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Die Welt · 1907-04-12 · 15 (12.4.1907) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 15 DIE3^ELT 13 Wyborger Aufrufes an. In Rußland gelang diese nicht, und die Wyborger sind noch immer von einem Prozeß bedroht. Aber Sir Samuel läßt die andern in Ruhe: er agitiert nicht, er wendet die Methode der Steuerverweigerung nur auf sich selbst an. Kein Offenbarungsglaube — kein Beitrag. Sir Samuel ist streng orthodox und hält an diesem Prinzip mit der Konsequenz, welche ihn ziert, auch bei dieser Frage fest. Es ist eine positive religiöse Überzeugung, die sich hier betätig^. Kein Diplomatisieren und keine persönliche Rücksicht. Und so muß es kommen, wenn der jüdischen Zusammengehörigkeit die Richtlinien der vielen Glaubenssätze gezogen werden. Die zahllosen Grade der Strenggläubigkeit und des Rationalismus müßten, jeder für sich, die Behörden und die Beiträge haben. Maimonides hatte seine Offenbarungstheorie — eine Behörde und Beiträge. Gersonides war viel liberaler — her mit einer neuen Behörde! Stämmig und kräftig wie eine Eiche im Walde steht Sir Samuel. Er imponiert mir mit seiner geraden Rücksichtslosigkeit. Er zieht die Konsequenzen der konfessionellen Auffassung des Judeseins. Nur daß dieses Sein ein Zerrbild des wirklichen Seins ist. Das wirkliche Sein war unabhängig von den tausend Meinungsverschiedenheiten der Sekten und der Schulen, der Hilleis und der Schammais. Es umfaßte alle, und wurzelte in der Gesamtheit. Es ist nicht eine Kirche, gegen die man, nach dein Muster englisch-christlicher Dissidenten, „passive resistance" machen kann. Es ist nicht die Spielart einer Sektenmumie mit einer versteinerten Tradition. Es ist ein lebendiges Volk. Galizische Religion. Die Zionisten Galiziens versuchten das Programm des jüdischen Religionsunterrichtes in den allgemeinen Schulen im nationalen Sinne auszugestalten. Anstatt der dürren katechetischen Formeln wollten sie mehr Hebräisch und mehr Geschichte einführen. Aber die Behörden witterten hierin Zionismus und — um das Jüdische zu bekämpfen, braucht man ja nur die Juden gegeneinander auszuspielen. Als man einem Rabbi eines Provinzstädtchens erzählte, daß die Zionisten den Religionsunterricht reformieren wollen, fuhr er zusammen und stieß einen unartikulierten Schreckensruf aus. Er raffte mit übermenschlicher Anstrengung die sinkenden Geisteskräfte zusammen und reiste nach Lemberg. Zunächst lenkte er seine Schritte nach dem Gemeindehause, dann zu den Behörden und organisierte einen Schutz der bisherigen Methode. Eine hierauf abgehaltene Konferenz Vereitelte die zionistischen Pläne. — Daß der Rabbi und seinesgleichen mit der homöopathischen Dosis eines schulmäßigen Religionsunterrichts in polnischer Sprache nicht zufrieden sind, daß sie diese Angelegenheit überhaupt als eine Posse betrachten, — ist klar. Aber um eine Nationalisierung des Unterrichts zu verhindern, eine Vertiefung des historischen Bewußtseins und ein größeres Pensum Hebräisch — will man schon lieber den „akzeptierten" polnischen Katechismus. ■: Die Hebraisierung des Religionsunterrichts ist ungefähr dasselbe, was die Polen im Posenschen für sich beanspruchen: Religion in der Nationalsprache. „Ja, Bauer, das ist was anderes!" Die Geduldjahre. Als der polnische Abgeordnete für Warschau, Dmowski, in der Duma über die russische Verwaltung in Polen sprach, geberdete sich ein Echtrusse ganz ungestüm. „Der Herr scheint keine Geduld zu haben, mich anzuhören", ..... bemerkte Dmowski. „Allerdings habe ich keine Geduld", — bestätigte der Echtrusse. Dmowski erwiderte: „Wir Polen haben 40 Jahre Geduld gehabt." (Beifall und Händeklatschen.) Uns klingt diese Jahresziffer fast kindisch. Was sind 40 Jahre? 1O0O Jahre, 2000 Jahre Geduld, — das sind die Belastungsproben, die an uns gestellt werden. Und wenn wir dann eine Probe machen, andere Bahnen zu suchen, heißt es bald: Sie sind ungeduldig. Auf eine Duma, sogar auf eine so platonische Duma, wie die jetzige, haben die Juden Polens zusammen mit den Polen auch die 40 Jahre, die Dmowski erwähnte, gewartet. Die Polen sprechen schon gegen die Verwaltung; die Juden können noch nicht sprechen. Sie müssen warten. Sie müssen sich damit begnügen, daß sie ein Dmowski repräsentiert. Auch dies erfordert sehr viel Geduld. Fremde Juden. Der englisch-jüdische „Board of Deputies" will sich nicht mit der Frage der Abschaffung der Anti-Alliens-Bill befassen. Mr. Herbert Bentwich protestiert gegen diesen Beschluß. Natürlich wird das Protestieren sehr wenig helfen. Die Härte des „Board of Deputies" ist — verkappte Zärtlichkeit, und seine Drohungen sind Segenssprüche. Es ist nicht richtig, daß die von Wohlstand geblähten, hochfahrenden „Gentlemen" kein Gefühl für die „Fremdlinge" haben. Im Gegenteil, sie sind nicht heimisch genug, um sich frei zu fühlen. Nicht assimiliert, — arme, gottverlassene Separatisten sind sie. Sie sind die richtigen Ghettojuden, angstgequält, wankelmütig und unsicher. Zu einer Volkspolitik, selbst zu einer Humanitätspolitik können sie sich nicht aufschwingen. Sie „können keine Politik treiben", sie vermeiden mit einer absichtlichen Beflissenheit eine präzisere Stellungnahme zu irgend einer Frage. Sie haben leise Beklemmungen: Wer weiß, ob man nicht auch sie als Fremdlinge erkennen wird? Aber sie vergessen eins: Gerade an dieser Beklommenheit erkennt man sie. Neue Kreuzzügler. Die Schwarzen Hundert in Rußland hecken immer neue Pläne aus. Jetzt heißt es, sie wolien 20000 Mann nach Palästina senden, um ihre Fahnen, die Pogromfahnen, einzuweihen. Dal,) die Mordgesellen den tiefen Schmutz, in dem sie in ihrer Heimat waten, über die Grenzen hinaustragen, und daß die Hochniögenden, die hinter ihnen stehen, der Gefahr ausgesetzt werden, daß ihre Maulwurfsarbeit bloßgelegt wird, — dies wäre ein ungeheurer Erfolg. Der Osten, er mag noch so schläfrig sein, er mag noch so geduldig die verschiedenen Völker und Religionen seine Reliquienschätze anbeten und beräuchern lassen, — die „echtrussische" Bestie mit der unbändigen Natur möge sich nur aus ihren Brutstätten hinauswagen, — der Osten hat Tierbändiger genug. Helden sind die Kruschewans nur in den jüdischen Schlupfwinkeln ihrer Heimat. Es sind zwei Kaulbars vorhanden: einer für Mandschurien, Hiebe zu empfangen, und einer für Odessa, Hiebs auszuteilen. Außerhalb ihrer Grenzpfähle werden die schwärzesten Hundert — schneeweiß. Und für Fahnenweihe ist ja in der Wolga Wasser genug, — und in den Monopolbuden wird Wodka verteilt. Daß der Kosak nicht am Jordan seine Pferde tränke, -- dafür wird schon die Welt sorgen müssen. Er kann auch jetzt nicht ernstlich daran denken, da er zuviel mit sich zu schaffen hat. N. S.

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