Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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dem Beschluß der letzten Jahreskonferenz für den „Bezalel" errichtet werden soll. Ein kleiner Beitrag seitens der Eltern und eine ebenso kleine Subvention von irgendeiner unserer nationalen Institutionen würden demnach genügen, um jährlich dem Lande Dutzende gut ausgebildeter Handwerker zu geben. Eine ähnliche Einrichtung müßte für die kaufmännischen Fächer geschaffen werden. Dabei wäre es notwendig, daß die Kinder in diesen Schulen nach individuellen Neigungen und Fähigkeiten gruppiert werden. Und sehr wünschenswert wäre es überdies, daß die Administration dieser Schulen zugleich als Vermittlungsbureau für Arbeitsuchende diene. Sie soll möglichst ausreichende Kenntnis davon besitzen, wo und welche Arbeitskräfte im Lande notwendig sind, und dementsprechend die Schüler, nach Absolvierung der Unterrichtskurse, auf Plätze, wo sie Arbeit finden, verweisen können. Wir dürfen ja keinen Augenblick vergessen, daß wir es mit einem Einwanderungselement zu tun haben, das die Bedingungen des Landes nicht kennt, und daß es daher unsere Pflicht ist, ihm mit allen Mitteln in der Auffindung von passenden Beschäftigungen für die junge Generation zu Hilfe zu kommen. Eine weitere Bildungsanstalt,' wo solche „Ergänzungsklassen" errichtet werden könnten, ist die von Herrn Beikind in Lydda (2 Stunden von Jaffa entfernt) errichtete Schule „Kiriath-Sefer". Der Plan des Begründers dieser Schule zielte ausschließlich auf eine landwirtschaftliche Schule ab. Aber trotz der Richtigkeit der von ihm entwickelten Prinzipien muß man gestehen, daß die tatsächlichen Verhältnisse in Palästina im jetzigen Moment ganz und gar nicht darnach angetan sind, um die Realisierung der Belkindsch'en Grundsätze zu ermöglichen. Das Leben der jüdischen Kolonisten hier ist noch so anormal, daß jeder Vater bestrebt ist, seinen Sonn vom Acker entfernt zu halten. Um so weniger ist also zu erwart n, daß er bereit sein sollte, einige hundert Franken jährlich auszugeb n, um sein Kind im „Kiriath-Sefer" ausbilden zu lassen. Die Sta lteinwohner stehen auch noch dem Gedanken fern, ihre Kinder /a\ Ackerbauern zu erziehen. Auf diese Weise wird sicherlich, wenigste is in den ersten Jahren, für „Kiriath-Sefer" ein Mangel an Schükrn entstehen. Ganz anders stünde die Sache, hätte man in das Progran m der theoretischen Gegenstände, das als eine Ergänzung der Prim trschulen dienen soll, einige praktische Gegenstände, wie kaufmännische Arithmetik, Buchführung und Korrespondenz, einbezogen. In Hinsi< ht auf professionelle Ausbildung sollte man, abgesehen vom landw rtschaftlichen Unterrichte, noch eine systematische Vorbereitung;ir irgendwelche Handwerks- oder Fabriksarbeiten einführen. Auf di. sc Weise ausgestaltet, würde die Schule sicherlich nie über Mangel an Schülern zu klagen haben. Was die hierfür nötigen Mit el anbelangt, so könnte auch hier eine kleinere oder größere Subvention seitens unserer Nationalinstitutionen und eine entsprechende B itragsleistung seitens der Eltern die Balance schaffen. Anläßlich der letzten Jahreskonferenz ist bekanntlich beschlossen wordui, 1300 Dunam Land in Lydda für Rechnung des Nationalfonds an; ikaufen und sie den ältesten unter den in „Kiriath-Sefer" ausgebildet n Kischinewer Waisen in Pacht zu geben. Da nun für diese ein Bruchteil des Landes genügen dürfte, so könnte „Kiriath-Sefei", falls ihm der übrige Boden verpachtet werden wird, aus den Produkt ti einen ziemlichen Zuschuß zu seinem Budget gewinnen. (Forts, folgt, i DER WIENER LIBERALISMUS (Von unserem Korrespondenten.) I. Eigentlich ist es eine politische Falschmeldung, von einer liberalen Partei in Wien zu sprechen. Sie existiert in Wirklichkeit nicht mehr, vegetiert kaum. In ein paar Bezirken, bezeichnenderweise in den von Juden bewohnten, feiert sie zur Zeit der Wahlen unerwünschte Auferstehung. Abgewirtschaftete Bezirksgrößen setzen sich in Szene und markieren einen Wahlkampf. Es sind armselige Wahlschlachten, die der liberale Generalstab ohne Armee schlägt, kostspielige Galvanisierungsversuche mit untauglichen Mitteln imd an untauglichen Objekten. Die Desertion der Wähler nimmt däthn immer größere Dimensionen an, und die Parteiverdrossenheit der Anhänger schlägt in völlige politische Gleichgültigkeit, ja Gegnerschaft um. Obwohl die Wiener Liberalen als Parteifaktor längst abgedankt und sich fatalistisch in ihr wohlverdientes Schicksal ergeben haben, wollen sie nicht definitiv abtreten und für eine gesündere Parteientwickelung Raum schaffen. Die Spottgeburt von kleinlichster Bezirksmeierei, Führereitelkeit und politischer Unfähigkeit, als welche die Wiener liberale Partei einherstolziert, lebt zum Gaudium der Christlichsozialen vor Wahlen wieder auf und holt sich immer saftigere Niederlagen. Wenn man bei so einem Wahlkampf unsere Liberalen in ihrer ganzen trostlosen Senilität und Ohnmacht aufmarschieren und „kämpfen" sieht, lernt man erst recht begreifen, warum sie von den Christlichsozialen, den Meistern raffinierter Agitationskunst und politischer Organisation, so gründlich über den Haufen gerannt werden konnten. Es wäre wahrlich auch einer minder geschickten, volkstümlichen und skrupellosen Partei, als es die Wiener Antisemiten sind, gelungen, mit einem Gegner, der über eine solche schwächliche Führung und über so ungeschulte Wählermassen verfügt, fertig zu werden. In dem Vexierbild, das uns in der Wiener Politik eine liberale „Partei" vergeblich suchen läßt, fehlt so ziemlich alles zur deutlichen Herausarbeitung eines politischen Parteigebildes. Nur eine herzlich schlechte Karikai ir ist erkennbar. Der Liberalismus ist in Westeuropa angeblich im politischen Aufstieg begriffen. Im Deutschen Reich hatte das liberale Bürge - tum jüngst einige Wahlerfolge zu verzeichnen, in Frankreich fiiMt es genügend Kraft und Energie zu einem radikalen Kulturkann -r. Wie soll in Wien der Liberalismus neue Kräfte sammeln, was s!l hier eine neue liberale Ära einleiten? Die liberalen Führe? Die liberalen Wähler? Oder gar die liberale Presse? Die alt n Führer sind abgetan. Wrabetz, Noske, Dr. Vogler wagen nie;t einmal zu kandidieren. Gute Menschen, schlechte Musikanten. ' o waren zeitlebens brave, echte Liberale, aber ebenso schied e Politiker. Was in den Bezirksvereinen, die den Wiener Liberalism s repräsentieren, an der Oberfläche schwimmt und sich verleg*, i herumtummelt, was sich im Gemeinderat vor der christlichsoziale' Hochflut ein letztes rettendes Plätzchen erobert hat und zahm . echt-liberale Opposition macht, ist zur Führung nicht befähig Kaum Dutzendware, nur Bierbankpolitiker, Bezirksmeier. In Wie wo einst ein Brestel, Hasner, Kaiserfeld, Sueß an der Spitze de* Liberalen standen, findet sich kein Führer. In einer „Der Wiem Liberalismus und seine Gegner" betitelten Broschüre, die von liberale- Zeitungen als hervorragendes Geistesprodukt herausgestrichen wurd versucht ein liberaler Parteimann, der zu jenen Dützendführern gehör' die Notwendigkeit und Möglichkeit eines Wiederaufbaues sein' Partei nachzuweisen. Das wertlose Büchlein kennzeichnet de:> Geist, der die heutigen Wiener Liberalen beherrscht. Sie habe i nichts gelernt. Sie sind und bleiben die „Invaliden und Inkurable) " der Politik. Und wie die Führer, so die Wähler. Mutlosigkeit, Verdrosser heit, Indolenz in allen Kreisen, die zwischen ihren vier Wänden daheim liberal sind. Keine Organisation, keine politische Er