Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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16 DIE.3BKE LT No. 15 die jüdische Autonomie ein, bezeichneten sie als die Panacee, die allein alle Schäden hier heilen könne! Haben Sie damals nicht gewußt, daß jüdische Autonomie und jüdische Abgeordnete korrelate Begriffe sind? Haben Sie nicht, Herr Dr. Kahn, mit Bewußtsein in dieser von prononzierten Zionisten veranstalteten öffentlichen Volksversammlung im Dezember 1905 gesprochen? Ich frage Sie, haben Sie daran vergessen oder glauben Sie, daß wir ein so kurzes Gedächtnis haben? Es tauchten Stimmen auf, die von einer offiziellen Stellungnahme des Zionismus zur inneren Politik nichts hören wollten. Es drohte die Gefahr innerer Spaltung. Dem mußte vorgebeugt werden. So wurde denn auf dem Krakauer Tage festgelegt und beschlossen: der Zionismus ist keine österreichisch-politische Partei. Es konstituierte sich die jüdisch-nationale Partei. Jeder, der nur die primitivsten Kenntnisse vom Zionismus besitzt, weiß, daß das Prinzip der jüdischen Nationalität eine unerläßliche Vorbedingung des Zionismus ist. Es muß also unbedingt jeder Zionist jüdisch-national sein; es gibt Jüdisch-Nationale, die keine Zionisten sind, — unlogischerweise, wie ich glaube, in Parenthese gesagt, — doch das gehört nicht hierher. — So ist es denn vor allem prinzipiell falsch, wenn Sie von einem Eingreifen 'der Zionisten in die innere Politik als Zionisten sprechen, und ich kann Ihnen den Vorwurf nicht ersparen, daß Ihnen diese Unrichtigkeit bekannt ist, da Sie persönlich an der Krakauer Tagung teilnahmen. Damit soll absolut nicht geleugnet werden, daß es zum aller- . größten Teil fast ausschließlich Zionisten sind, die sich für die Anteilnahme an der innerösterreichischen Politik so intensiv einsetzen. Und das ist auch vollständig logisch, denn das jüdischnationale Empfinden ist fast nur hier zu finden. Nach Ihrer Darstellung aber würde hier ein Konflikt zwischen jüdisch-national und zionistisch entstehen. Es ist doch kein Zweifel, daß, wer nur ersteres ist, die PfJicht der politischen Betätigung in diesem Sinne hat. Der Zionist dürfte es nach Ihrer Darstellung nicht, -- das ist ein unlösbares Dilemma und, Hand aufs Herz, Herr Dr. Kahn, glauben Sie wirklich,-..daß der Zionismus so fadenscheinig ist, daß er an solch schreienden, inneren Widersprüchen leiden kann, glauben Sie wirklich, daß er bis zu dem Grade, ja überhaupt innerlich unwahr sei? Das will ich von dem Manne, den Herzl seines Verkehres würdigte, nicht glauben. Der Denkfehler liegt auf Ihrer Seite. Auch wir, die wir für die politische Betätigung eintreten, glauben nicht, daß dies die Völkserlösung, wie Sie es nennen, bedeute. Auch wir arbeiten für die Konzentration unserer Nation. Was wir aber glauben und nicht nur glauben, sondern wissen, ist, daß wir Staatsbürger sind, daß wir staatsbürgerliche, durch die Staatsgrundgesetze gewährleistete Rechte haben. In Ausübung dieser Rechte werden wir zur Wahlurne gehen. Und nun, Herr Doktor, frage ich Sie: wenn in einem Wahlkreise die Juden die Majorität haben, — es sind ja deren nicht allzu viele, — wenn der Jude sein Votum abgibt, soll dann der Zionist etwa das Theorem verfechten, daß jeder andere besser geeignet sei, die Rechte des jüdischen Volkes hier zu vertreten als ein Jüdisch- Nationaier, ein Zionist? Sollen wir zu dem Grade der Selbsterniedrigung herabsinken, dort, wo schon das Einmaleins uns dazu das Recht gibt, zu sagen: was wir hier brauchen, was wir als primitivstes Recht fordern müssen, kann jeder andere besser vertreten? Nein, ich muß es bedauern, daß Sie. der Sie in einer führenden Stellung sind, Gegensätze heraufbeschwören. Sie sprechen von alteu Zionisten, Ihr Gegensatz wären die Jungen, ich habe bisher nur Zionisten gekannt und höchstens noch den Unterschied gemacht zwischen solchen, die den selbstgegebenen Gesetzen treu folgen und selbstlos für die heilige Sache eintreten» und solchen, die es nicht tun. Doch wenn der Unterschied zwischen Alten und Jungen die Selbstentmannung sein soll, ja, Herr Doktor, dann haben Sie recht, dann schwöre ich begeistert zur Fahne der Jungen. Aber Sie scheinen auch die schlimmen Konsequenzen Ihrer Anschauung zu übersehen. Wir wollen jüdische Politik machen, weil wir die gegenwärtige Lage der Juden bessern wollen. Oder glauben Sie, daß morgen nach Palästina gehen kann, wer heute bereits verhungert ist? Ihre Anschauung führt zur Katastrophentheorie, und die haben die Ereignisse ad absurdum geführt". Fürchten Sie nicht, daß, wenn es uns Juden hier gut geht oder besser geht, wir aufhören, Zionisten zu sein. Im Gegenteil, zum Zionismus kann nur der aufrechte, nie der gebrochene Jude kommen. Der muß schnorren gehen. Die perzentuell meisten Zionisten hat das den Juden die größte Freiheit bietende Südafrika. Ich muß es ablehnen, auf den Ausfall der Dumawahlen, die Sie herbeiziehen, als Argument einzugehen. Auf das Nationalunglück der Pogroms folgte das zweite des Ausfalls der Dumawahlen. Glauben Sie nicht, Herr Dr. Kahn, daß sich hier dem, der nicht an der Oberfläche bleibt, ein Zusammenhang zeigt? Ich muß es bedauern, Herr Dr. Kahn, bei Ihnen eine Ausführung zu finden, die bisher noch kein Gegner des Zionismus, ob Jude oder Arier, auch nur auszusprechen gewagt hat. Das war Ihnen vorbehalten, der Sie ein Freund Herzls waren, — um welchen Ruhmestitel wir „Jungen" — ich gestehe es offen — Sie aus ganzem Herzen beneiden. Sie wagen es, daran zu denken, jemand könnte unser Streben nach Zion als „Maske" auffassen? Man hat uns Träumer, Utopisten, Vergifter der Jugend, Irrsinnige, ja Verbrecher genannt, — daran aber hat niemand gedacht. Ich als Zionist. möchte hier den schärfsten Antisemiten, den konsequentesten Bekämpf er des Judentums gegen Sie, Herr Doktor, in Schutz nehmen. Bis zu solch einem bodenlosen Abgrund von Niedertracht ist noch kein Antisemit herabgesunken, unser Streben nach Zion für eine Komödie anzusehen. Es ist immer unvorsichtig, die Rolle des Propheten zu spielen, besonders bei uns Juden, die wir ein gutes Gedächtnis haben. Deswegen will ich nicht gegenprophezeien, trotzdem ich mich auf gute Vorgänger berufen könnte. — Sie sind wohl erfahren in unseren heiligen Schriften, und es wird Ihnen gewiß Chananja u^d Jeremias einfallen, — aber wenn ich auch nicht sage, daß Sie bald durch die Ereignisse eines Besseren belehrt werden, so muß ich — wenn auch nur als einfacher Soldat in den Reihen stehend —- dagegen meine Stimme erheben, als ob durch die Beschäftigung mit innerer Politik die zionistische Arbeit und Propaganda gelitten hätte. — Das gerade Gegenteil ist der Fall. Warf man uns früher vor, daß wir in Wölkenkuckucksheim wohnen und nach Palästina fliegen wollen, so zeigen wir jetzt urbi et orbi, daß wir wohl wissen, daß wir in Österreich wohnen, - und daß wir nach Zion gehen wollen, habe ich bereits oben ausgeführt. Zum Schluß noch einige Worte gegen den schwersten Vorwurf. Sie als Mitglied des Aktionskomitees erklären öffentlich, Sie hielten unsere innerpolitische Tätigkeit für antizionistisch im Prinzip. Es ist mir nicht ganz leicht, diesen Vorwurf ruhig zu beantworten, und darum will ich mich kurz fassen. Herr Dr. Kahn, der Zionismus hat auch ein Gegenwartsprogramm, das bereits auf dem ersten Kongreß beschlossen wurde und das sich in jeder Definition des Baseler Programms findet, und dieses verlangt die Förderung all dessen, was zur sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Förderung des jüdischen Volkes in seinen gegenwärtigen Wohnsitzen beiträgt. — Und dies, ganz genau dies und gar nichts anderes, keine Mandatshascherei, ist das Wesen und der Inhalt der innerpolitischen Betätigung der jüdisch-nationalen Partei in Österreich. Herr Dr. Kahn! Die Zionisten Österreichs erfüllen ihre, auch Ihre zionistische Pflicht in Österreich." Zur Judenfrage in Rumänien Die „Frankfurter Zeitung" brachte kürzlich unter dem Titel: „Die Bauern- und Judenfrage in Rumänien" eine sehr instruktive Artikelserie, deren dritter Abschnitt speziell der Judenfrage gewidmet war und der wir folgendes entnehmen: „Über die elende Lage der Bauern gibt es nur eine Stimme. Wenn es aber darauf ankommt, die Ursache oder die Ursachen dieses Elendes anzugeben, machen es sich die meisten rumänischen Politiker leicht, indem sie auf die Juden hinweisen. Gar oft irren sie im guten Glauben. Der instinktive Haß gegen die Juden ist ja auch anderwärts noch nicht von einer aufgeklärten Kultur gemildert oder gar ausgerottet worden. Es gab aber Leute, die sicherlich in den Juden den Abieiter für den Ausbruch der Leidenschaften sehen zu können glaubten. Auch muß zugegeben werden, daß seit Jahrzehnten trotz aller Ableugnung eine immer ausgesprochenere judenfeindliche Tendenz im ganzen Wirken der Regierungen zu beobachten war. Die Schule wurde, statt eine Pflegestätte der Liebe zu sein, eine solche des Hasses, und die Früchte dieser falschen Erziehung haben sich bereits gezeigt. Aus den Städteirund von den Schülern und Studenten unter"Leitung von Lehrern und Professoren ist die antisemitische Bewegung ausgegangen, die jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, den antisemitischen Charakter fast ganz verloren hat und in eine Jacquerie, wie sie kaum scheußlicher - gedacht werden kann und die das ganze Land verheert, ausgeartet ist. Abgesehen davon, was ich bewiesen zu haben glaube, nämlich dal> im Eilend der Bauern die Hauptlirsache des Aufstande? zu suchen sei, kann man, sofern der persönliche Einfluß der Gutsbesitzer und Pächter nicht zu bestreiten ist, keinesfalls die Schuld ausschließlich auf die Pächter jüdischer Abstammung oder gar auf die gesamte jüdische Bevölkerung wälzen. Denn von dem rumänischen Großgrundbesitz sind nur 58 ' o verpachtet, während 42% von den Besitzern bewirtschaftet werden, und