Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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\'o. 15 DIE3|EELT wo Streitigkeiten wegen eines Arztes, eines Lehrers usw. existieren, erscheinen überall die Mitglieder der „Schonire - Thora" auf der Bildfläche und legen ihre Hand auf die Dinge. Besonders natürlich hat die Schule unter solcher Einwirkung zu leiden. Wie nur in einer Kolonie eine Talmud-Thora errichtet wurde, finden die Eltern viel mehr als früher an der Schule auszusetzen, — sie beginnen ihre Programme vorzuschlagen, und zwar solche, an die sie früher nicht zu denken wagten. Es kommen dabei nicht selten solche Kuriositäten vor, wie z. B. die folgende: In einer Kolonie verlangten die Eltern, man solle in der Schule französischen Unterricht einführen. Falls dies nicht geschähe, drohten sie, würden sie ihre Kinder in die Talmud-Thora schicken, wo natürlich keine Rede von französischem,Unterricht sein kann. Ich muß ausdrücklich bemerken, daß ich den Schaden, den die Talmud-Thora bringt, nicht darin erblicke, daß sie den Kindern den religiös-orthodoxen Geist beibringen will, sondern darin, daß sie es versteht, den nationalen Geist, der in der weltlichen Schule herrscht, abzutöten und im stillen, aber stetig, unsere Hoffnungen auf nationale Wiedergeburt zu untergraben. Wenn früher die Kinder wenigstens die Schule als ein Heiligtum betrachteten, so merken sie jetzt die Konkurrenz zwischen der Schule und der Talmud-Thora, und ihr Verhalten der ersten gegenüber wird um vieles schlechter. Die städtische Schule. Bevor wir von dieser Schule sprechen und hauptsächlich davon, ob sie befähigt ist, der Kindern der Immigranten in zweckentsprechender Weise zu dienen, ist es notwendig, ein paar Worte zu sagen über die Forderungen, die die Einwanderer selbst an die Schule stellen. Wenn das Leben des Einwanderers in Anbetracht des Wechsels von Land, Klima usw. ohnehin einer starken Metamorphose unterworfen ist, so tritt eine loch stärkere Uniwertung in ihren Ansichten bezüglich der Bedeuung der Erziehung und des Schulunterrichts ihrer Kinder ein. Fast die Einwanderer, die in den letzten Jahren nach Palästina kamen, ind russische Juden. Die rechtlose Lage der russischen Juden hängt ihre Kinder von selbst nach den Schulen: denn nur durch die Schulbildung konnte man von einigen Beschränkungen frei ■verden, sich irgendwelche Position in der Gesellschaft erwerben, iberhaupt erst für seine Fähigkeiten einigen Spielraum gewinnen. )as Ideal der jüdischen Kinder in Rußland ist daher die Aufnahme n Unterrichtsschulen mit Staatsrechten. Solche Schulen sind nur iie Mittel- und Hochschulen. Infolgedessen strömten in diese Schulen massenhaft Kinder aus solchen Volksschichten, die bei lormalberechtigten Völkern nicht über die Volkschule hinauskommen. Das ändert sich natürlich bei der Übersiedelung nach Palästina. )as Recht der freien Bewegung und der Beschäftigungswahl steht der in keinem Zusammenhange mit irgendwelchen Diplomen. Die otweudige Kenntnis einiger Sprachen (unbedingt der arabischen nd einer europäischen, meistens der französischen) kann durch die raxis erworben werden, und so treffen wir tatsächlich im Orient onst ungebildete Leute, die einige Sprachen sprechen. Die für ineri Geschäftsmann notwendigen Kenntnisse, z. B. die der Buchführung und der Korrespondenz, können auch außerhalb der Schule in irgend einem Comptoir erworben werden. Die gesellschaftliche Position ist auch spezifischen Bedingungen unterworfen. Die europäischen Einwanderer bleiben meistens Ausländer, die in keine engeren Beziehungen zum arabisch-türkischen Leben treten und darum auch keine Ansprüche erheben können, in diesem Milieu eine hervorragendere Rolle spielen zu können. Dasselbe gilt auch von den aus Europa einwandernden Juden. Wenn die Letzteren jedoch den unzweifelhaften Fehler dieses indifferenten Verhaltens erkennen werden, so werden wiederum keine Schuldiplome zu dessen Beseitigungnotwendig sein, sondern vor allem die praktische Beherrschung der Lokalsprache, ein engeres Zusammenleben mit der einheimischen Bevölkerung und ein intimeres Kennen-Lernen ihres. Charakters und ihrer Sitten. Was die anderen europäischen Nationalitäten betrifft,' die ihre Niederlassungen in Palästina haben, so bilden sie wie überall in Asien und Afrika geschlossene, oft kleine Gruppen mit eng umgrenzten nationalen oder religiösen Zwecken, die für einen Juden von keinem besonderen Interesse sein können. So bleibt der Jude zunächst ausschließlich auf die jüdischen Kreise angewiesen, und hier wiederum spielen die Vermögensverhältnisse oder geistige und seelische Eigenschaften eine Rolle. Demgemäß kann die Schulbildung nicht die überragende Bedeutung für das spätere praktische Leben haben, und ihr verbleibt so die engere Aufgabe, das rein geistige Moment vor allem zu berücksichtigen und für intellektuelle und psychische Entwicklung der Kinder zu sorgen. Die rechtliche Lage der Stadtschule ist auch eine eigentümliche: Die Türkei kennt bis jetzt den Typus der Privat-oder Staatsschulen nicht. Jede Gemeinde, ohne Unterschied des Glaubens, kann ihre Medresse eröffnen. Das sind Schulen mit ganz unbestimmtem Lehrprogramm, ein wenig dem jüdischen Cheder ähnlich, Elementarschulen mit religiöser Schattierung. Eigentlich sollte auch die türkische Sprache hier gelehrt werden, das wird aber in der Wirklichkeit nicht so gehalten, und der Regierungsinspektor, der manchmal diese Schulen besucht, begnügt sich gewöhnlich damit, daß einer der Lehrer mit ihm ein paar türkische Worte spricht. Diese Elementarschulen erweitern oft ihr Programm bis zum Umfang einer mittleren städtischen Schule. Die Ausländer speziell errichten ihre Schulen gewöhnlich unter der Obhut ihrer Konsuln und sind in diesem Falle von jeder Regierungskontrolle befreit. Diese unabhängige Lage der Schule nützen verschiedene nationale und religiöse Gruppen in ihrem Interesse aus: sie erziehen nicht nur die Kinder ihrer Stammes- oder Religionsgenossen in ihrem Geiste, sondern auch Tausende arabischer und oft auch Dutzende oder sogar Hunderte jüdischer Kinder. Daß Letzteres nicht ungefährlich ist, braucht nicht erst bewiesen zu werden: denn wenn die Juden auch in religiöser Beziehung standhaft sind, so sind sie kulturell sehr assimilationsfähig. Inwiefern nun die jüdische Stadtschule die zweifellos günstigen äußeren Bedingungen ausgenützt hat, darüber soll im Folgenden ausführlicher gesprochen werden. «Forts, folgt.) Aus meinem Notizbuch Rumänische Bauern. Sie haben ihre Popen, die sie verehren und über die sie zugleich uchen, wie ihre russischen Brüder. Bigott und ungläubig zugleich. *e saufen wie die Russen, und wenn ein Unterschied zwischen imänischen und russischen Bauern besteht,, so ist es nur der, daß e Russen kein Russisch, die Rumänen hingegen kein Rumänisch sen und schreiben können. Und noch ein Unterschied: der issische Bauer ist eine vorkonstitutionelle, der rumänische hingegen eine konstitutionelle Persönlichkeit. Letzterer Umstand ist für uns von besonders pikantem Interesse, weil unsere Brüder in Rußland noch vor kurzem in einem Bauerndusel förmlich schwelgten. Unsere Wahlparole lautete: Für die Bauern und nur mit den Bauern. Als einer unserer wackeren jungzionistischen Führer ■— Schabotinski heißt der Unglücksrabe - durch ein Wort oder eine Miene die Zulässigkeit eines Bündnisses mit den Gutsbesitzern nicht genügend verdammt hatte, da verfiel er schier einem BunJistenfeldgericht. Wir fühlten uns ganz bäuerisch — zwar ohne eigenen Boden unter den Füßen, aber für die Verteilung des Bodens unter den Bauern begeistert. Ein Bochur aus Zabludow sagte mir im Eisenbahncoupe, als ich zwischen