Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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12 D1E^|ELT No. 16 sind sie Unionisten und fordern für ihre Arbeitsleistung angemessene Lob r-3. Es fragt sich also: Lohnt es sich für russische und rumänische Juden, nach dem Süden zu kommen, um mit den Negern in den Baumwollplantagen und industriellen Etablissements zu konkurrieren? Nach einer genauen Erwägung der Verhältnisse muß man wohl zu einer verneinenden Antwort gelangen. Die Südstaaten, die für eine Einwanderung in Betracht kommen, sind Virginia, die beiden Carolina, Georgia und Florida. In diesen Ländern ist der Prozentsatz der schwarzen Bevölkerung ein ganz erheblicher. In Südkarolina sind die Weißen in der Minorität; sie machen bloß 24 °;o der Bevölkerung aus. Florida hat 37 0 0, Georgia 44 0 0 Schwarze. In den übrigen Südstaaten, wie Alabama, Mississipi und Louisiana, wo sich neuerdings ebenfalls das Bestreben geltend macht, das schwarze Element durch weiße Immigranten zu verdrängen, liegen die Verhältnisse ebenso. Alabama hat 41 °/o Schwarze, Louisiana 51 u 0 und Mississipi sogar 69 ° o. Verlohnt es sich den jüdischen Immigranten, mit den Schwarzen in einen Konkurrenzkampf zu treten? Und wird der südländische Fabrikant dauernd Juden beschäftigen, wenn er Schwarze bekommen kann, die sicherlich billiger arbeiten werden? — Darum sagen wir, daß sich der Süden für eine jüdische Einwanderung durchaus nicht eignet." „. . _ _ Die „Mitteilungen zur jüdischen Die grusischen Juden n , , u ,s. . ' ... Volkskunde bringen in ihrer letzten Nummer nachstehende Abhandlung des Professors am Lasarew'schen Institut für orientalische Sprachen in Moskau, A. Chachanow: Die grusischen Chroniken erwähnen Judenansiedlungen innerhalb der Grenzen Grusiens schon in den entferntesten Zeiten. In der alten Residenzstadt Kartaliniens, Mzchet, wenn wir nach der Lebensbeschreibung der heiligen Nina, der Aufklärerin Ivveriens, urteilen wollen, wohnten die Juden schon im 3. Jahrh. n. Chr. G. in einem besondern Stadtviertel (Cherki), wo sie Handel und Gewerbe trieben. Der Sage nach gelangte der Chiton Christi bei der Verlosung in die Hände des Juden Elias aus Mzchet, der zur Zeit der Kreuzigung nach Jerusalem kam. Auch in einem andern Teile Grusiens, in Kachetien, wohnten die Juden von alters her. In der Residenzstadt Kachetiens, Gremi, existierte ein besonderer jüdischer Friedhof. Auch gab es dort einige Ansiedlungen, . die Uriatubani, d. h. jüdisches Dorf, aus dem grusischen ubani Teil und uria Jude (Uriat-Juden), genannt wurden. Etymologisch wrurde die Benennung Uria von Urija, dem Gemahl der Bathseba, deren sich auf ungerechte Weise der König David bemächtigte, abgeleitet. Bis auf unsere Tage nennen die Grusier die Juden — Uria. Es wird vermutet, daß die grusischen Juden Auswanderer aus Persien seien. Es ist aber unmöglich, die Zeit des Erscheinens der Juden in Grusien, wie auch den Weg, der sie nach diesem Lande geführt hat, genau zu bestimmen. Einer grusischen Chronik nach haben sich die Juden in Mzchet nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem niedergelassen. Während der Ausgrabungen auf dem Friedhofe zu Samtawr fand Bayern einen Grabstein aus dem 5. Jahrhundert mit einer hebräischen Inschrift „Dem teuern Vater Jahud". Was die Bergjuden, die in den Dörfern und in einigen Städten Daghestans, des Terschen und kubanischen Gebiets wohnen und eine Mundart der tatschen Sprache gebrauchen, die zu dem Neu-Iranischen gehört, anbetrifft, so kann man mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, daß sie aus Persien gekommen sind und daß ihre Ansiedlung der Eroberung Daghestans durch die Araber im 8. Jahrhundert vorangegangen ist. Die Verfolgungen, denen die Juden im persischen Reiche seitens der Sassaniden, der fanatischen Anhänger Zarathustras (besonders im 5. Jahrhundert) ausgesetzt waren, zwangen sie, aus demjenigen Teile Persiens, der Aturpataxp (jetzt Aserbaidschan) hieß, nach dem Kaukasus auszuwandern. Sie brachten mit sich die iranische Mundart der tatschen Sprache, deren Vokabular- und Wortbildung von sehr vielen türkischen Elementen durchsetzt ist. Bei all der Ungewißheit in der Feststellung der genauen Wege und der Zeit der Niederlassung der Juden in Grusien gibt es doch hinreichend genug Tatsachen, die beweisen, daß in den ersten Jahrhunderten der christlichen Ära die jüdischen Kolonien im grusischen Reiche groß an Zahl und Bedeutung waren. Die- Bagratiden-Dynastie, die im 6. Jahrhundert den grusischen Thron bestieg, leitet ihre Abstammung vom König David ab, und die grusischen Könige führten in ihrem Wappen die Schleuder und die Leier des alttestamentlichen Psalmensängers. In Grusien wurde die Freiheit der Juden niemals und von niemandem beschränkt. Sie waren sogar Besitzer von ganzen Städten und Städtchen. In den Tagen der Selbständigkeit Grusiens trieben die Juden nicht nur Handel, sondern auch Ackerbau. -Ein Teil der Juden war Leibeigene der grusischen Könige und Fürsten. Es gab auch solche Juden, die als Leibeigene der Klöster und Kirchen galten. Diesen, wie ihren christlichen Genossen, war die Lieferung von Kerzen und Weihrauch für die Kirche sowie von erzbischöflichen Kleidern auferlegt. Diejenigen unter den grusischen Juden, die zum Christentuni übertraten, assimilierten sich mit der grusischen Bevölkerung. Einige grusische Familien, wie z. B. Eliosischwili, Barnabischwili, Gedewanischwili, Baluaschwili und andere leiten ihre Abstammung von Juden ab. Aber auch diejenigen Juden, die dem jüdischen Glauben treu geblieben sind, haben ihre Sprache verloren und haben die Lebensweise wie auch die Sprache der Grusier angenommen. In den Dörfern kleiden sie sich wie die grusischen Bauern, indem sie sich mit einem Dolche, der zum Zubehör ihrer langschößigen Tracht (Tschocha) gehört, umgürten. Gegenwärtig wohnen die grusischen Juden in den Städtchen Zchinwaly, Suram und Kareli im Gouvernement Tiflis; Lailaschi, Sudshuny, Satschcheri, Lachamuli und Oni im Gouvernement Kutaiß. Von den Städten weisen eine zahlreiche jüdische Gemeinde folgende auf: Tiflis, Gori, Achalzich und Kutaiß. In den früheren jüdischen Ansiedlungen — Mzchet und Kachetien — sind jetzt keine Juden vorhanden. Man muß bemerken, daß die Juden aus Lachamuli (in Swanetien) sich schon zum Christentume bekennen. Die grusischen Juden treiben hauptsächlich Kleinhandel; sehr selten bringen sie es aber zu großer Wohlhabenheit. Sie bewohnen besondere Stadtviertel und assimilieren sich nicht mit der übrigen Bevölkerung. Die Juden haben nicht nur ihre Religion, sondern auch ihren anthropologischen Typus beibehalten. In ihren Schulen werden die Kinder in der hebräischen Sprache unterrichtet, aber sehr wenige beherrschen dieselbe. Die grusische Sprache wird auch gelehrt, besonders in Kutaiß, wo es einige wohlhabende Juden gibt. Hier stehen sie auch kulturell auf einer höhern Stufe, wohnen reinlicher und reicher im Vergleich mit der allgemeinen Volksmasse, die unter der Armut und chronischem Hunger leidet. Die Unsauberkeit der Juden während epidemischer Krankheiten (z. B. Cholera) hatte eine große Sterblichkeit zur Folge. Diese Ursachen erklären die schwache Vermehrung und sogar eine Verminderung der Zahl der grusischen Juden. Unter den Dorfjuden gibt es nicht wenige Ackerbauer und Handwerker, aber die Hauptbeschäftigung ist doch der Handel. In allen Teilen Grusiens begegnet man dem wandernden jüdischen Händler. Man sieht ihn immer in demselben Milieu: entweder sitzt er, kaum sichtbar zwischen den auf das Pferd geladenen Wagenballen, wobei er mit dem Tritte des Pferdes gleichmäßig den Kopf schüttelt; oder er folgt langsam zu Fuß seinem schwer beladenen Pferde, das kaum auf dem schmalen Bergpfade vorwärts kommt. Zwar ist er in einem grusischen Anzüge, aber die ganze Gestalt ist semitisch: traditionelle Seitenlocken, blasses längliches Gesicht/gebogene, dünneNase, festzusammengedrückte Lippen, dunkle melancholische Augen. Der wandernde Jude aus Suram, Zchinwaly, Satschcheri und Oni gebürtig, erinnert wenig an die Juden, die in den Städten wohnen. Der städtische Jude ist Sanguiniker, der wandernde ist Phlegmatiker. Der erste ist flink, schnell, geschwätzig, immer beschäftigt, während der zweite schweigsam und schwerfällig ist, sich langsam bewegt und sogar die an ihn gerichteten Fragen nicht sogleich beantwortet. Dessen ungeachtet ist er ein ewiger Wanderer. Das ganze Jahr fährt er mit seinen Waren herum, und nur drei- bis viermal im Jahre kehrt er zu seiner Familie zurück. Sein Handel ist unbedeutend. Seine ganze Ware beträgt höchstens 300—400 Rubel. In einem Orte verkauft er eine Fadenrolle, ein Päckchen mit Nadeln, einen Fingerhut oder eine Scheere; in dem zweiten Orte ein Spiegelchen, 'ein Stück Posament, ein Stück Tuch für einen Anzug oder einen Pelzhut (Papächa); in einem dritten einige Meter Zitz (baumwollenes Zeug) für ein Kleid oder bucharisches Gewebe für ein Hemd; er verkauft auch weiße und rote Schminke, billige Ringe mit Glassteinen usw. In manchem Dorfe wird ihm überhaupt nichts abgekauft, aber dessenungeachtet legt er ruhig seine Waren zur Schau aus, nicht selten 10 bis 15 mal nacheinander, um sie dann wieder zusammenzulegen. Er jagt nicht nach großem Gewinn und begnügt sich gewöhnlich mit 10 bis 15 fl;->. Seine Ausgaben sind indessen ziemlich bedeutend. Die Familie muß ernährt und die Handelssteuern müssen bezahlt werden. Der Großkaufmann, bei dem die Ware in Kredit genommen wurde, sowie der Gutsbesitzer, auf dessen Grund und Boden der Jude wohnt, müssen befriedigt werden. Auch muß der Rabbiner, der von Zeit zu Zeit die Gemeinden bereist, sowie der Dorfälteste für den Paß und der Gemeindeschreiber . . . für den Schutz