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Die Welt · 1907-04-12 · 15 (12.4.1907) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Lapy und Grajewo fuhr, indem er auf die fernen Hütten zeigte: „Das sind unsere Leute." „Wie meinen Sie das?" fragte ich. „Sind es Bochurim aus Zabludtw? — „Nein"— erwiderte er, „es sind litauische Bauern — unsere Leute" . . . Der Jüngling fühlte sich durch und durch als litauischer Bauer. Und er war der Sohn eines Melamed. So geht es immer im Zirkel, bis ein Pogrom ausbricht. Da wogt und wühlt es durcheinander: Klassen, Berufe, Parteien. Bs ist nicht vonnöten, es ist auch nicht einmal möglich, ein Signalement aufzunehmen, Bauern oder Arbeiter, Satte oder Hungrige, „Bewußtsinnige" oder „Unbewußtsinnige" — der ganze Etikettenkram verschwindet, und man sieht nichts, als daß unter diesem oder jenem Vorwande der arme, wehrlose Jude von dem Goi brutal mißhandelt und ausgeplündert wird. Dies ist die einfache Prosa. Weshalb quälen wir uns mit Hirngespinsten? Keine Schönfärberei täuscht über die Tatsachen hinweg. Bauerntum schützt ebensowenig vor Judenhaß wie Adel, und wenn jetzt Hungrige geplündert haben, so ist der Hunger ein Nsbenum tand. Die Satten plünderten uns njcht weniger. J ü d i s c h e D o r f b e \v o h n e r. Als wir uns in Rußland mit allerhand sonderbaren Hausmitteln kurierten, herrschte unter uns ein großer Enthusiasmus für das, was die Amerikaner „Removai" nennen, für die Zerstreuung der Juden über die weiten Gauen und Steppen Rußlands. Wir machten in der Presse eifrig Propaganda für den Auszug aus den Städten, wir priesen das ländliche Stilleben und lockten unsere Brüder ins Freie. Nur ein schriller Mißton störte die■ Pastoral-Symphonie. Es war die Stimme eines überspannten, aber grundehrlichen jüdischen Enthusiasten. Er hieß Kam in er: Dr. Isaak Kam in er. Er warnte vor Zerstreuung. „Man muß" — schrieb er — „vom Golusbewußtsein der Masse und von der Gesamtheit ihrer Motive ausgehen, um die Notwendigkeit der Ghetti in den Städten und nur in den Städten zu begreifen. Wäre sie in kleinen, schwachen Gruppen zerstreut, so würde man sie schon lange aufgerieben haben. Der moderne Aufklärungsjude, der sich durch irgend eine vorübergehende Erscheinung, durch irgend eine schöne Phrase leicht betören und einlullen läßt, ergründet, nicht die tiefen Ursachen der Konzentration. Er unterschlägt eine große Reihe unzweifelhafter Erscheinungen, die ihm nicht in den Kram passen, und kann darum zu keiner richtigen Würdigung des Masseninstinktes kommen. Irgend ein Lichtstrahl von Toleranz macht ihn alles schnell vergessen und leichtgläubig trauen. Die Masse hingegen hat ein gesundes Mißtrauen. Sie weiß, daß der Haß, den die Dorfbevölkerung bis auf die Knochen in sich trägt, sich nicht ausrotten läßt. Sie fürchtet mit Recht —, in kleinen Häuflein auf dem flachen Lande zu wohnen." Und nun lesen wir, daß die jüdischen Dorfbewohner in Rumänien am schwersten betroffen worden sind. Ja, der gute Kaminer hatte nicht so ganz Unrecht. Di e Sechzehn. „Wir" haben im englischen Parlament sechzehn jüdische Abgeordnete. Man stellte an sie die Zumutung, dal.» sie sich zusammentun, um eine jüdische Gruppe zu bilden. Sie wollen aber von diesem „Separatismus" nichts hören. Man verlangte von ihnen, sie mögen ihre Stimme gegen die rumänischen Gräuel erheben. Ihre spröde Natur sträubt sich gegen diese weichen Gefühle. Das „Programm" wurde nicht angenommen. Es war zu national-jüdisch. 0 du meine Güte! Muß man „programmmäßig" schaudern, wenn man von Greueln hört? Wer nicht sein Herz zum Stein machen. kann, schreit auf, wenn er sieht, dal.) Recht und Sitte auf das schmachvollste vergewaltigt werden. Eine neue Partei müßte man gründen: die Partei der Menschen! Und in den Menschen - ein gewisses Organ entwickeln, welches vollständig zum Schweigen gebracht worden ist: das Herz. Die sechzehn Juden sollen keine jüdische Gruppe bilden. Es sollen nur sechzehn Juden sein. Ein getaufter Jude schrie einmal einem übermütigen Lord im englischen Parlament entgegen: „Mein Adelsbrief ist älter; als Ihre Vorfahren noch Schweine weideten, waren" usw. Er hieß Benjamin Disraeli. Es war weder Partei, noch Programm. Es war die Aufwallung beleidigter Menschenwürde. Kann man Bruderliebe und Ehrgefühl durch ein Programm ersetzen? . Die letzten „Meetings". Wer weiß ob nicht auch die Protestmeetings zum alten Eisen geworfen worden sind? Die Kundgebungen in England und Österreich gegen . die rumänischen Greuel waren schwach und nichtssagend. Wenn ein Protestmeeting überhaupt eine Bedeutung hat, so ist es nur durch seine demonstrative Größe und die Wucht der Masse. Nebbichmeetings erinnern an stille, heimliche Hurras, die der jüdische Volkswitz „ Ribbono-schel-Olam-Hurras nennt. Die Christen waren, abgesehen von wenigen Ausnahmen, nicht da. Die Juden — auch nur in kleiner Anzahl, und es hat ja gar keinen Zweck, wenn die Juden, „um jautze zu sein", ein klein bischen protestieren. Täuschen.wir uns nicht. . Die große Öffentlichkeit hat sich an Pogromnachrichten gewöhnt. Man protestiert nicht mehr, man lies: weniger und mit Überdruß — und die Spenden für'das Hilfswerk fließen im Schneckentempo, langsam und kärglich. In der häufigen Wiederholung der Greuel liegt die Begrenzung der Möglichkeit eine^ Entgegenwirkens. Vielleicht könnten Sensationen die öffentliche Meinung noch aufrütteln; vielleicht Reiseapostel mit Lichtbildern Und auch nur für kurze Zeit. Das Golus hingegen ist lang, unendlich lang. Der moderne „Cherem". In Cincinnati hat sich eine förmliche Razzia gegen zionsfreundliche Professoren entwickelt. Zwei von ihnen: Dr. Malter und Dr. Ma-rgolis wurden abgesetzt — nicht wegen unjüdischei, Gebarens, nicht wegen mangelnder Kenntnis des Hebräischen. Letztere Umstände wären kein Hindernis in der Professorenkarrieiv an einem amerikanischen Rabbinerseminar. Aber sie sind zu seh: jüdisch und sie verstehen zu gut Hebräisch. Mit anderen Worten sie sind Zionisten. Dadurch wird ihre Tüchtigkeit und Leistungs fähigkeit in den Schatten gestellt. Sie wollten sich nicht unter da vom Direktor gehaltene Gewissensjoch beugen. Deshalb mußte: sie gehen. Wenn die Fanatiker in der „Ruine des Rabbi Jehuda Ha-Chassid in Jerusalem einen armen Juden aus der Liste der Chaluka empfänger streichen, weil er bildungsfreundiich ist und seinen Kin dem eine Schulbildung angedeihen läßt, so heißt dies Inquisition und reaktionäre Ketzerriecherei. Wenndas „Bockshorn" aus dt Rumpelkammer der „Klaus" hervorgeholt wird, um einen Bann z. erlassen gegen schädliche Richtungen, schreien wir Zeter. Wen aber die alleinseligmachende Assimilation ein Ketzergericht übe. Andersdenkende einsetzt und Exkommunikationen schärfster Ar zustande bringt — so heißt dies nicht „Cherem". Es heißt: Libe ralismus. Ein Wyborger. Sir Samuel Mon ague hat seinen Beitrag für die religiöse L Ziehungsbehörde in London verweigert, weil Mr. Claude Monte fiore dieser Behörde angehört. Und Mr. Claude Montefiore is nach der Ansicht des Sir Samuel, ein Ungläubiger. Sir Samu entfesselte die Katarakte seines religiösen Zornes, nachdem M Montefiore in einer Schrift die Offenbarungslehre auf philosophische Wege erklärte. Als das prasselnde Donnerwetter in den engliscjüdischen Zeitungen ausgetost war, verlangte Sir Samuel von M M., sein Amt niederzulegen. Da Mr. M. bis jetzt sein Amt beih hält, wandte Sir Samuel die friedliche Revolutionsmethode de-

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