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Die Welt · 1907-04-19 · 16 (19.4.1907) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
16 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 16 DIBBELT 13 seiner Familie belohnt werden. Und wenn in der Umgebung- Räuber umherstreichen, muß er auch diesen Geschenke machen. Trotz des wenig beneidenswerten Lebens sind die wandernden Judenhändler sehr ehrliche Leute; sie.dienen oft als freiwillige und uneigennützige Postträger, die von Dorf zu Dorf Briefe und Geld tragen. Ein solcher Händler erreicht selten eine gesicherte Lebenslage. Der größte Teil wird geboren und stirbt in Armut. Unter obigem Titel bringt der „Badische Landesbote", das Von der Taufe der Juden Zentralorgan der badischen Demokratie, in seiner Nummer vom 26. v. M. den folgenden Aufsatz, der uns zeigt, wie anständige Christen über die Meschumodim denken: „Die Übertritte von Juden zum Christentum mehren sich von Tag zu Tag; bald treten Erwachsene über, bald lassen Eltern, die selbst noch im Judentum bleiben, ihre Kinder taufen. Das ist nun nicht, wie man auf den ersten Augenblick annehmen möchte, eine interne Angelegenheit der jüdischen Gemeinschaft, sondern es spielen hier Fragen herein, die das ganze deutsche Volk betreffen. Von diesem Gesichtspunkt aus treten wir einmal dieser Erscheinung näher. . . . Diese Dinge müssen einmal besprochen werden im Interesse der deutschen Volksgemeinschaft. Wir haben in Deutschland einen starken Antisemitismus, stärker wie in den meisten anderen Kulturländern. Die Gleichberechtigung der Juden, in der Verfassung verbrieft, existiert in Wirklichkeit nicht; von der Verwaltung sind die Juden in allen deutschen Bundesstaaten so gut wie ausgeschlossen; die Richterkarriere verschließen ihnen einzelne deutsche Staaten, andere erschweren sie. Die ordentliche Professur ist an vielen Hochschulen von der Taufe abhängig; im Offizierkorps sind Juden nicht geduldet. Noch Schlimmer der gesellschaftliche Antisemitismus. Judenreine Vereine, judenreine Studentenverbindungen, judenreine Freimaurerlogen „zur Pflege der Toleranz". Wir treten in keine Kritik dieser Zustände ein; sie sind, sie werden in Jahrzehnten nicht verschwunden sein. Um den Schwierigkeiten, -die der Antisemitismus ihnen bereitet, zu entgehen, lassen sich nun viele Juden, die zu ihrer Religion keine Beziehungen mehr haben, taufen. Sie eröffnen sich damit eine bessere Karriere; der unduldsame Staat wird plötzlich dem getauften Juden gegenüber merkwürdig tolerant. Erzählt man sich doch auch aus unserem badischen Musterlande das gute Stücklein von dem jüdischen Juristen, dem sie die Verwaltungslaufbahn zunächst verschlossen, aber nach der Taufe eröffneten. Als er dankerfüllt zum Minister kam, soll der ihn mit den heiteren Worten empfangen haben: „Sehen Sie, es geht schon besser!" Die Argumentation dieser neuen Christen ist eine sehr einfache : „Juden sind wir nicht; wir glauben nicht an unsere Lehre; die Gebote unserer Religion existieren für uns nicht; sie sind uns nahezu völlig unbekannt. Warum sollen wir nicht, um dem Antisemitismus auszuweichen, unsere Religion, der wir tatsächlich längst nicht mehr angehörten, auch formell aufgeben?" Bis dahin ist die Argumentation ganz gut, wenn schon vornehmere Naturen gerade wegen des Antisemitismus im Judentum bleiben. Fahnenflucht in Zeiten der Gefahr ist immer verächtlich. Aber die Sache hat eine andere, schlimmere Seite. Diese Juden treten nicht nur aus dem Judentum aus, um sich, der Wahrheit gemäß, freireligiös zu erklären. Das bringt keinen Nutzen; sondern sie treten zum Christentum über, an das sie so wenig glauben, wie an ihr altes Judentum. Die seltenen Fälle, wo Juden aus innerer religiöser Überzeugung Christen werden, scheiden selbstverständlich aus unserer Betrachtung aus. . . . Der Normalfall aber ist der, daß ein Jude, der so wenig an das Christentum wie an das Judentum glaubt, sich taufen läßt. Und hier liegt das Tieftraurige der Sache. Nicht sein Austritt aus dem Judentum ist das moralisch Verwerfliche; sein Übertritt zum Christentum, die große Lüge, die er in feierlicher Form ausspricht, um sich materielle oder gesellschaftliche Vorteile zu erkaufen, macht den getauften Juden so verabscheuungswürdig. Der Staat aber, dieser Wächter der Sitte und Moral, belohnt diese Charakterlosigkeit; er setzt eine Prämie auf sie aus; er heißt den Streber, den die Lüge nicht schreckte, willkommen, den charakterfesten Juden aber stößt er von sich. Wir verlangen volle Gleichberechtigung für die Angehörigen aller Konfessionen; die Frage aber wäre "zu prüfen, ob nicht im Interesse der moralischenm Reinheit der Beamtenschaft dem getauften Juden, der ohne Überzeugung den „Glauben" wechselte, staatliche Stellen zu verschließen wären. Die Geistlichen aber, die — und das ist die Regel — in genauer Kenntnis der wahren Gesinnung des „von der Wahrheit der christlichen Lehre überzeugten" Juden, einen heiligen Akt ihrer Religion in dieser schmählichen Weise mißbrauchen lassen, scheinen uns auch merkwürdige Vertreter ihres Standes zu sein. Ihre Rechtfertigung einmal zu hören, wäre besonders interessant. Nun gibt es, wie wir oben angedeutet haben, noch einer andern heute recht gebräuchlichen Weg. Eltern, die selbst Juden bleiben, lassen ihre Kinder taufen. Die Eltern fühlen, daß es schmählich ist, ohne innere Überzeugung eine andern Religion anzunehmen; warum aber, so fragen sie, sollen wir nicht unsere Kinder vor den Vorurteilen bewahren, unter denen wir selbst soviel gelitten haben? Ich sehe ab von einer besonders heiteren Form, wo Eltern ihre Söhne taufen ließen — aber nicht ihre Töchter. Den Buben die Kirche, den Mädchen die Synagoge, den Söhnen die Karriere, den Töchtern die Ehe. Auf dieser Paarung christlicher und jüdischer Religion lastet zu sehr der Fluch der Lächerlichkeit, als daß man sich ernstlich damit zu beschäftigen braucht. Ich behalte die äußerlich ernstere und würdigere Form im Auge, wo Eltern, denen aus Gründen der eigenen Überzeugung der Übertritt unmöglich ist, ihre Kinder ohne Unterschied des Geschlechts dem christlichen Glauben zuführen. Aber auch hier suchen sich die Eltern über ihre eigene Charakterschwäche hinwegzutäuschen. Stehen die Eltern noch auf dem Boden der jüdischen Religion, so wäre es ein grober Überzeugungsbruch, die Kinder um irgendwelcher Vorteile willen einer anderen Religion zuzuführen; stehen die Eltern aber auf freireligiösem Boden, auf dem Boden keiner Konfession, so mögen sie ihre Kinder in ihrem freien Geiste erziehen; unverantwortlich aber ist es vor den Gesetzen der Wahrheit und der Vernunft, die eigenen Kinder einem Glauben zuzuführen, der nicht der Glaube der Eltern ist. Und dann die Erziehung des Charakters der Kinder! Wer es mit angesehen hat, für den wären Erörterungen wahrlich unnötig. Die Kinder merken in frühester Jugend, daß etwas nicht stimmt; sie sind Christen, die Eltern Juden; sie wachsen nicht auf einem festen Boden, auf dem allein sich Charaktere entwickeln können; eine Halbheit, eine Unsicherheit haftet sich ihnen an und läßt sie nicht los zeit ihres Lebens. Da kommt der Augenblick, wo sie sich schämen, daß die Eitern Juden sind; da kommt das Erröten über die eigene Familie. Seelische Konflikte schlimmster Art sind unausbleiblich. Die Leidensgeschichte eines zartfühlenden jüdischen Kindes ist groß; die Leidensgeschichte dieser Kinder wird größer sein. Zuviel Tradition ist ein Unglück, aber ein Unglück, das eher zu tragen und zu überwinden ist, als der Mangel jeglicher Tradition." Antiziotiistische Phantasiekraft Zu welchen Ausgeburten die erhitzte Phantasie eines antizionistischen Journalistengehirns sich versteigen kann, mag die folgende kostbare Betrachtung lehren, die sich der Budapester „Egyenlöseg" in seiner Nummer vom 7. d. M. leistet und deren unwiderstehliche Komik wir durch keinerlei Glossen trüben wollen: „Die Feststellung einer merkwürdigen Tatsache lesen wir in den Spalten der zionistischen „Welt": Das traurige Faktum, daß der Judenpogrom in Rumänien zuerst und am stärksten in solchen Gemeinden ausgebrochen ist, deren Bewohner zionistische Juden sind. Das gleiche konnten wir in der zionistischen „Welt" auch bei Gelegenheit der russischen Judenverfolgungen lesen. Nun liegt es auf der Hand, daß dies keine zufällige Erscheinung, sondern die Folge eines solchen Antezedens ist, weiches der Aufmerksamkeit des russischen und rumänischen pogromveranstaltenden Bauers oder des Progromanführers nicht entging. Und in der Tat, den zionistischen Juden mit seinem Traume von einem palästinensischen Königreiche empfindet man als viel fremder im Vergleich zu demjenigen Juden, der sich von allen anderen Bürgern nur durch seine Religion unterscheidet. Und auch agitieren kann man bequemer gegen jenen. Denn man kann folgendes sagen: „Sieh, Bauer, der Jude lebt von Dir, Dein Vermögen will er wegnehmen. Und wozu? Damit ers nach Palästina führe, wohin er strebt." — Daß dies nicht wahr ist, da derjenige, der etwas hat, nicht nach Palästina geht, wissen wir wohl. Aber es handelt sich darum, was der Progrommacher glaubt. Und daß die armen rumänischen und russischen Zionisten zu solchem Glauben Anlaß gegeben haben, mußten sie teuer bezahlen."

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