Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Es gibt in Rumänien auch noch ein Gesetz, welches bestimmt, daß industrielle" Unternehmungen nur ein Drittel Fremde als Arbeiter beschäftigen dürfen. — Wir hätten nichts dagegen, wenn nicht die Juden als Fremde betrachtet würden! — Nun hat die neue Regierung es für nötig befunden, den Industriellen die strenge Durchführung dieses Gesetzes anzuordnen unter verschiedenen Androhungen. Herr Dr. Paul Nathan meint in dem Interview, daß in der „Neuen Fr. Pr." veröffentlich wurde, daß der König sich über die Lage nicht täusche etc. Auch wurde vor einiger Zeit von der europäischen Presse die Nachricht verbreitet, daß der König sich einer Deputation von Großgrundbesitzern gegenüber geäußert habe, man müsse die Bauern- und Judenfrage lösen. Sehr sonderbar mutet uns im Gegensatz hierzu ein Brief an, der von „Daily Mail" veröffentlicht wurde und in welchem er durch seinen Privatsekretär seine Ansicht über die Vorgänge mitteilt. Wer, wie Herr Dr. Paul Nathan, in Rumänien gewesen, wird leicht, allzuleicht einsehen müssen, daß der König falschunterrichtet ist, wenn er in diesem Briefe sagt: „Diese Unruhen haben einen essentiell agrarischen Charakter und durchaus nicht den antisemitischen, den man ihnen zuspricht, und ein Beweis dafür ist, daß auf zwei molestierte (belästigte) Juden 100 tote Christen kommen!" — Also die Juden werden nur molestiert! Der König scheint also, wie gesagt, sehr falsch unterrichtet zu sein. Sache anderer wäre es, ihn aufzuklären. Im letzten Moment lese ich noch in einer jüdischen Zeitung: Man meldet, daß aus den Dörfern Belcesti, Odurca, Cotnari und Carjora 80 Familien mit insgesamt 400 Seelen nach Canada auswandern wollen. Sie verlangen Hilfe von den philanthropischen Gesellschaften. Ein Teil dieser Leute ist ausgewiesen worden. Ein anderer Teil ist bemüßigt auszuwandern, weil er nach dem Vorgefallenen nicht mehr mit den Bauern zusammen leben kann. Zu bemerken ist, daß darunter auch einige naturalisierte Juden sind, die freiwillig fortziehen. So gäbe es noch vieles zu schreiben. Für heute wird Ihnen das Vorstehende genügen, um sich ein Bild von der gegenwärtigen Situation zu machen. Aus meinem Notizbuch Mauasse Margulies. In Westeuropa wäre er schon lange Privatdozent, vielleicht auch Professor der Rechtwissenschaft. In Rußland — nicht einmal Doktor, denn Juristen lassen sich nicht doktorisieren. Der Titel: Prisjaschnyj Powierennyj (Vereidigter Rechtsanwalt] bezeichnet ganz genau den Beruf. Diesen Titel führt Passover, eine Leuchte der Wissenschaft; auch Spasowitsch war nichts mehr, — die Polen nannten ihn: Pan Profesor; es war Flunkerei. Der vereidigte Rechtsanwalt Manasse Moisjejewitsch könnte eigentlich, wäre er nicht älter, noch weniger sein: Gehilfe eines Vereidigten, wie es die Grusenbergs, Kalmanowits's, Winawers, Sliosbergs noch bis vor kurzem waren. Aber er wurde vor den Manasseinschen Beschränkungen vereidigt, — feiert er ja jetzt seinen 70jährigen Geburtstag. Und zu diesem Geburtstag möchte ich einen Lorbeer winden - einem Gegner. Denn Manasse Moisjejewitsch ist ein Gegner des Zionismus. Aber ein Gegner, den man achtet. Ein echter 64er, ein russischer Aufklärungsjude aus der Zeit Alexanders des Zweiten. In den Jugendjahren ..... ein Anhänger der zu jener Zeit anspruchsvollen, mächtigen, allbeherrschenden, jetzt viel bespöttelten Haskalah. Die hebräischen Buchstaben waren ihm nicht, wie den meisten westeuropäischen Reformatoren, ungelöste Rätsel. Er blieb Hebraist, auch nachdem er mit dem Aufwände starker intellektueller Fähigkeit sich nicht nur der Form, sondern auch dem Inhalte nach eine höhere Bildung angeeignet und eine hervorragende soziale Stellung erworben hatte. Dann begann die Ära der russifizierten Haskalah mit der russisch-jüdischen Publizistik, mit der Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung, mit den neuen Einrichtungen in den Gemeinden, Kolonisation und Handwerksschulen. Manasse Moisjejewitsch war einer der Unermüdlichsten. Er betätigte einen merkwürdig gesunden Wirklichkeitssinn. Im Süden Rußland konzentrierten sich alle Strahlen der modernen jüdischen Gemeindetätigkeit, des Rechtskampfes, auch der Petitionsschreiberei und Projektiererei in dem einem Brennpunkte: M. M. Margulies. Die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts bedeuteten einen Wendepunkt in der Geschichte der russischen Juden. Die ruhigen klaren Linien der Aufklärungstendenz trübten sich. Die feineren, nationalen Nüancierungen kamen zur Geltung. Man begann in das Innere des jüdischen Problems tiefer einzudringen, neue Ideen und neue Menschen erschienen auf der Bildfläche. Manasse Moisjejewitsch folgte diesem Werdegange einer neuen Epoche noch bis zur „Chibath-Zion". Er ließ sich zum Vorsitzenden der Odessaer Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Bauern und Handwerker in Palästina wählen, aber ihn lockte nur die eine Seite des Prismas dieser Tätigkeit: die philanthropische. Als aber das Nationale mehr und mehr in den Vordergrund zu rücken begann, trat er zurück. Dann begannen die Kämpfe, und der gute verdienstvolle Mann war so empfindlich geworden, daß er glaubte, die Welt habe sich gegen ihn verschworen. Man verstand ihn nicht mehr, — den Mitbegründer des „Trud" (Handwerksschule), den Verfasser so vieler Abhandlungen, den Redakteur so vieler Petitionen, den alten Maskil, den erfahrenen „Prosswieschtschenje-" (Aufkläru ngs) -Kämpfer. So sah ich ihn vor einigen Jahren in Odessa, nachdem ich mit ihm vor 15 Jahren über Handwerksschulen u. dgl. noch so gut diskutieren konnte. Er war inzwischen ein alter Mann geworden, und die Erscheinungen des neuen jüdischen Lebens brachten ihn zuweilen außer Rand und Band. Er war gewohnt, unter seinem Gesichtswinkel die Sachen zu betrachten und würdigte nicht genügend die Zeichen der Zeit. Es liegt etwas Tieftragisches in diesem Überwunden-Werden leitender Persönlichkeiten. Inmitten der Gärung, in der jetzt die Judenheit Rußlands begriffen ist, kommt die Kunde von der Margulies-Feier wie eine Mär aus alter Zeit und fernem Lande. So ändern sich die Zeiten und „wir in ihnen". Aber ich muß sagen: Manasse Margulies ist ein verdienstvoller Mann. Seine Persönlichkeit hob sich scharf markiert aus der Einförmigkeit der Dutzendmenschen, und seine Tätigkeit entsprang nicht einer fremden, unjüdischen Weltanschauung. Er war ein Sohn seiner Zeit. Ein Hirt und eine Herde. Der Protest gegen das inquisitorische Gebaren des Cincinnatier Rabbinerseminars hat die liberalen Reformhelden an ihrer verwundbarsten Stelle getroffen: das lehrt schon die vollendete Hilflosigkeit und Verlegenheit, die sie dieser- Erscheinung gegenüber an den Tag legen. Das offene Schreiben, welches Herr Dr. Kohler, Rektor des genannten Seminars, in der letzten Nummer des „Jewish Exponent" veröffentlichen ließ, ist ein bezeichnender Ausdruck dieser Verlegenheit. Herr Dr. Kohler erklärt mit dankenswerter.Offenherzigkeit, daß er das Recht der freien Forschung anerkennt und die Selbständigkeit der Professoren zu respektieren weiß, jedoch — und hier liegt der Schwerpunkt — die zionistischen Anschauungen und Überzeugungen der Professoren kann er nicht gelten lassen. Und hier beginnt ein „Pschettel" ä la „MischneL'melech", der scherzweise den Beweis führt, daß, wenn man am Pessach, an dem man nicht verpflichtet ist, in derSukkah zu sitzen, die Pflicht hat, Matzah zu essen, um wie viel mehr ist man dieser Pflicht am Sukkoth unterworfen, wenn man das Gebot, in der Sukkah zu sitzen, befolgen muß. Tolerant muß man sein, den wissenschaftlichen Überzeugungen muß man den freiesten Spielraum lassen, ergo soll man die