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Die Welt · 1907-04-12 · 15 (12.4.1907) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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10 asien usw., sondern sie haben auch keinen Begriff von den Ländern des anderen Weltteils. Man hat nur gehört, daß man sich drüben „einrichten" kann, daß dort Dollars und Pfunde statt Baschliki und Metallmünzen gelten — und einem Herdentrieb folgend zieht man übers Meer. Und so einfach es ist, so wahr ist es: Guter Unterricht in Geographie und Völkerkunde, populäre Vorlesungen und Zeitungen, werden einen Urnschwung in der Psychologie der jungen Palästinenser bewirken. Wir werden uns hunderte junger Leute erhalten und einige zehntausend Franken jährlich ersparen. Wir haben in Palästina Zehntausende und in der ganzen Türkei Hunderttausende von Juden, vollberechtigte Bürger, die das Recht besitzen, alle Staats- und öffentlichen Ämter zu bekleiden. Wir sind nicht nur nicht imstande, diese Kräfte auszunützen, sondern sind froh, wenn sie uns nicht schaden, was leider auch zuweilen vorkommt. Und das ist nur darum, weil sie die Vorteile ihrer Lage nicht erfassen können und zweitens, weil wir selbst ihnen fremd sind. Sie verstehen nicht uns, nicht unsere Wünsche und unsere Pläne. Diese Juden degenerieren tatsächlich in kultureller Hinsicht, und sogar das türkische Leben von heute ist ihnen schon über den Kopf gewachsen. Ihre einst solide, sogar glänzende materielle Lage verschlimmert sich mit jedem Jahre, dank ihrer Inertie und Rückständigkeit, und ihr bedeutender Bodenbesitz wandert in fremde Hände. Palästina ist nicht so arm an Menschenmaterial und an Kapital, wie man es sich in Europa vorstellt, aber statt daß sie uns nützen, gehen beide für uns vielfach verloren. Und all das — wie gesagt — kommt hauptsächlich davon, daß die Leute nichs lernen, nichts können und ihre eigenen Interessen nicht verstehen, noch weniger die Interessen des jüdischen Volkes. Ein gutes jüdisches Schulwesen wird uns zurückgeben, was unter diesen Juden an brauchbarem Material übrig geblieben ist. Im Lande gibt es ferner eine halbe Million Araber. Wir wünschen mit ihnen zusammen zu leben und zu arbeiten. Und doch kennen wir und verstehen wir einander nicht. Gegenseitiges Nicht-Kennen aber ruft immer Argwohn und Mißverständnisse hervor. Es ergibt sich also die Notwendigkeit für uns, ernst an die Frage heranzutreten: so bald als möglich die arabische Bevölkerung mit uns und unseren gutgemeinten Plänen bekannt zu machen. Darin liegt doch eben unsere Kraft, daß unsere Interessen nicht gegensätzlich sind, sondern zusammenfallen mit denen der ansässigen Bevölkerung. Das können wir am besten erreichen, wenn wir die Araber an unsere Schulen heranziehen. Wer die Tätigkeit der christlichen Missionen in Palästina beobachtet hat, hat sicher bemerkt, wie die Schule auf den Araber wirkt, wie die arabischen Kinder an den Priestern, ihren Lehrern, hängen. In unseren Schulen hätten die Araber von unserer und ihrer Geschichte erfahren, hätten sie die Möglichkeit des Zusammenarbeitens der beiden Völker erkannt. Ich wage zu behaupten, daß wir in der Schule mehr erreichen könnten, als in den Palästen . . . Es gibt schon einige Beispiele des Einflusses der jüdischen Schule auf arabische Kinder, die sie besuchten. Sie sind gewöhnlich fleißige Schüler und erlernen rasch die hebräische Sprache. Mir persönlich passierte es vor kurzem, mit einem junger Araber zu sprechen, der anderthalb Jahre in einer jüdischen Schule beschäftigt war. Ich war von seiner fließenden hebräischen Sprache, von seiner Logik und seinen hellen Ansichten über die ähnlichen Züge im Judaismus und Islamismus überrascht. Und das war nur ein einfacher arabischer Jüngling, der anderthalb Jahre in einer jüdischen Schule gedient hatte! Es wäre natürlich lächerlich, von einer jüdischen Schule für die arabischen Kinder zu sprechen, jetzt, wo wir noch fast nichts für die unsrigen geschaffen haben. Ich wollte nur auf die weite Perspektive der jüdischen Schule in Palästina hinweisen. Kehren wir jedoch zur armen Gegenwart zurück und untersuchen wir, was wir jetzt haben. Die Dorfschule, d. h. die Schule der jüdischen Kolonien, No. 15 bietet eigentlich vom Standpunkte der jetzt neu Einwandernden kein großes Interesse. Es ist sehr zweifelhaft, ob viele neue Elemente sich in den Kolonien werden niederlassen können. Es ist vielmehr wahrscheinlich, daß sich neue Ansiedelungs-Zentren bilden werden, in denen man neue Schulen einrichten wird. Aber die bisherige Schule hat für uns Interesse als solche. Es gab eine Zeit, wo die Lehrkräfte dieser Schule viel Liebe und Eifer entgegenbrachten. Sie trugen einen Zug von reinem Idealismus hinein, schufen neue Systeme und arbeiteten den palästinensischen Ansprüchen gut angepaßte Lehrbücher aus. Ihre Mühe wurde aber leider nicht vom entsprechenden Erfolg gekrönt. Die früheren Schüler waren, wenn sie einmal das Alter von 11 —12 Jahren erreicht hatten, schon vorn Gift der ungesunden Lebensanschauungen der Umgebung augesteckt, vom Gift des Zweifels und oft der Verzweiflung. Sie sahen den großen Gegensatz der Familie und der Schule, sie bemerkten gar wohl das durchaus negative Verhalten der Eltern gegenüber dem idealistischen Lehrer, lasen die Briefe der älteren Brüder aus dem Auslande und begannen, sich zur Auswanderung zu rüsten. Nicht die Tatsache der Auswanderung alssolcheistdasentscheidende Krankheitsmerkmal, sondern die Stimmung, die die Auswanderung verbreitet, Konflikte, die sie hervorruft, sind es. So z. B. geschah es, daß man in einer Kolonie Kurse der englischen Sprache zur selben Stunde einrichtete, für die der hebräische Lehrer seinen Unterricht angesetzt hatte. In einer solchen wahrhaft tragischen Lage befindet sich die jüdische Schule in den Kolonien. Eine Ausnahme finden wir in einer Kolonie in Judäa, wo die Eltern vom allgemeinen Skeptizismus verschont blieben und infolgedessen auch die Kinder einen reinen palästinensen Geist bewahrt haben. Eine ähnliche Ausnahme finden wir weiter in einer Kolonie in Galiläa. Aber das ist alles. Und diese wenigen erfreulichen Erscheinungen zeigen uns umso krasser, wie anormal das Leben und infolgedessen auch die Schule in den Kolonien ist. Einige hoffen, daß jetzt, nach dem letzten Abkommen mit dem Baron, die Kolonien gefestigt sein werden und die jüdische Schule wieder an Bedeutung gewinnen wird. Es ist jedoch zu befürchten, daß das neue Syndikat für Weinbau und Weinbetrieb viele Kräfte iin Auslande wird beschäftigen müssen und darum wieder viele Eltern ihre Kinder zur Auswanderung nach dem Auslande vorbereiten werden. Ich muß aber gerechterweise auch auf die Verdienste der ländlichen Schule hinweisen. Wenn sie auch an vielem krankt, so muß man es ihr doch lassen, daß hier die hebräische Sprache zu einer lebendigen wurde, die auch in die Familie und den täglichen Verkehr eingedrungen ist. Die Dorfschule hat ferner Dutzende jüdischer Lehrkräfte herangezogen, die mit Selbstaufopferung arbeiten und die dein neu einwandernden Element in einer reformierten Schule großen Nutzen bringen werden. Ich muß bei dieser Gelegenheit noch auf eine andere Art Schulen verweisen, die sich gleichfalls in den Kolonien entwickelt haben — nämlich auf die Talmud-Thora-Schulen. Es ist bekannt, daß zu Beginn der Kolonisation Palästinas die jungen Kolonisten von den dortigen Orthodoxen mit Zorn und Unwillen empfangen wurden. Später, als die Kolonisten eine gewisse Macht erworben hatten, besonders als das Gold der Millionen Baron Rötschilds durchs Land klang, söhnte sich die Orthodoxie mit der Tatsache der Kolonisation und der Kolonisten aus und schwieg. Als aber vor einigen Jahren die Kolonien eine ökonomische Krise durchmachten, erwachte die Gegnerschaft der orthodoxen Kreise von neuem. Diesmal aber wurde der Kampf mit friedlichen Mitteln geführt. Die Orthodoxen bildeten einen Verein „Schomre- Thora", dessen Zweck es war, in den Kolonien Schulen in religiösem Geiste zu errichten. Auf den ersten Blick ein einwandfreies Unternehmen, — in der Wirklichkeit aber bewirkt es leider überall, wo noch ein gewisser freier und moderner Geist herrschte, einen allmählichen Zerfall. Wo man die Kolonisten mit der Chalukagabe anlocken kann,

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