Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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14 DIE2KE£LT Xo. 15 REVUE DER PRESSE LJ^ Unter dieser Spitzmarke mit dein „Zum Streit um den Orient« übertitel: >?Die Deutsche Orientbank" veröffentlicht der „Tag" nachstehenden Artikel aus der Feder Dr. F. Möllers: „Der „Standard" veröffentlicht einen Aufsatz über das wirtschaftliche Eindringen Deutschlands in Persien und weist darauf hin, daß Deutschland in Persien Englands wirtschaftliche Stellung zu untergraben trachte. Ferner veröffentlicht der Londoner „Economist" eine Zuschrift aus Konstantinopel, die von der gefährlichen Konkurrenz Deutschlands im Orient spricht. England wähnt sich also in seiner wirtschaftlichen Suprematie im Orient durch Deutschland bedroht. Es fragt sich: Wird England tatsächlich von Deutschland im Orient, dt" h. speziell in der Türkei, in Kleinasien, in Ägypten und Persien angegriffen? Und es fragt sich ferner: Haben die Klagen des „Standard" und des „Economist" in der Fassung, wie sie vorliegen, ihre Berechtigung? England besitzt heute im Orient eine Art wirtschaftlicher Monopolstellung. Der Stützpunkt Englands ist dabei Ägypten. Seit Lord Cromer hier die führende Stellung innehat hat das englische Kapital sich in ganz bedeutendem Maßstabe nach Ägypten gewandt. Der größte Teil des Bankgeschäfts, der Baumwollindustrie, des Terraingeschäfts und des Hotelbetriebs befindet sich in englischen Händen. .Bis tief in den Sudan erstrecken sich die Filialen und Agenturen der ägyptisch-englischen Banken. Von Ägypten aus ist England nach der Türkei gegangen, allerdings erst verhältnismäßig spät. Es übernahm die Smyrna-Aidin-Bahn. Es brachte die Kaigesellschaft von Konstantinopel, die Societe Anonyme Ottomane des Quais, Docks et Entrepöts de Constantinople aus französischem neuerdings in englischen Besitz. Die englische Kratowa. Propriefary Mines Company Ltd. beutet die in der Provinz Üskub bei Kratowa gelegenen Blei- und Silberminen aus. Engländer suchen auch die Kohlenbergwerke von Kescha im Vilajet Adrianopel zu kaufen.. In Kleinasien projektieren Engländer, in dem Golfe von Adalia neben der gleichnamigen Stadt einen bedeutenden Hafen anzulegen und Adalia mit Diner, dem Kopfende der bereits englischen Eisenbahn Smyrna—Aidin -Diner, zu verbinden, um auf diesem Wege das ganze Gebiet zwischen Smyrna und Adalia in die Sphäre englischer Handelsinteressen einzuziehen. Und noch weiter geht England: Es verlautet gerüchtweise, daß von englischer Seite Aktien der deutschen Anatolischen Eisenbahn gekauft werden. Persien endlich ist in seinem südlichen Teil der englischen Wirtschaftssphäre vollkommen unterworfen. Die englische Imperial Bank of Persia besitzt als einzige Bank das Recht der Notenausgabe und hat sich die persische Regierung durch Gewährung von Darlehen und Übernahme von Anleihen verpflichtet. Der gesamte Handel im südlichen Persien befindet sich in englischen Händen. Dem Vordringen Englands ins nördliche Persien stand nur Rußland entgegen. Der Norden ist vollkommen von Rußland abhängig, da hier die russische Banque d'Escompte den Handel durch ihr System der Vorschußgewährung und der langen Kredite beherrscht. Es mußte hier zu einer Auseinandersetzung zwischen Rußland und England kommen. Wie jetzt jedoch verlautet, haben beide Mächte bezüglich ihrer Stellung in Persien eine Entente abgeschlossen. Gegen diese Stellung Englands soll jetzt angeblich Deutschland aggressiv vorgehen. Die ersten großen deutschen Lnternehmungen im Orient waren die Anatolische Bahn und die Bagdad-Bahn. Den Weiterbau der Bagdad-Bahn verhindern heute noch die Engländer und Franzosen. Dazu kommen jetzt an deutschen Unternehmungen: die Kontrolle über die Mersina- Adana-Eisenbahn, der Besitz des Hafens von Haidar-Pascha, deutsch^ Baumwollanpflanzungen in der Ebene von Adana, die Vergebung des Baues der Brücke über das Goldene Horn an die deutschen Vereinigten Augsburg-Nürnberger Maschinenfabriken, die Legung des Kabels Konstantia—Konstantinopel usw. England hat dieses Vordringen mit angesehen, ohne offiziell Schwierigkeiten zu machen. Jetzt jedoch tritt es offen gegen Deutschland auf, weil im Orient eine deutsche Bank, die Deutsche Orientbank, ins Leben gerufen ist. Die Deutsche Orientbank hat Niederlassungen in Konstantinopel, Brussa, Alexandrien, Kairo. Sie hat sich in Ägypten durch die Gründung der Deutschen Baumwollpresse an der Baumwollindustrie beteiligt. Die Mittelmeer-Bergwerks-Studiengesellschaft steht ihr nahe. Und von dieser Bank befürchtet England nun, wie der „Standard" sagt, eine Untergrabung seiner wirtschaftlichen Suprematie. Die Deutsche Orientbank soll dem genannten Blatt zufolge entweder selber Filialen in Teheran und Taebris errichten oder sich an der neugegründeten Nationalbank für Persien beteiligen, der deutschen Flagge im Persischen Golf alleinige Geltung verschaffen und ein umfangreiches Eisenbahnnetz in Persien einrichten. Alle diese Behauptungen sind jedoch Übertreibungen. An Tatsächlichem liegt dem nur zugrunde, daß die Hamburg-Amerika-Linie — die im Aufsichtsrat der Deutschen Orientbank vertreten ist — einen Schiffahrtsdienst nach dem Persischen Golf eingerichtet hat. Von einer Gründung von Filialen in Persien seitens der Deutschen Orientbank verlautet noch nichts, und es muß dahingestellt bleiben, ob solche Filialen sich heute schon in Persien rentieren würden. Eine Beteiligung an der persischen Nationalbank kommt infolge der inneren persischen Lage nicht in Frage. Es bleibt also als Kern der englischmi Darstellung nur die Tatsache des Vorhandenseins der Deutschen Orientbank. Liegt aber in der Gründung einer deutschen Bank im Orient ein animoses Vorgehen Deutschlands gegen England? Deutschland denkt gar nicht daran, mit Hilfe einer Bank den britischen Interessen im Orient entgegenzuarbeiten. Aber der deutsche Warenverkehr nach den Ländern des Orients erfordert das Vorhandensein einer deutschen Bank in diesen Ländern. Frankreich, Italien und Österreich besitzen hier bereits ihre Bankniederlassungen — Credit Lyonnais, Cassa di Sconto, die Risparmio Banque de Salonique usw. Nur Deutschland fehlte hier bis jetzt. Auf Grundlage des Warenverkehrs von Deutschland nach den Ländern des Orients ist nun die Deutsche Orientbank gegründet worden. Damit ist die Möglichkeit geschaffen, das Inkassogeschäft für die Lieferung deutscher Waren nicht mehr durch englische Banken besorgen zu lassen. Daß die Deutsche Orientbank dabei auch den Warenverkehr aus den Orientländern nach Deutschland zu heben versucht, folgt aus der Natur des überseeischen Bankgeschäfts. Auch eine Beteiligung an industriellen Unternehmungen, soweit von einer Industrie im Orient bereits die Rede sein kann, ist mit der Gründung der Bank gegeben. Aber durch die Gründung der Deutschen Orientbank richtet sich Deutschland nicht gegen Englands wirtschaftliche Stellung, sondern nimmt nur das gleiche Recht wahr, das die übrigen Länder bereits besaßen. Wenn England jetzt vor 'allem auf das Vordringen Deutschlands in Persien als das gefährlichste Moment hinweist und hier wieder die Deutsche Orientbank im Auge hat, so bedeutet doch tatsächlich deren Vordringen keine Stellungnahme gegen England. Im Jahre 1905 betrug der Wert der deutschen Einfuhr aus Persien 1,4 Million Mark, die Ausfuhr nach Persien 1,8 Million Mark. Sofern dieser Handel sich hebt, — wobei für den Export aus Deutschland u. a. Zucker, für den Import aus Persien u. a. Teppiche in Betracht kommen, — ergibt sich die Notwendigkeit einer deutschen Bank. Damit wäre die Berechtigung für die Deutsche Orientbank, nach Persien zu gehen, geschaffen, ganz unabhängig davon, ob England oder eine andere westeuropäische Macht hier ebenfalls Handelsinteressen besitzt. England geht, das ergibt sich aus seiner jetzigen Politik, auf eine vollkommene wirtschaftliche Unterdrückung Deutschlands in den Ländern des Orients aus. England fürchtet für seine wirtschaftliche Monopolstellung, wenn Deutschland auch nur die geringste Konzession im Orient erlangt. Es fürchtet dies um so mehr, wenn Deutschlands Kapital sich an den bisher unerschlossenen Ländern, also in der Hauptsache an Persien, beteiligt. Aus diesem Wert, den England seinem Wirtschaftsinteresse im Orient beimißt, sollte aber für Deutschland folgen, auf dem einmal eingeschlagenen Wege energisch weiterzugehen." Die Anteil- Gegen und für die innerpolitische Betätigung nanme der österreichischen Zionisten am politischen Leben hat Herrn Dr. Kahn