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Die Welt · 1907-04-12 · 15 (12.4.1907) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 18)
Language
German
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20 DI.E2HELT.- sieht auf die kommenden Synodalwahlen in fünfstündiger Sitzung Stimmung gemacht werden gegin die „schwarze" Seele dieser „unverträglichen" Orthodoxen. Wir beneiden die Freunde des Oberrats, die diese Interpellation einbrachten und begründeten, nicht um die Art, in der sie Gelegenheit nahmen, ihrer Menschenfreundlichkeit, Verträglichkeit und allumfassenden Friedensliebe Ausdruck zu verleihen Wir bedauern es um das Ansehen der badischen Gesamtjudenheit willen auf das tiefste, daß man Männer, die nicht anwesend waren, und Richtungen, die in jener Sitzung keine Vertreter und Wortführer hatten, in einer solchen Weise angreifen und un geh ort verurteilen konnte. An unsere Gesinnungsgenossen in den badischen Landen aber -No. 15 lassen wir angesichts dieser ungerechten Angriffe den Ruf ergehen: Scharet euch mutig um unser Banner, tretet opferfreudig und mannhaft ein für unsere Überzeugungen. Der Verein zur Wahrung der Interessen des gesetzestreüen Judentums in'Baden: Aron Ettlinger, Vorsitzender, Mannheim, Friedrichsring 36. Jacob Daube, Freiburg i. Br. Samuel Jeselsohn, Neckarbischofsheim. Dr. med. Marcus Latte, Arzt in Mannheim. Jacob Machol, Synagogen rat, Ettlingen. Sigmund' Rosenbaum, Bankdirektor, Mannheim. Dr. phil. Jonas Simon, Heidelberg. Dr. med. Würzburger, Arzt in Bad Rappenau. € ooooooooooooooo /?= Vir NOTIZEN O O O O O OOOOOOOOOOOOOOO G 2 Was man der jüdischen Jugend zur Lektüre empfiehlt Man schreibt uns: Unter Mitwirkung der Jugendschriften- Kommission in der Großloge für Deutschland VIII. U. 0. B. B. erschien vor kurzem ein Buch, betitelt: „Major Burg, Lebensbild eines Offiziers. F:ür jung und alt bearbeitet von Oberlehrer Dr. Eugen Wölbe." Um es vorwegzunehmen, — das Merkwürdige an dem Buche ist lediglich, daß es die Großloge empfiehlt. Sonst verdient es in seiner literarischen Wertlosigkeit und Abgeschmacktheit keinerlei Beachtung. Inhalt — wenn von einem solchen überhaupt die Rede sein kann: Burg, Lehrer der Mathematik, tritt bei einem ausbrechenden Kriege als Freiwilliger ein. Man bewundere den Stil: „Es war herzergreifend, mit welchem Mute und welcher Zuversicht sich die jungen Vaterlandsverteidiger den Armen ihrer weinenden Angehörigen entrissen und die offenen Wagen bestiegen." Nach mancherlei Zurücksetzung erfährt Burg, daß er als Jude nicht in die Garde aufgenommen wird. Ein Leutnant gibt ihm den Rat, bei der Artillerie einzutreten. „Das war ein Fingerzeig Gottes" (!) In breiter, reizloser Form werden nun die dort erlebten. „Abenteuer" erzählt, die alle damit zusammenhängen, daß Burg Jude ist. Man höre: „Mit gesteigerter Neugier drang die Wirtin nun in ihn, die so lange versprochene Mitteilung zu machen: „Nein, erst nehmen wir Abschied, dann sollen Sie das große Geheimnis hören." -- Nachdem er für alles Gute gedankt, schloß er mit den Worten: „Und nun erfahren Sie denn: Ich bin ein Jude!" — „Sie war in der Tat sehr überrascht und wollte die Neuigkeit zuerst gar nicht glauben." Zu des Autors hoher Genugtuung erfahren wir: „Es war dennoch sein jüdischer Glaube weder ein Hindernis zu seiner Anstellung als 'deutlicher Lehrer, noch zur Ablegung des Offiziersexamens, -obwohl seine Vorgesetzten, seine Schüler und seine Examinatoren genau wußten, zu welcher Religion Burg sich bekannte." Einer quartiergebenden Pastorin ist es unverständlich, wie man ein Jude sein und doch ein so gottergebenes „liebevolles" königstreues Herze in der Brust hegen könne. Oder eine interessante Episode: Leutnant Burg im Paradeanzug promenierend, ein alter polnischer Jude sich tief vor ihm verneigend. Der Leutnant, die Schultern des Alten berührend: „Vor mir brauchen Siesich nicht zu demütigen. Ich bin auch ein Sohn Israels. Wir sind also Brüder, und einer ist nicht mehr als der andere." Der Alte, leuchtenden Blickes, staunend die Hänc'e über dem Kopf zusammenschlagend, mit überlauter Stimme: „Schema Jisroel, adonoi elohenu adonoi echod! Gott! Gott! Was habe ich gehört! Was habe ich gesehn!" Und Leutnant Burg entzieht sich rasch seinem Handkuß. . .. Das ist doch recht erbaulich für unsere heutige Jugend, nicht wahr? Ein jüdischer Leutnant — ein Wunder Gottes, also die höchste Lobpreisung, „Schema Jisroel!" Nach einiger Zeit entschläft Major Burgs Mutter selig in Gott, „auf den sie so felsenfest vertraute und der ihren Lebensabend so herrlich verklärt hat." (Man denke doch nur: Ihr Sohn wurde Leutnant!) Wußtest du, armer, gelangweilter Leser, daß Jude sein eine Eigenschaft ist? Wir erfahren dies auf Seite 42; „Obwohl alle Offiziere wußten, daß Leutnant Burg Israelit war, so haben sie ihn wegen dieser Eigenschaft niemals gefingschätzig behandelt, zurückgesetzt oder gar verletzt." Sodann freit unser Held eine „minnigliche Gattin". Des Königs Aufforderung, sich taufen zu lassen, lehnt er entschieden ab. „So verteidigt ein Jude seine Glaubensireue sogar einem Könige gegenüber"!!! Ist das' nicht übermenschlich, überwältigend? Er wird denn auch gebührend belohnt. „Burgs kindliches Gottvertrauen hatte sich somit herrlich bewährt, er war Hauptmann geworden" usw. phne Grazie atl infini-tum. Ober alle Maßen abgeschmackt erscheint mir folgende Reflexion: „Wenn auch Major Burg über das Parkett fürstlicher Gemächer dahinschreiten und im vornehmen Kreise seiner Kameraden sich froher Geselligkeit widmen durfte, so hat er sich doch niemals für zu fein gehalten, sich auch gern in der Gesellschaft seiner Glaubensgenossen zu bewegen. Dazu war er ein viel zu guter Jude." Froh aufatmend, den langweiligen Längen und Breiten, den ereignislosen Weitschweifigkeiten ein Ende gesetzt zu sehen, kommen wir zum Schlüsse: „Zu frühe, ach, zu frühe, in der Nachmittagshelle sollte die Sonne dieses gotterfüllten Lebens sich zur Rüste neigen." Und nun noch die allerhöchste Moral von der Geschichte. „Und daß endlich die herrliche Zeit anbricht, wo Juden und Christen in brüderlichem Verein nur das eine Ziel erstreben, das Wohl und Heil des deutschen Vaterlandes." — Gewiß darf man keinem verübeln, dies als höchstes Ideal aufzustellen, aber unverzeihlich ist und bleibt es. um dieser Tendenz willen unsere Schuljugend bis zum Überdruß zu ennuyieren mit gottseligen, von solcher Tugend und Frömmigkeit triefenden Betrachtungen. Abgesehen davon, daß es der Verfasser gar nicht versteht, das Leben seines Helden den Kindern in einer naiven, anschaulichen Art interessant zu gestalten, dünkt es-mich, daß diese Laufbahn eines zwar sehr pflichtgetreuen, sehr braven und beliebten Offiziers sonst nichts Hervorragendes aufweist, als daß er den (in übertriebener Geschmacklosigkeit aufgebauschten) Mut besaß sein Judentum nicht zu verleugnen. Sonst erfahren wir nicht viel Erwähnenswertes in dem 100 Seiten starken Buche, als daß der Held vor jeder berechtigten Erwartung zu avancieren zitterte, ob man ihm dies auch nicht verweigere, weil er Jude war. Es ist einfach unbegreiflich, daß die Großloge solche Geschmackswidrigkeiten für. unsere Jugend gut genug hält und für die Weiterverbreitung durch Geschenke an Schülerbibliotheken sorgt. Hoffen wir, daß verständnisvolle Lehrer verhindern werden, solche Geschenke ihrer Bestimmung zuzuführen! S. Vom Jüdischen Kolonisationsverein in Wien Soeben erscheint und ist durch das gefertigte Sekretariat gegen Einsendung von 45 h zu beziehen: 1. Dr. Franz Oppenheim er, Berlin, „Genossenschaftliche Kolonisation in Palästina" 2. Prof. Dr. 0. Warburg, Berlin, „Die Zukunft Palästinas und unsere Aufgaben daselbst."" Neu eintretende Mitglieder erhalten beide Broschüren gratis und franko nachgeliefert. Preisermäßigung bei Mindestbezug von 50 Exemplaren. Sekretariat des „Jüdischen Kolonisationsvereines" in Wien II 3, Gredlerstraße 9. Von der jüdischen Journalistik Die soeben erschienene erste Nummer einer neuen gesinnungsgenössischen Halbmonatsschrift in dänischer Sprache, die sich „Jodiske Tidsskrift" nennt, liegt uns vor. Sie wird von unserem bekannten Gesinnungsgenossen Louis Fraenkel in Kopenhagen redigiert. Originell ist der Titelkppf in stilisierten, die Form der hebräischen Quadratschrift täuschend nachahmenden Lettern. Die erste Nummer enthält einen Programmartikel, eine Betrachtung zum Pessachfeste, einen Aufsatz über „Zehn Jähre Zionismus" und den Anfang einer Abhandlung von Dr. A. Nossig über „Moderne jüdische Dichtung". Außerdem eine Nachrichtenrubrik, die in der Folge wohl reichhaltiger ausfallen wird.

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