Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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m 10 ME ELT No. 16 war von Leichen bedeckt, und die sich ans Ufer retten konnten, fielen durch das Schwert der Römer. Die Zahl der Leichen, die die Meereswellen heranschwemmten, belief sich auf 4200." Auch nach der Zerstörung Jerusalems blieb eine ansehnliche jüdische Kolonie in Jaffa. R. Josef Schwarz in seinem Buche „Thebuoth Haarez", (ed. Lunz 5660, S. 169) erwähnt folgende Amoräer, die in Jaffa wohnten: R. Chanina aus Jaffa, R. Acha aus Jaffa, R. Tanchum aus Jaffa, R. Nach man aus Jaffa. Lunz fügt dieser Liste noch die Namen R. Ada aus Jaffa und R. Pinchasaus Jaffa hinzu. Hieraus geht hervor, daß es zur Zeit des Talmud eine stattliche jüdische Gemeinde in Jaffa gegeben haben muß, da eine so große Anzahl von Gelehrten aus einem kleinen Gemeinwesen nicht hervorgehen konnte. Jaffa war auch in der Nähe von Jamnia (Jabneh) und Lod, den Stätten der großen Jeschiboth. Zur Zeit der Kreuzzüge wurde die jüdische Gemeinde in Jaffa, wie es scheint, vernichtet. Denn als R. Benjamin aus Tudela vor 700 Jahren nach Palästina kam, fand er in Jaffa bloß einen Juden vor. Als vor 400 Jahren R. Meschullam ben Menachem Palästina bereiste und die jüdischen Niederlassungen in den verschiedenen Städten beschrieb, erwähnte er bei der Nennung der Stadt Jaffa mit keinem Worte, daß er dort Juden angetroffen hätte.*) So verhielt es sich bis vor ungefähr 70 Jahren, wie aus dem Umstände ersichtlich ist, daß sämtliche Schriftsteller und Reisende, die Jaffa in älterer Zeit besuchten, den Mangel einer jüdischen Einwohnerschaft in dieser Stadt hervorhoben. Als Sir Moses Montefiore im Jahre 5587 (1827) zum erstenmal nach Palästina kam, stieg er in Jaffa ab. In seinen „Erinnerungen" verzeichnet er nun die sandbedeckten Straßen von Jaffa, ferner die zahlreichen Plantagen, schweigt jedoch von dem Vorhandensein einer jüdischen Siedelung, während er sonst bei allen palästinensischen Städten sogleich die Juden erwähnt, die ihn begrüßt und besucht hatten usw. Als er dann von Jerusalem nach Jaffa zurückkehrte, wußte er ebenfalls von Juden in Jaffa nichts zu erwähnen. Als er Jaffa auf seiner Palästinareise im Jahre 5593 (1833) zum drittenmal besuchte, registrierte er in seinen „Erinnerungen" verschiedene Erlebnisse, es findet sich aber darin wieder keine Spur von einer etwaigen Begegnung mit dortigen Juden) während er von den Juden "in. Nablus, Chaifa und Beirut mehr oder minder ausführlich spricht. Der Verfasser des Buches „Tebuoth Haarez" hebt ausdrücklich hervor, daß er im Jahre 5593, als er am Pessachfeste in Jaffa weilte, daselbst keine jüdische Gemeinde vorfand. Demnach kann man sagen, daß es bis vor etwa 70 Jahren keinen einzigen. Juden in Jaffa gab. Solange es dort keine jüdische Niederlassung gab, blieben alle Reisenden, die nach Jerusalem zogen, in Jaffa bloß einige Tage, bis sie Reittiere zur Reise fanden. Den Grundstein zur jüdischen Niederlassung in Jaffa legte der Spaniole Jesaia Agiman. Als er im Jahre 5580 dahinkani, sah er, daß die Juden, die das Schiff verließen, in einem nichtjüdischen Gasthof einkehren mußten, um die Ankunft der Reitesel abzuwarten. Dies veranlaßte ihn, ein Haus anzukaufen und daraus ein Hospiz für die jüdischen Palästinapilger zu machen. Dieser Bau besteht noch heute und führt den Namen Kolel Ha-Sephardim. Hier stiegen auch die palästinensischen Juden ab, die im Sommer nach Jaffa kamen, um Seebäder zu nehmen, und bald wurde im Hause eine Synagoge eingerichtet, die zum täglichen Sammelpunkte der in Jaffa weilenden Juden wurde. Die eigentliche Ansiedelung von Juden in Jaffa ist aber einer zufälligen Begebenheit zuzuschreiben, die sich 20 Jahre nach dem Ankauf dieses Hauses abspielte. Im Jahre 1840 reisten nämlich marokkanische Juden nach Palästina und litten beim Berge Karmel Schiffbruch. Ihre ganze Habe wurde dabei vom Meere verschlungen, und sie retteten bloß das nackte Leben. Aller Existenzmittel entblößt, kamen sie nach Jaffa. Die Vorsteher der Kollelim in Jerusalem befürchteten, daß die Unglücklichen ihnen zur Last fallen würden und überließen sie ihren Schicksale. Da die marokkanischen Juden außerstande waren, Jaffa zu verlassen, suchten sie daselbst ihren Lebensunterhalt zu finden und es gelang ihnen denn auch, dank ihrer Genügsamkeit und Anpassungsfähigkeit, festen Fuß in der Stadt zu fassen. Seitdem vergrößerte sich die jüdische Gemeinde in Jaffa immer mehr, denn die Marokkaner veranla!3ten ihre neuankommenden Landsleute, unter denen es manche wohlhabende Leute gab, in Jaffa zu bleiben. Ein zweiter Vorfall, der sich kurz darauf ereignete, trug ebenfalls das seinige zur Vergrößerung der jüdischen Ansiedelung in Jaffa bei. Es kamen nämlich einmal — der Zeitpunkt ist strittig — Hunderte von aschkenasischen Immigranten nach Palästina und wurden, da in Palästina und den Nachbarländern damals Epidemien herrschten, behördlicherseits in Jaffa wochenlang zurückgehalten. Als sie endlich freigelassen wurden, zog es eine Anzahl von Familien, die .sich in Jerusalem hatten niederlassen wollten, vor, in Jaffa zu bleiben. Die Aschkenasim bildeten dazumal noch keine Gemeinde, sondern waren *),Jirez Cliemda" von N. Sokolow, Seite 72—74. mit den Marokkanern vereinigt und beteten in deren Synägöge, die dreißig Jahre lang die einzige in Jaffa war. Die jüdische Bevölkerung in Jaffa erhielt jedoch längere Zeit hindurch keinen nennenswerten Zuwachs. Der Verfasser des „Tebuoth Haarez" berichtet, daß er im Jahre 1845 in Jaffa bloß drei Minjanim Juden vorgefunden habe., Als Montefiore im Jahre 1855 Land zur Anpflanzung eines Orangengartens in Jaffa erwarb, siedelte er dort einige arme jüdische Familien an. Im Jahre 1856 ließen sich wieder einzelne jüdische Familien in Jaffa nieder. Der Krimkrieg war damals zu Ende, in betreff des heiligen Grabes der Christen war eine Vereinbarung zustande gekommen, und dies hatte zur Folge, daß alljährlich zahlreiche Christen nach Palästina pilgerten, wodurch sich' der Handel von Jaffa bedeutend hob. Dieser Umstand veranlaßte selbst einige Jerusalem er Juden, riach Jaffa überzusiedeln. Noch immer war jedoch der Zuwachs sehr gering. Daß sich die nach Palästina ziehenden Juden weigerten, Jaffa zu ihrem Wohnsitz zu wählen, selbst als es dort bereits eine größere jüdische Niederlassung gab, ist auf drei Ursachen zurückzuführen. Erstens liebt es der Jude bekanntlich, solche Orte aufzusuchen, wo es bereits große jüdische Massen gibt. Zweitens war das Hauptmotiv, das die Juden um jene Zeit veranlaßte, nach Palästina auszuwandern, ein religiöses, und seine religiösen Bedürfnisse fand der einwandernde Jude in Jaffa eben nicht befriedigt. Die dortige jüdische Gemeinde besaß nicht alle Institutionen einer solchen; auch der Gebetritus war ein, dem osteuropäischen Juden ungewohnter. Drittens kam neben dem Mangel der religiösen und rituellen Einrichtungen der Gemeinde auch das Fehlen religiöser Erinnerungen äüs der Vorzeit in Betracht. So gibt es in Jaffa keine geheiligten Grabstätten u. dergl. Während die Juden, die von Europa nach Palästina kamen, sich in Jaffa nicht niederlassen mochten, verlegten einige palästinensische Familien, die erkannten, daß der Handel in Jaffa gute Erwerbsgelegenheiten biete, ihren Wohnsitz dahin. Der Spaniole Amzalag war der erste, der im Jahre 1846 von Jerusalem nach Jaffa übersiedelte. Er wurde bald darauf zum britischen Vizekonsui ernannt und dies begünstigte ebenfalls die Niederlassung von Juden, da diese nunmehr in Amzalag einen Beschützer ihres Rechts und ihrer Interessen gefunden hatten. Zehn Jahre nach der Ankunft Amzalags machte sich eine Anzahl weiterer aschkenasischer Familien aus Jerusalem und Hebron in Jaffa ansässig. Sie gründeten Geschäftshäuser und bildeten den ersten Ansatz zu einer aschkenasischeit Gemeinde. Noch als unsere ersten Pioniere zu Beginn der achtziger Jahre nach Palästina kamen, fanden sie in Jaffa bloß einige Minjanim Aschkenasim; von nichtaschkenasischen Juden etwas mehr. Der hebräische Schriftsteller E. Deinard erwähnt, daß er bei seinem Besuch in Jaffa im Jahre 1883 ungefähr 60 aschkenasische und 200 sonstige Familien angetroffen habe; doch sind diese Angaben sicher übertrieben. Einen Aufschwung nahm die jüdische Niederlassung, wie gesagt, erst seit dem Eintreffen unserer Pioniere. Der immerwährende Zuzug von Immigranten, Vertretern von Kolonsationsgesellschaften, Bodenspekulanten usw. hatte die Errichtung neuer jüdischer Geschäftshäuser und Gastwirtschaften zur Folge, jüdische Handwerker ließen sich in Jaffa nieder, und je mehr die Kolonien in der Nachbarschaft Jaffas sich vermehrten und vergrößerten, desto größeren Zuwachs bekam die Stadt, und desto größere Ausdehnung gewann der jüdische Handel. Selbst einige von denen, die Bodenbesitz in den Kolonien erworben hatten, betrieben daneben einen Handel in Jaffa und machten meist gute Geschäfte. Die meisten Handlungshäuser, die in jener Zeit begründet wurden, bestehen und gedeihen noch heute. Seither wuchs die jüdische Ansiedelung in Jaffa rapid. Alljährlich kam massenhaft Zuzug aus Europa und den palästinensischen Kolonien und Städten. Besonders aus letzteren strömten viele arme Familien, die in ihren alten Wohnorten keine Erwerbsgelegenheit hatten, nach dem kommerziell aufstrebenden Jaffa. In den meisten Fällen gelang es ihnen auch, hier zu Wohlstand zu gelangen. Noch heute finden häufig Übersiedelungen von den palästinensischen Kolonien und Städten nach Jaffa statt und nur in den seltensten Fällen umgekehrt. * Besonders, groß war der Massenzuzug in der sogenannten Temkinschen Ära. Damals brachten die Schiffe allwöchentlich Hunderte von jüdischen Flüchtlingen aus Rußland, und die Straßen Jaffas waren belebt wie noch nie zuvor. Überall sah man Gruppen von Juden auf den Straßen und Märkten. Die bestehenden jüdischen Gasthöfe konnten die große Menge nicht fassen, täglich wurden neue Hotels und Speisehäuser eröffnet, die sich alsbald mit Immigranten, Kolontsationsagenten usw. füllten. Viele von den neuen Einwanderern fanden Arbeit in den Kolonien, ließen aber ihre Familien in Jaffa zurück, wohin sie selbst zum Sabbat zurückkehrten, da es in den Kolonien nicht genug Wohnungen gab. In Jaffa selbst herrschte gleichfalls große Wohnungsnot, weshalb sich viele Juden