkt. Klar und blau ist der See, klar und weiß die Umrisse der Alpen, klar und froh die Zukunft der Menschen, die zum Lande gehören. . . . Und in der Mitte dieser stillen, behäbigen Menschen — ich, unruhig, wie die Welle des reißenden Stromes im stürmischen Norden, unstät, wie ein abgepflücktes, verwaistes Blättlein, das vom Winde nach allen Enden ziellos geschleudert wird. Ein Ringender und Suchender, ohne Erde und ohne Himmel, ohne Ziel. Heute hier, morgen dort, heute hoffend, morgen verzweifelnd — und nirgends wurzelnd, niemals genießend. ... Ohne Heimat! Gibt's ein Gefühl, das so schwer lasten, alle Kräfte unterbinden, jede Regung hemmen könnte, wie dieses? Kein Fußbreit Erde, auf dem ich mit Stolz und Sicherheit auftreten — und ihn mein nennen könnte. Kein Streifen Himmel, der mich allein bedeckte und schirmte . . . Wo habe ich meine Heimat? Wo meine Wiege stand, stehen jetzt Trümmer des Glücks meiner Kindheit und der Kindheit so vieler. Wo ich zum erstenmal das warme Leben umklammerte — stehen fremde Mächte, feindlich, drohend. Kein Balken ist übriggeblieben von der goldenen Brücke, auf der mein leichter Fuß zu schweben begann. Alles haben sie zerstört, alles haben sie ausgetilgt, sogar den Regenbogen am Himmel haben sie verdunkelt ... Wo ist meine Heimat? Wo einst mein Ohr zum erstenmal die traurigen, liebevollen, rätselhaften, im Dunkel geflüsterten Worte meiner Mutter berührten, klingt eine andere, fremde Sprache, feindselig in ihren Lauten, klingt wie Hohn und derber Spott. Andere Töne zittern nach in der Abendluft, andere Lieder weinen in der Stille der Nacht. Und kein Nachhall ist geblieben von den trauten Weisen der Kindheit — verschlungen hat sie die grausame Zeit, übertäubt das Gewoge des Lebens. . . . Und ich suche . . . Von einem Lande zum anderen eilend, überall empfangend, nirgends gebend, immer sehend, niemals schaffend. Sie brauchen meine Schöpferkraft nicht — die Fremden, die Starken, die Eigenen. Mit eigenen Fäusten halten sie ihr Schicksal, schmieden sich mit schwieligen Händen ihr Glück . . . Meine Kraft brauchen sie nicht. Und ich wende mich zu den Müden und Traurigen und Zurückgebliebenen, zu den Unterlegenen, und weine mit ihnen. Aber meine Träne versüßt ihren Schmerz nicht. Zorn geben sie für meine Liebe, Haß für mein Mitleid. Meine Tränen brauchen sie nicht. . . . Berge, Täler, Seen, Himmel — was sind sie mir? Fremd sind sie mir. Denn sie wissen, daß ich ihnen keinen Gruß bringen kann von ihren Brüdern und Schwestern in der Ferne, denn sie wissen, daß ich über keinen Winkel der Welt Herr bin. Und die Welt kennt nur Herren. . . . Wie ein Vogel, der als Einziger seiner Art geblieben ist, kein Nest, keinen schützenden Ast hat, in den Lüften schwebt, den Winden preisgegeben — irre ich langsam und traurig, mit müden Flügeln. Und ich sehne mich nicht nach dem, was hinter mir war — und ich gehe achtlos vorüber an dem, was vor mir ist — nur in der weiten Ferne lockt etwas Unbekanntes, Fremdes, Hoffnungerregendes. . . . Was wird es sein? Und angesichts des fremden Nestes, das so warm und sonnig ist, liebevoll von den Bergen überdacht, malerisch von Seen durchwirkt, erwacht in mir die mächtige Sehnsucht nach einem eigenen Neste. Ein kleines, warmes Nest für das ganze, unendliche Himmelreich! . . . Und ich irre weiter. . . . Czernowitz, im März 1907. Geehrte Redaktion! In der Nummer 9 Ihres geschätzten Blattes schlug einer unserer Gesinnungsgenossen die Ausschaltung des Wortes „Palästina" aus der jüdischen Terminologie vor und wünschte die Einführung des „altneuen" Namens „Judaea". Entspränge aber dieser Wunsch nur der Sehnsucht nach Zion, und hätte er sonst gar keine Berechtigung, so wäre es wohl ein eitles Beginnen, eine Namensänderung plötzlich herbeiführen zu wollen. Allein es steht ganz anders mit der Bezeichnung Palästina. Es ist durchaus nicht richtig, daß die Römer unser Land am häufigsten >,Palästina" nannten, im Gegenteil, der Name Judaea war bei ihnen vorherrschend, und „Palästina" war in der Regel nur eine geographische Bezeichnung für den südlichsten Teil Syriens. Man könnte mit Recht annehmen, daß einem Römer viel eher die Vorstellung innewohnte, Judaea sei bei Palästina gelegen als daß es ihm eingefallen wäre, Judaea mit Palästina zu identifizieren, oder gar der Bezeichnung „Palästina" den Vorzug zu geben. Aber auch die Annahme, der Name „Judaea" sei nach der Zerstörung des Reiches vergessen worden, erweist sich als irrig. Denn der Kirchenvater Augustinus (354—430) schreibt an sieben Stellen seines „Gottes-Staat",, Judaea", an einer einzigen Palästina (XVI, 24), wo er auch offenbar an den südlichsten Teil dachte. Und Augustinus gebrauchte die Bezeichnung „Judaea" gewiß nicht aus Sympathie für die Juden, denen er als hartnäckigen Ungläubigen Verachtung entgegenbrachte, sondern nur, weil eben die letzgenannte Bezeichnung damals gang und gäbe war. Die vorherrschende Benennung des Landes nach den erbfeindlichen Pelischtim konnte also nur im Mittelalter erfolgen. In jener Zeit des religiösen Fanatismus, in der zügellose Horden unter dem Vorwande, ein heiliges Werk zu fördern, wehrlose Juden mordeten und beraubten, mußte das Wort „Judaea" den verblendeten Gemütern hassenswert erscheinen. Aber auch die folgenden, „sanfteren" Jahrhunderte bargen noch viel, leider allzuviel Mittelalterliches in sich, und so kam auch der Name „Palästina" mit in unsere Tage. — Diese Bezeichnung jedoch ist, wie eben gezeigt wurde, sachlich unrichtig, weil sie sich nur auf den südlichsten Teil bezog, und historisch nicht gerechtfertigt. — Wir Zionisten können das meiste dazu beitragen, den Namen „Palästina" aus der Welt zu schaffen und statt dessen „Judaea" einzuführen, ein Wort, das für uns der Inbegriff aller Hoffnung ist und bei dessen Klange Tausende von Unglücklichen aufgerüttelt und zu neuen Hoffnungen erwachen werden. Wir können dieses kleine Ziel schnell erreichen; schneller als man es vermuten könnte, werden wir uns an den neuen, vielsagenden, vielversprechenden Namen gewöhnen. Von nun an wollen wir z. B. nur von einem Herzlwald in „Judaea" sprechen und — bald wird uns der Name geläufig sein. Mit Zionsgruß Hermann Sternberg, stud. phil. Genf. Peregrinus. NOTIZEN Dr. Adolf Neubauer gestorben Samstag, den 6. April, verschied in London der hervorragende jüdische Gelehrte Dr. Adolf Neubauer. Er war neben dem ihm um zwei Monate im Tode vorausgegangenen Moritz Steinschneider der größte jüdische Bibliograph der Gegenwart. Neubauer wurde am 11. März 1831 zu Nagy-Bitse in Ungarn geboren und erhielt in seiner Jugend eine sorgfältige Ausbildung im Talmud und im rabfyinischen Schrifttum. Seine ersten wissenschaftlichen Aufsätze erschienen in den fünfziger Jahren in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", seine erste bedeutende Arbeit war jedoch die 1861/62 im „Journal Asiatique" veröffentlichte Abhandlung „Notice sur la Lexicographie Hebrai'que", in der er das hebräische Wörterbuch des Rabbi David ben Abraham von Fez aus dem 10. Jahrhundert besprach. 1864 wurde Neubauer nach Petersburg berufen, um die in der dortigen Kaiserlichen Bibliothek vorhandenen karäischen Manuskripte zu prüfen. Die Ergebnisse dieser seiner Untersuchungen veröffentlichte er unter dem Titel „Aus der Petersburger Bibliothek" in deutscher und französischer Sprache.

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