Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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ziehungsarbeit. Die meisten sind froh, wenn sie mit der Wiener Politik überhaupt nichts zu tün haben. Sie haben sich mit der antisemitischen Herrschaft abgefunden und jedes Vertrauen zu 'den Liberalen verloren. Es rächt sich, daß diese sich in der Mehrzahl der Bezirke von den Sozialdemokraten ins Schlepptau nehmen ließen und/den ernsten Kampf gegen die Christlichsozialen der Arbeiterschaft : überlassen haben. Die Agitationsmethode der Liberalen, die schon früher zur Zeit der Zensuswahlen versagte, erweist sich bei Wahlen mit allgemeinem Stimmrecht als völlig unzureichend. Die breiten Wählerschichten lassen sich nicht einmal in den sogenannten „sicheren" liberalen Wahlbezirken vom Donauklub, von den verschiedenen Vereinen der Fortschrittsfreunde, von ihren Bezirks- und Zentralwahlkomitees dirigieren. Sie versagen einfach die Gefolgschaft und machen sich über die liberalen Führer lustig. Auch das Schlagwort „Kampf gegen die Reaktion!" zieht nicht mehr. Es ist auf jüdischer Seite ein Zeichen reifender politischer Erkenntnis, daß die Wiener Juden sich nicht in einen Kulturkampf hineinhetzen lassen wollen, dessen Kosten sie tragen müßten. Sie haben mit Recht die Taktlosigkeit mißbilligt, mit der Dr. Omer, der Kandidat der Leopoldstadt, für die Eherechtsreform eingetreten ist und durch Einmischung in eine fein katholische, kirchliche Angelegenheit das berechtigte Ärgernis nichtjüdischer Kreise erregt hat. Und es ist bezeichnend, daß Baron Hock, der Gründer der Freien Schule, der im Bezirk Aisergrund auf jüdische Stimmen angewiesen ist, bei sehr vielen jüdischen Wählern wegen seiner prononzierten antiklerikalen Haltung auf unerwartete Widerstände stößt. Die „Wiener Allgemeine Zeitung" vergießt darob Krokodilstränen, indem sie schreibt: „Wir haben es jetzt bei dem Wahlkampf, — wenn überhaupt das, was die liberale Partei bisher getan hat, als Vorbereitung zu einem Kampf angesehen werden kann, — mit einer merkwürdigen Erscheinung zu tun. Die Mandate, mit welchen die liberale Partei als sicher rechnet, sind die Mandate in jenen Wahlkreisen, in denen die jüdische ^Bevölkerung den Ausschlag gibt. Sollte man es für möglich halten, daß die Juden des IX. Bezirkes sich zum großen Teile ablehnend gegen die Kandidatur des Hofrates Hock verhalten? Also eines der wenigen Männer von Popularität, von Wert und Bedeutung, deren sich die liberale Partei in ihren Reihen erfreut? Aber die Juden des Aisergrund verweigern diesem Mann gutwillige und unbedingte Gefolgschaft in der Wahlkampagne, weil — er für die freie und gegen die konfessionelle Schule ist." Das ist allerdings nicht ganz richtig. Die ablehnende Haltung jüdischer Wähler entspringt durchaus nicht, wie das liberale Blatt glauben machen will, „jüdischklerikalen Erwägungen", sondern der Überzeugung, daß die Kulturkampfpolitik des Baron Hock, dessen politischer Mut und Freisinn anerkannt werden muß, in erster Linie von nichtjüdischen Wählern gestützt und ermöglicht werden sollte. Die ewigen antiklerikalen Phrasen, mit denen die alten Liberalen die politische Erziehung der Juden in ein ganz falsches und gefährliches Fahrwasser zu lenken wußten, üben nicht mehr die alte Wirkung. Wie es mit der Unterstützung der Liberalen durch Nichtjuden aussieht, geht aus einer anderen Anschauung obigen Blattes hervor: „Die Apathie in den Kreisen unserer Wählerschaft ist sehr groß, und einzig die jüdische Wählerschaft bildet eine Ausnahme." Warum aber? Es ist ein greifbarer und starker moralischer Erfolg der zionistischen Agitation, daß die Wahlkampagne im Quaiviertel und in der Leopoldstadt „konfessionellen Charakter" trägt. Auch diese Tatsache erregt das Unbehagen des liberalen Leitartiklers, der in jeder jüdischen Frage nur konfessionelle Gesichtspunkte sucht und an ihrem nationalen Kern mit Scheuklappen vorübergeht. In der Tat liegt in der Aufstellung jüdischer Kandidaten der Beweis, daß die Juden die parlamentarische Vertretung ihrer politischen und wirtschaftlichen Interessen nur ihren Volksgenossen anvertrauen wollen und daß sie diese fremd nationalen liberalen Kandidaten vorziehen. Um die Leopoldstadt zu retten, hat das liberale Komitee den Vizepräsidenten der Wiener Kultusgemeinde, den Landesschulrat Dr. Gustav Kohn, der das angesehenste und beliebteste Mitglied des Vorstandes ist, zur Kandidatur im jüdischen Wahlkreis der Leopoldstadt bewogen. Diese WahlbeWerbung, die nach langwierigen Verhandlungen zustande kam und eben wegen ihres „konfessionellen Charakters" vor Jahren unmöglich gewesen wäre, ist auf das Konto der zionistischen Arbeit zu setzen und beleuchtet die Schwäche der Wiener liberalen Partei aufs deutlichste. Mögen altiiberale Parteigänger und Journalisten den Wechsel der Dinge beklagen und über die angeblich konfessionelle Färbung der Wiener Wahlen noch so rührend greinen und klagen, — die Juden werden den politischen Szenenwechsel nicht beklagen. Sie sind auf dem Wege der politischen Selbsthilfe und werden sich, nachdem sie sich von der lähmenden Führung der Deutschliberalen freigemacht haben, zu einer zielbewußten nationalen Politik durchringen. R. N. DIE EXZESSE IN RUMÄNIEN Ein Korrespondent aus Braila schreibt uns: Die Bauernrevolte soll, wie Sie wissen, mit Militärgewalt unterdrückt werden. Äußerlich herrscht jetzt vollständige Ruhe. Darüber, wie es sonst aussieht, ein Urteil zu fällen, ist schwer. Jedenfalls sehen die meisten hier die allgemeine Situation nicht für sehr günstig an, und man glaubt allgemein, daß es lange dauern wird, bis die Folgen dieser plötzlichen Bauernrevolten einer normalen Situation Platz machen werden. Jetzt den Propheten spielen zu wollen, ist leicht, aber wertlos, denn niemand ist heute imstande, die Pntwicklung der rumänischen Politik vorauszusagen. Nur eine« scheint ziemlich sicher: die Lage der Juden wird kaum eine -essere werden. Einige Maßregeln, die die Regierung bisher ergriffen, können als Wegweiser dienen. Gleich nach Wiederherstellung der Ruhe wurde ein Erlaß der Regierung publiziert, wonach die Juden, die auf dem Lande wohnten, sofort entfernt werden sollen. Man beruft sich dabei auf ein Gesetz: „Fremden ist der Aufenthalt auf dem flachen Lande verboten". Die Frage ist nur, ob man Leute, die eventuell sogar dort geboren sind, jedenfalls ihrer Militärpflicht genügt haben und keinem andern Staatsverbande angehören, als Fremde betrachten kann. Aber nicht nur aus den Dörfern sollen die Juden vertrieben werden, sondern auch — und das ist neu — aus den kleinen Städtchen der Moldau. Wir lesen dartjber unter anderem: Jassy, 28* März (alt. St.): Gestern sprach eine Delegation hervorragender Juden bei dem Präfekten Stere vor, um ihn zu bitten, er möge die Maßregeln zur Vertreibung der Juden aus den Dörfern zurückziehen. Herr Stere antwortete, er könne nichts tun. Heute müsse der Wille der Bauern erfüllt werden, denn der Bauer ist ein wichtiger politischer Faktor geworden, dessen Wünsche maßgebend sind. Die Bauern verlangen aber die Vertreibung der Juden von den Dörfern, folglich wird das Gesetz durchgeführt werden. Herr Stere fügte hinzu, daß er die Absicht der vertriebenen Juden kenne, das Land zu verlassen, und sprach seine Oberzeugung aus, daß die Regierung die Auswanderung erleichtern werde. In Verbindung damit (schreibt der Berichterstatter) muß ich das von den offiziellen Kreisen ausgesprengte Gerücht registrieren, wonach die Juden auch aus den Marktflecken vertrieben werden sollen. Das wird die Situation sehr erschweren, da manche derselben seit Jahrzehnten dort ansässig sind und eigene Häuser haben. (Dimineata). Jassy 29. März (alt. St.): Wie bereits gemeldet, wird dieser Tage mit der Austreibung der Juden aus den kleinen Ortschaften begonnen werden. Man berichtet mir sogar, daß dieselbe bereits angefangen habe, indem aus einem benachbarten Orte 4 Familien vertrieben wurden. — Alle haben sich an das Hilfskomitee gewandt mit der Bitte, ihnen die Auswanderung nach Amerika zu ermöglichen. (Dimineata).