Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DIE3^ELT No. 16 der türkischen Regierung und den europäischen Mächten zu führen? Ist nicht die einzige Instanz, an die wir uns für die nächsten Zeiten zu wenden haben, die Hohe Pforte? Und wenn wir zu dem Entschlüsse gekommen sind, auch die Hilfe der anderen Mächte in Anspruch zu nehmen, wird wahrscheinlich eine Gruppierung erforderlich sein, in solche, deren Interessen mit 'den unseren parallel laufen und in solche, deren Interessen den unsern noch widerstreiten. Das zweite Problem ist das des „Kontrahenten". Herzl hatte, als er die „Jüdische Kolonialbank" hierfür in Aussicht nahm, ein Institut im Auge, das über unvergleichlich größere Mittel und unvergleichlich reicheren späteren Zufluß verfügen sollte, als es in Wirklichkeit bei der Kolonialbank, (selbst wenn wir in gewissem Sinne den Nationalfonds als politisches Instrument hinzurechnen) der Fall ist. Und aus diesem Umstand vor allem resultieren die Bemühungen vieler Zionisten, hier noch andere Zwischenglieder einzuschieben. Ein solches Zwischenglied soll der Machtfaktor sein, den das palästinensische Judentum durch seine wirtschaftliche, politische und kulturelle Kraft zu bilden vermag, ein anderes das jüdische Privatkapital, das diese Kraft zu verstärken hätte; Bei der Einschiebung dieser Zwischenglieder erheben sich zwei Gegenfragen, die besonders in den letzten Zeiten mehrfach geäußert wurden: Erstens, bildet die Stärkung des palästinensischen Judentums wirklich ein Machtmittel für uns, da sie doch sozusagen den Wechsel, den wir auf die Zukunft ausstellen und wofür wir die Gegenleistung der Türkei fordern, schon jetzt ratenweise einlöst, ohne daß wir die Gegenleistung erhalten haben? Zweitens, widerspricht diese palästinensische Tätigkeit nicht dem Prinzip des politischen Zionismus, dereine öffentlich-rechtliche Sicherheit fordert? Wenn diese beiden Einwürfe entkräftet und sonach die neuen Zwischenglieder politischer Arbeit zu Recht eingesetzt sind, steht vor uns die Aufgabe der Grenzbestimmung: Wie weit und mit welchen Mitteln hat unsere Organisation als solche sich bei diesen Tätigkeiten zu engagieren und inwieweit hat sie Aktionen der Privat-Initiative zu überlassen, beziehungsweise Aktionen und Verantwortungen von sich zu weisen? Diese Fragen sind nicht nur rein praktischer, etwa organisatorischer oder finanzieller Natur, sie sind auch und vornehmlich politischen Charakters, weil es sich eben um ein politisches Mittel handelt. Andere Fragen, die auch in diese Katogorie gehören, seien nur angedeutet, z. B. die unseres Verhältnisses zur einheimisch-palästinensischen Bevölkerung vom politischen Standpunkte aus, oder die Frage, ob den Palästina- Tätigkeiten nicht von vornherein ein bestimmtes wirtschaftliches und soziales System zugrundegelegt werden soll. Schon aus dem bisherigen Aufbau ergibt sich von selbst die Notwendigkeit, das Problem des Charters näher zu untersuchen. Soll er mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln als erstes und letztes Ergebnis gesucht werden, oder soll der Weg zum Charter zerlegt werden, derart, daß wir bei kleinen Konzessionen beginnen und jede Etappe eine gesteigerte Konzession bedeuten soll? Das sind die wesentlichsten Fragen. Zwei wichtige laufen nebenher: Einmal, inwiefern die Judenheit der Diaspora, insbesondere die zionistische, in ihrer Organisationskraft und in ihren Kundgebungen, für die politischen Zwecke des Zionismus zu gebrauchen ist. Und die zweite: Inwiefern die Nachbarländer Palästinas im politischen Sinne auszunutzen wären. Wird der achte Kongreß, auf dem fußend, was die früheren Kongresse vorbereitet haben, die prinzipielle Antwort auf die vorstehenden Fragen in klarer Fassung erteilen, dann kann er beruhigt die allerdings schwere, aber durch eine einheitliche Parole erleichterte politisch-diplomatische und organisatorische Arbeit, die kein Ausposaunen verträgt, denjenigen überlassen, denen das politische Ressort anvertraut sein wird. Dieses politische Ressort, zweckdienlich ausgestaltet, würde dann seine nächste Ergänzung im Palästina-Ressort und endlich in einem solchen für die nationale Tätigkeit in der Diaspora finden, worüber wir noch ausführlicher sprechen wollen. B. F. Die Volksbildung in Palästina Von Dr. M. Scheinkin (Fortsetzung.) Die Hauptrolle in der Entwicklung der palästinensischen Schulen spielt die „Alliance IsraeJite Universelle". Sie gründete Hunderte von Schulen in der Türkei und darunter Dutzende in Palästina und Syrien. Das Programm dieser Schulen entspricht dem Zwecke der Gesellschaft: das geistige Niveau der orientalischen Juden zu heben und sie der europäischen Kultur zuzuführen. Was aber von europäischer Kultur In diesen Schulen dargereicht wird, ist nicht viel mehr als die französische Sprache und elementarer Schulunterricht. Aus diesen Schulen erwächst natürlich eine besondere Vorliebe für Frankreich, die Sehnsucht und das Streben nach Paris. Dieser Zug nach Paris wird noch dadurch gefördert, daß man die besten Schüler auf Kosten der Gesellschaft nach Paris schickt, wo ihre Ausbildung in den Lehrerseminarien oder sogar in den Hochschulen vollendet wird. Selbstverständlich ist infolgedessen das Ideal jedes Schülers von Anfang an : Frankreich und sein Herz, Paris. Und da es nicht allen gelingt, nach dem Paradies verpflanzt zu werden, so unternehmen es die energischsten unter den Schülern, sich auf eigene Kosten nach Europa,. Amerika und anderen Ländern mit europäischer Kultur zu wenden. Die junge Generation, die ihre Erziehung in den Schulen der „Alliance" genießt, ist also von vornherein für die Auswanderung bestimmt. Alle fähigeren Elemente verlassen ihre Heimat, ohne auch nur den Versuch zu machen,' europäische Kultur und europäische Ordnung hierher zu verpflanzen. Bis in die letzte Zeit war von nationalem, von jüdischem Geiste überhaupt in diesen Schulen nichts zu merken. Der Unterricht in der hebräischen Sprache (Maximum eine Stunde pro Tag in jeder Klasse) wurde sefardischen Chachams übertragen, die selbst eine schwache Ahnung von jüdischer Literatur und Geschichte hatten und sich gewöhnlich während der Unterrichtsstunde mit dem Vorlesen von Gebeten oder anderer religiöser Texte begnügten. Von den Propheten erfahren die Kinder gewöhnlich nur etwas aus den in den französischen Lesebüchern enthaltenen Fragmenten. Sogar die zehn Gebote mußten sie französisch einstudieren. Dasselbe System herrschte auch in den Schulen der Kolonien, und es trug in den früheren Jahren nicht wenig zur Abschwächung der zionistischen Siimmung unter der Jugend bei. In den letzten Jahren (seit der Umänderung des Regimes in den Kolonien) begann auch die Emanzipation der dortigen Schule vom bisherigen System — jetzt ist jungen Lehrern aus Rußland, Zionisten und Nationalisten, der Zutritt eröffnet, und diesen neuen Lehrkräften gelingt es, allmählich den Schulen der „Alliance" jüdischen Geist einzupflanzen.