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Die Welt · 1907-04-12 · 15 (12.4.1907) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 15 DIE1 (Wien) veranlaßt, in einem in der Bloch'schen „Österreichischen Wochenschrift** publizierten Briefe seine Stellung dazu zu präzisieren. In diesem Briefe heißt es: „. . . Wir, die alten Zionisten, haben an der gegenwärtigen Bewegung, am Eingreifen in die innere Politik als Zionisten, welche sich im letzten Ziele an der Ergatterung einiger Mandate in den Reichsrat akzentuiert, gar keinen Teil. Ich für mich halte dieselbe als antizionistisch im Prinzipe und schädlich in der Taktik. Im Prinzipe aus dem Grunde, weil der Zionismus als Ausdruck der aus den bisherigen Erfahrungen und der langen Leidensgeschichte unseres Volkes geschöpften und geklärten Idee das Axiom aufstellte, daß es in den Galuthländern keine V o 1 k s erlösung gibt, und notwendig als Aufgabe die Konzentrierung der jüdischen Kräfte und deren unentwegtes Hinarbeiten auf die Entziehung aus dem Galuth und Begründung einer autonomen Gemeinschaft mit einer jüdischen Majorität in unserem historischen Territorium aufgestellt hat. Wer also sich selbst einredet oder anderen einreden möchte, daß es den Juden möglich ist, in der Diaspora ein gleiches, mit autonomen Rechten ausgestattetes Volk zu werden wie die anderen Völker der Umgebung, deren Macht und Recht übrigens naturgemäß in deren Territorialität wurzelt, woran es den Juden überall fehlt, — der verfällt in den Fehler der Assimilation, die auch immer und immer wieder hoffte, daß es in der Diaspora eine volle Gleichstellung der Juden mit den anderen geben kann, und nicht wahrnahm, daß dies mit dem Aufgeben des Judentums, mit der nationalen Apostasie eng verknüpft sein muß und nur bei einzelnen Juden zutreffen kann, welche sich aber mit der Entnationalisierung abgefunden haben. Ich kann es begreifen, wenn es Anhänger der Dubnovschen Theorie gibt, die sich zwar als Nationaljuden bekennen, aber den antizionistischen Standpunkt einnehmen, daß die Judenfrage in den Galuthländern einzeln und als Nation gelöst werden könne und müsse. Diese appellieren an taube Ohren im Namen der Geschichte, der Philosophie und der ewig werdenden, doch für die Juden niemals ausreifenden Gerechtigkeit. Aus Achtung vor jeder ehrlichen Überzeugung könnte ich diesen Nationaljuden keinen Vorwurf aus ihrem folgerichtigen Benehmen machen, wenn sie sich in den einzelnen Ländern der Diaspora organisieren und nebst allgemeinen menschlichen auch volkliche Rechte zu erringen suchen. In Rußland, wo unser Volksstamm am meisten ausgebreitet und der größten Rechtlosigkeit preisgegeben ist, wo aber die Erfahrungen mit der Emanzipation in den Westländern fehlen, ist sich nicht zu verwundern, daß derlei Theorien und Doktrinen nicht nur bei den Juden, sondern auch bei der gerechten, nach Freiheit durstenden Auslese der anderen Nationen aufkommen, ja quasi in der Atmosphäre der frischen Freiheitsströmung liegen. Bedauerlich ist nur, daß sich auch dort ein Teil der Zionisten als solche, um den Vorwürfen der Bundisten zu begegnen, um nicht als im Lande untätig und reaktionär zu erscheinen, von der allgemeinen normalen "und zugleich abnormalen Strömung zu einer innerpolitischen Tätigkeit verleiten ließen, die ganz außerhalb der Sphäre und jenseits der Tendenzen des Zionismus gelegen erscheinen muß. Aber auch dort ist schon ein besonders hervortretendes Abflauen in der Betätigung dieser in Rußland gewiß nicht ungefährlichen Diversionen wahrnehmbar, und anstelle von zwölf jüdischen Abgeordneten, darunter fünf Zionisten, in der ersten Duma finden sich in der zweiten nur noch drei, darunter ein Zionist. Geradezu rührend war es, wahrzunehmen, wie unsere Zionisten in Helsingfors, vom Gefühle des Dilemmas übermannt, in welchem sie sich befanden, indem sie einerseits hinter sich die antreibende Peitsche der Revolutionäre und in sich den Widerspruch mit ihrem zionistischen Lebensprinzipe fühlten, diese Kluft damit zu überbrücken suchten, daß sie das System der sogenannten „Platform" erfanden. Man wäre geneigt, sich an den Goetheschen Ausspruch zu erinnern und denselben zu variieren: „Wo Begriffe sich widerstreiten, stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein." Bei uns in Österreich lag hierzu gar keine Nötigung vor, wenn es auch da Dubnowisten geben kann. Die Verquickung innerpolitischer Tätigkeit mit dem Zionismus ist aber auch taktisch verfehlt und kann für denselben von heillosen Folgen werden. Nicht nur bei den Christen, sondern auch bei den Juden werden hiedurch falsche Auffassungen über den Zionismus erweckt, und die Übelwollenden würden dann mit einem Scheine von Recht behaupten können, daß das Streben nach Zion nur Maske sei, um die Juden in den einzelnen Ländern zu dem Zwecke zu organisieren, in diesen Ländern IE LT -= 15 selbst einen Teil der Macht an sich zu ziehen. — Gönnt man dies kaum den einzelnen geistig überragenden Jaden, so wird man das den Juden als Nation gewiß nicht gewähren. Alle christlichen Mächte und Völker würden sich viel leichter dazu verstehen, uns das ihnen nicht gehörige Palästina zu überlassen oder doch dem Streben der Territorialisten sich sympathisch zu erweisen, als daß sie es zugeben, daß die Juden als Nation sich an der staatlichen Macht der Regierung und Verwaltung beteiligen. Wer sich darüber täuscht, bekundet einen Mangel au Auffassung der realen Verhältnisse und an politischem Feingefühl. Ich möchte gerne ein falscher Prophet sein, wenn ich der Befürchtung Ausdruck gebe, daß die an politischer Vorsicht und Voraussicht viel zu wünschen übrig lassenden Berührungen mit dem Polenklub zu einer Vermehrung des Hasses und Vervielfältigung der Unterdrückung der armen, ja der ärmsten Juden in Galizien führen könnten, daß das Einmischen in den Streit zwischen Polen und Ruthenen das Schicksal jenes Intervenieren heraufbeschwören könnte, demgegenüber sich die zwei Kämpfer vereinigen, um über ihn herzufallen. Es hätte nicht vergessen werden dürfen, daß sich der Polenklub, Motiv und Absicht mögen welche immer gewesen sein, doch in einzelnen Fällen der Juden angenommen hat. Ich würde mich sehr freuen, wenn diese Exkursion unserer Gesinnungsgenossen auf das inländische politische Gebiet, dem ich doch "nur die Lebensdauer der Eintagsfliege prognostiziere, ohne weitere schwere Folgen für den Zionismus verlaufen würde. Schon hat derselbe durch die intensive Beschäftigung mit innerer Politik, Erregung der Gemüter und Ablenkung derselben von der zionistischen Arbeit und Propaganda stark gelitten und dürften trotz des erwarteten Zuflusses von Leuten, die glauben, daß durch diese Tätigkeit der Zionisten etwas für den eigenen Vorteil zu erreichen ist, die Schekeleingänge auch bei uns in Oesterreich ein starkes Minus aufweisen. . (Zum Schlüsse empfiehlt Herr Dr. Kahn aufs lebhafteste die Kandidatur Dr. Blochs.) Auf diese Ausführungen antwortet Herr Privatdozent Dr. Mahler (Prag) in einem offenen Briefe an Dr. Kahn, der in der neugegründeten unabhängigen jüdischen Wochenschrift „Selb st wehr" veröffentlicht ist, folgendermaßen: „Bekanntlich ist die Kunst der Sprache und die Sprachkünstelei nirgendwo bis zu solch schwindelnder Höhe entwickelt worden wie im alten Indien. Besonders die beiden großen Nationalepen — Mahabharata und Ramajana — waren das stete Objekt immer wiederkehrender Versuche tüftelnder Grammatiker. Der Gipfelpunkt aber ward erreicht, als es einem dieser Grübler gelungen war, ausschließlich aus mehrdeutigen Worten ein neues Epos zu konstruieren, dessen Worte in dem einen Sinne genommen das eine Gedicht, im anderen das andere darstellten. Wie schade um die Mühe und den Fleiß, etwas, was klassisch klar gesagt war, künstlich umzudeutein, ihm einen zweiten Sinn aufzuzwingen. -— Es ist dies aber auch meines Erachtens ein klassisches Zeugnis dafür, daß man in die Dinge stets das hineinlegen kann, was man eben will. Die Kandidatur des Dr. Schalit in Wien dient Ihnen, Herr Dr. Kahn, zum Anlaß, den klaren Sinn der Tatsachen umzudeuten, den Zionismus vor den Zionisten retten zu wollen und sowohl dessen Gegnern die schärfsten Waffen in die Hand zu geben als auch durch Verschleierung der Tatsachen bei jenen, die mit den inneren Vorgängen nicht vertraut sind, in vielleicht irreparabler Weise zu schaden. Indem ich es mir prinzipiell versage, auf eine Kritik des Vorgehens mich einzulassen, fühle ich mich anderseits verpflichtet, eine Kritik der Argumente zu üben. Ich muß — da ein unabhängiges jüdisches Blatt mir seine Spalten zur Verfügung stellt, das seinen Leserkreis auch in nichtzionistischen Kreisen hat - - zuerst die Ereignisse in ihrem Gange klarlegen, um dem Nichtzionisten verständlich zu sein, vielleicht, Herr Doktor, um auch Ihnen Tatsachen in Erinnerung zu rufen, die Sie völlig vergessen zu haben scheinen,. — Als im November 1905 zum erstenmal die Frage des allgemeinen Wahlrechtes auftauchte, als ein Völkerfrühling heraufzusteigen schien, da faßte ein förmlicher Taumel die Massen und Völker, die unter dem alten Privilegienparlament entrechtet gewesen. „Völkerautonomie" so lautete die Parole. Und auch wir Juden wurden erfaßt — im Osten und Westen, — wir alle, die wir auf unser Volkstum stolz waren, die wir nun hoffen durften, als Juden offiziell anerkannt und nicht bloß inoffiziell geschmäht zu werden. Und auch wir in Prag suchten uns einen Rufer im Streite, und wir fanden ihn in — Dr. Leopold Kahn. Mit jugendlicher Begeisterung traten Sie damals als Nationaliude, Ihren Zionismus ausschaltend, für

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