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Die Welt · 1907-04-12 · 15 (12.4.1907) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 15)
Language
German
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:\o. 15 DIE30EELT 17 diese sind, ja dürfen n u r Rumänen sein. Anderseits aber sind von den 3332 Pächtern, die man gezählt hat, mehr als zwei -Drittel, genau 2417, Rumänen, während nur 429 Juden und 443 Fremde sind. Kann man unter solchen Verhältnissen die Juden für das Elend verantwortlich machen, an dem die Bauern sterben und das zu den heutigen Aufständen geführt hat? Es ist augenscheinlich, daß dies nicht möglich ist. Übrigens müßten ja, wenn die Behauptung der Antisemiten wahr wäre, die Bauern sich nur auf den von Juden gepachteten Gütern empört haben, müßte der Aufstand sich nur auf diese Güter beschränken. Die Wahrheit aber ist, daß der Aufstand rascher, als selbst Kenner der Verhältnisse dachten, seinen antisemitischen Charakter verloren und einen fast rein agrarischen angenommen hat, und daß heute nur noch ganz leise die antisemitische Propaganda in der Tätigkeit der Aufständischen nachklingt. Ja, die Wut der Aufrührer war bedeutender, ihre Greueltaten waren scheußlicher, der Rachedurst, größer in der Walachei und in Bezirken, wo jüdische Pächter kaum als seltene Ausnahmen vorhanden sind. ..... In der Moldau ist kein Pächter und auch kein Gutsbesitzer getötet worden, in der Walachei dagegen viele und zwar in grausamster V/eise. In der Moldau wurde wohl verwüstet, aber Scheunen, in denen für Hunderttausende von Francs Getreide lagerte, wurden nicht dem Feuer preisgegeben. Mit einem Worte: die entfesselte Wut war nicht so groß wie in der Walachei. Man wird ge iß da auch mit einer Verschiedenheit des Temperamentes dar moldauischen und walachischen Bauern rechnen; aber wenn das Umgekehrte eingetroffen wäre, wenn grausamer mit den jüdischen Pächtern verfahren worden wäre als mit den rumänischen, hätte man da sich, noch mit solchen feinen psychologischen Fragen abgegeben? Übrigens kommen auch in friedlichen Zeiten, wenn der Bauer geduldig sein Elend und sein Joch trägt, hier und da Ausbrüche gegen Gutsbesitzer oder Pächter vor. Man wird vergeblich nach solchen auf den von Juden gepachteten Gütern suchen. Die Chronik weiß von solchen mehr aus der Walachei zu erzählen. Vor zwei Jahren wurde der Großgrundbesitzer Fotino in Zimnitzsche (Teleorman, wo jetzt Aufstände stattfinden) mitten in der Stadt von einem Bauern erschossen. Es war nach diesem Morde nur ei ne Stimme zu vernehmen: „Recht ist ihm geschehen", und die Geschworenen sprachen den Mörder frei, da erwiesen wurde, daß der getötete Besitzer die Bauern durch seine unmenschliche Ausbeutung zur Verzweiflung brachte und daß der schuldige Bauer zum Mörder wurde, weil Fotino, nachdem er ihn materiell zugrunde gerichtet, seine Schwester noch vergewaltigen wollte. Im Februar 1902 töteten die Bauern im Dorfe Runkti (Bezirk Argesch) den Gutsbesitzer Arsenescu. Die Blätter erzählten, die Bauern hätten, sich gerächt, weil zu Weihnachten Arsenescu sie durch seine Knechte in die Nähe des Gutes gelockt, dort aufgefangen und unglaublich grausamen Torturen unterworfen habe. Sie seien fürchterlich geschlagen worden, die Haare seien ihnen aus dem Barte und an den Geschlechtsteilen einzeln herausgerissen worden, unter die Arme habe man ihnen gekochte Eier gelegt; der Gutsbesitzer aber habe sich während der ganzen Zeit an den Qualen der armen Bauern geweidet. Und solcher Beispiele könnten noch mehr angeführt werden. Die Antisemiten haben viel Lärm geschlagen, weil, wie sie behaupteten, ein jüdischer Pächter namens Rappaport mehrere minderjährige Mädchen mißbraucht haben soll. Keinem Menschen wird es einfallen, ein so gemeines Verbrechen entschuldigen oier gar beschönigen zu wollen. Nun, Rappaport wurde von einem rumänischen Gerichte freigesprochen. Trotzdem fährt man fort, für sein Verbrechen die ganze jüdische Bevölkerung zu beschuldigen. In einer sozialistischen Broschüre wird aber folgender Fall erzählt, der ein Gegenstück zum Falle Rappaport bildet. Der Pächter des Gutes Parapani (Distrikt Vlaschka, wo jetzt gleichfalls Unruhen stattfinden) ließ jeden Abend die Frauen und Töchter der Bauern unter dem Vorwande, es wäre irgendeine Arbeit zu verrichten, zu sich kommen. Aus Angst vor dem Pächter lassen die Bauern die Weiber zum Gutshofe gehen. Die Alten des Dorfes aber meinen, es sei kein Unterschied zwischen den Gewohnheiten der Pächter von Parapani, Niku und Peter Joanid und jenen der Türken, die einst dieses Land beherrscht haben. Die Frauen und Mädchen werden jetzt wie damals vergewaltigt. Sie werden zu allerlei Exzessen angehalten. Der Dorfschullehrer wollte sich diesem Treiben widersetzen, erhielt aber die Antwort, daß er mißhandelt und vertrieben werde. Niku Joanid fährt in einem mit sechs Pferden bespannten Wagen durchs Dorf,- und während er mit einer Hand die Zügel führt, hält er in der anderen einen Revolver, mit dem er alles niederschießt, was ihm in den Weg läuft: Hunde, Schweine, Geflügel usw. Erst kürzlich berichtete Professor Jorga, der bekannte Antisemit, über einen ähnlichen Fall. Diese Beispiele, die vermehrt werden könnten, sollen nicht etwa besagen, daß alle rumänischen Gutsbesitzer oder Pächter gleich schlecht und verbrecherisch seien. Es gibt unter ihnen gewiß viele, sehr viele brave, sehr brave Leute, die für die Bauern ein Herz haben und sich Mühe geben, ihnen entgegenzukommen. Die erwähnten Fälle müssen sicher als Ausnahmen betrachtet werden. Ich habe diese Beispiele jedoch angeführt, um zu zeigen, daß es ungerecht ist, die jüdischen Gutsbesitzer, die schon aus einem natürlichen Vorsichtsgefühle, weil sie keine Bürger sind und immer angegriffen werden, sich vor Oberschreitungen hüten müssen, für das ganze Bauernelend ausschließlich verantwortlich zu nuchen. Auch sollen durch diese Vergleiche nicht etwa die jüdischen Pächter als reine Engel herausgestrichen werden. Sie sind im Durchschnitte gewiß nicht besser' als im Durchschnitte ihre rumänischen Berufsgenossen. Ich stimme mit Herrn Carp überein, der meinte: „Geben wir zu, daß die rumänischen Pächter nicht besser sind als die jüdischen." Man braucht eben nicht ganz dem Marxismus ergeben zu sein, um in diesem Falle zu sagen: nicht in der Rasse, sondern in der Klasse liegt das ganze Obel. Nun wird ein besonderer Vorwurf den sogenannten Pächtertrusts gemacht. Es sind einige jüdische Familien, die große Güterkomplexe gepachtet haben, und zwar zu sehr hohen Preisen. Es sind dies im ganzen drei, von denen nur zwei, die Fischers und die Justers,"ungefähr 189,000 ha in ihren Händen haben. Kein Geringerer als Herr Carp, ein Kenner der Verhältnisse und Großgrundbesitzer, der sein Gut selbst bestellt, hat sich in der Kammer verpflichtet, zu beweisen, daß die Trusts der Landwirtschaft und besonders den Bauern nicht nur nicht geschadet, sondern sogar genützt haben. Als Demokrat kann ich nun für diese Großpächter keine besonderen Sympathien hegen, für sie aber die ganze jüdische Bevölkerung verantwortlich machen und dem ärmeren Teil derselben in Dörfern und Gemeinden die winzige Habe zu vernichten, — dazu gehört doch eine gute Portion Gefühllosigkeit. Es ist jedoch charakteristisch, daß selbst jene, die gegen die Trusts wüteten, sich nicht entschließen konnten, ein Gesetz gegen sie zu erlassen, was ihnen kein vernünftiger Mensch verübelt hätte. Noch charakteristischer ist, daß kein Grundbesitzer sich durch alle Anklagen, welche gegen die Trusts erhoben wurden, abhalten, ließ, den Fischers resp. Justers ihre Güter zu verpachten. Auch ist es müßig zu fragen — soll aber nicht unerwähnt bleiben —, warum man die Vereinigung ungeheurer Güterkomplexe im Besitze einzelner duldet, — da sie doch gefährlicher sind als die in Pacht genommenen Güterkomplexe. Alle diese bisher angeführten Argumente zeigen, daß die jüdischen Pächter nicht mehr als die rumänischen Gutsbesitzer und Pächter für eins Bauernelend und die Bauernunruhen verantwortlich gemacht werden können. Um so weniger können dafür die anderen in den Dörfern und Marktflecken wohnenden Juden verantwortlich gemacht werden. Es wird ihnen in erster Reihe vorgeworfen, sie vergifteten die Bauern mit Alkohol. Mehr als 30 Jahre sind es her, seit es den Juden verboten ist, aur' dem Lande Alkohol auszuschenken. Es sind wohl heute noch hier und da jüdische Wirtshäuser, deren Besitzer sich der Bürgerrechte erfreuen, weil sie oder deren Väter an dem Kriege teilgenommen haben. Auch soll zugegeben werden, daß manche mit Hilfe einer bestechlichen Verwaltung oder gar mit Hilfe des rumänischen Gutsbesitzers, entgegen dem Wortlaute des Gesetzes, hier und da eine Schenke halten. Bei dem Antisemitismus, der überall wütet, ist deren Existenz eine elende, ewig bedrohte und jedenfalls deren Anzahl eine äußerst geringe. Hat aber dieses Ausnahmegesetz etwa gewirkt? Keine Spur. Die Zahl der Wirtshäuser auf dem Lande hat sich immer vermehrt und vermehrt sich noch alljährlich. 1886 waren in Rumänien 23,533 Schenken. 1892 bereits 26,313, und heute dürften, gering geschätzt, 30,000 vorhanden sein, also auf 200 Einwohner ein Wirtshaus. Und deren Inhaber sind gewiß zu 90 pCt. Rumänen, was gar keinen Vorteil und nur einen großen Nachteil hat, nämlich den, daß der Wirt im Dorfe auch zu einer gefürchteten politischen Persönlichkeit geworden ist. Er bestimmt oft die Wahl des Gemeindevorstandes und läßt sich auch öfter selbst wählen. Er vermehrt die Zahl der Unterdrücker der Bauern. Dann soll der Jude die Bauern auswuchern, Möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß unter den wenigen Dorfjuden da und dort auch ein Wucherer wohnt. Ich halte mich aber gerne an Tatsachen, und die Enqueten über die Wucherfrage, die verschiedene rumänische Politiker, keinesfalls Philosemiten, die hier selten

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