Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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leicht eine Superdividende von 4 " o gezahlt werden, doch begnügt sich die Generalversammlung mit 1—2%; manchmal wurde auch der ganze Überschuß dem Reservefonds überwiesen. 20 (, o fließen aber statutenmäßig stets dem hiesigen zionistischen Vereine zu, der also dieses Jahr gegen 1700 Kronen erhält. So bietet die Volksvorschußkasse ein ungetrübtes Bild von Gedeihen und mächtigem Emporstreben; sie hat eine Menge schiffbrüchiger Existenzen gerettet, sie hat durch Darlehen — auch zinsenfreie - dort wo die Not am größten war, Hilfe gebracht, sie hat dem Zionismus in Böhmen selbst bei seinen Gegnern Achtung und Anerkennung abgerungen. Es wäre zu wünschen, daß in denjenigen jüdischen Zentren Österreichs und anderer Länder, wo derartige Institute noch nicht bestehen, von gesinnungsgenössischer Seite das Beispiel der böhmischen Zionisten nachgeahmt werde. Aus der Wiener Wahlbewegung (Von unserem Korrespondenten.) Die Wählerlisten, nach denen die Wiener Wähler zum erstenmal die Segnungen des allgemeinen Wahlrechtes genießen sollen, zeigen so recht deutlich, was christlichsoziale Verwaltungskunst vermag. Der Magistrat, der die Parteigeschäfte der Wiener Antisemiten skrupellos besorgt, hat ein Meisterstück an parteiegoistischer Gesetzwidrigkeit und verwaltungstechnischer Schlamperei geliefert. Der Leopoldstädter Wahlkreis, der eine zweifellose jüdische Majorität besitzt, ist davon in erster Linie betroffen, denn in der ersten Wählerliste fehlen ungefähr 2500 jüdische Wähler. Aber nicht diese Lücke allein, die während der kurzen Reklamationsfrist von 14 Tagen schwer ausgefüllt werden kann, kennzeichnet das christlichsoziale Machwerk. Die Art der faktischen Eintragungen ist viel charakteristischer. Falsche Namensgebung, Berufsbezeichnung, Adressierung erschwert die Agitation und wird bei Zustellung der Wahllegitimationen und bei Agnoszierung jüdischer Wähler ihre Wirkung üben; erst dann werden die erprobten christlichsozialen Wahlmacher ihre Künste spielen lassen. Nichtsdestoweniger sind die Wiener Jüdischnationalen rührig an der Arbeit. Sie gehen nicht ohne Aussichten und jedenfalls frohen Mutes in den Wahlkampf, der zur nationalen Erziehung der jüdischen Wählermassen sehr viel beitragen muß. Eines zeigt sich jetzt schon: Jüdische Kandidaten, die früher der ganzen Judenfrage kühl bis ans Herz hinan gegenüberstanden, schlagen jüdische Töne an und kommen mit den alten Freisinns- und Deutschtumsphrasen nicht mehr aus. Die jüdischen Wähler selbst, die von den Liberalen auf eine unglaubliche Stufe von politischer Unreife und Indolenz heruntergebracht worden sind, zwingen sie dazu, weil sie unbewußt eine jüdische Besitzstandpolitik verlangen und vertreten. Herr Ann iriger hat von Capri aus, wo er seit Wochen weilt, an eine Wahlversammlung der „Fortschrittsfreunde44 einen Kandidatenbrief gerichtet. Die „Österreichisch-Israelitische Union", als deren Vizepräsident er im Quaiviertel kandidiert und ein jüdisches Mandat beansprucht, wird ihm nicht zu großem Danke verpflichtet sein dafür, daß er in Capri sein deutsches Herz n ..-uentdeckt, und in der geschriebenen Kandidaten rede sein Deutschtum sehr dick unterstrichen hat. Merkwürdig! In der Wählerversammlung der Union hat er nur als Jude und Kaufmann um jüdische Stimmen geworben — vor den „Fortschrittsfreunden", den organisierten Überresten der Deutschliberalen in der Inneren Stadt, muß sein vergessenes Deutschtum herhalten. Vor Capri las man's anders! Es ist nicht anzunehmen, schrieben wir vor Wochen, daß die „Union", die den Standpunkt einer reinen, wenn auch nicht nationalen jüdischen Interessenpolitik vertritt, bei der Kandidatur des Herrn Anninger einen Rückfall in eine verkappte deutschliberale Politik riskieren wird. Ihr Kandidat hat, wie es scheint, in einem unbewachten Augenblick die Intentionen der Wiener Vereinsleitung durchkreuzt und dem verkrachten Deutschliberalismus eine wohl ganz überflüssige Konzession gemacht. Wir haben einen Trost: Dieses Caprideutschtum ist weder echt, noch dauerhaft. Eine jüdische Organisation, die als solche unter einem dünnen jüdischen Mäntelchen deutschen Interessen dienen wollte, ist in Wien nicht mehr möglich. Den Sozialdemokraten der Leopoldstadt macht die energische Agitation der Zionisten einen Strich durch die Rechnung. Die Juden waren ihnen b'sher gar so willige Mitläufer. Hjrr Fritz Austerlitz, der bekannte Redakteur der „Arbeiterzeitung", hat die Zionisten dafür in einer Weise angerempelt, die recht niedrig gehängt zu werden verdient. Er hat sich den aufreizend leichtfertigen Satz geleistet: „Die Zionisten freuen sich, wenn den Juden ein Unglück zustößt." Das schien sogar der „Arbeiterzeitung" zu stark, und sie hat in dem Versammlungsbericht diese geifernden Worte eliminiert. Was übrig bleibt, genügt zur Charakteristik der sozialdemokratischen Wahltaktik. Herr Austerlitz meinte: „Die Zionisten werben um Stimmen, sie, die die Juden wieder ins Ghetto sperren wollen. Sie beuten den geheimen Kummer der Juden aus, daß man sie nicht als gleichberechtigt nimmt, und leiten ihren geheimen Stolz auf ein falsches Ziel. Wir Sozialdemokraten wollen es dahin bringen, daß auch der jüdische Arbeiter ein Gleicher unter Gleichen sei; wir wollen ihren geheimen Stolz zu einem offen zur Schau getragenen machen; wir wollen sie befreien, so wie wir alle Menschen befreien." Alter Wein in einen neuen schönen Schlauch gebracht! Aber er bringt für jeden Fall antizionistische Hurrastimmung hervor. Herr Austerlitz ist bei den Christlichsozialen in die Schule gegangen und hat ihnen ihre Verleumdungsstückchen im politischen Kampfe glücklich abgeguckt. Ein Wiener Gesinnungsgenosse hat darauf sehr treffend hingewiesen, als er an die christlichsoziale Taktik erinnerte, welche den Sozialdemokraten vorzuwerfen pflegt, daß sie über Katastrophen in Bergwerken und Fabriken Freude enp pfinden und sie für Parteizwecke ausbeuten. Herr Austerlitz hat diese Art von politischer Kampfesweise oft und scharf genug verrissen. Er hat den Christlichsozialen gegenüber vollkommen Recht gehabt. Was er darüber geschrieben hat, gilt — mutat'.s mutandis — diemal für ihn. R. N. Die Volksbildung in Palästina Von Dr. M. Scheinkin ) Wenn für normale Völker, die so glücklich sind, ein freies, natürliches Leben führen zu können, die Schule eine der Hauptwaffen im Kampf ums Dasein darstellt, so ist für uns die Schule in Palästina fast alles. Ohne die Volksschule im weitesten Sinne dieses. Wortes werden wir in Palästina niemals vorwärts kommen. In jedem der Briefe, die wir von solchen, die nach Palästina auswandern wollen, erhalten, findet sich die Frage: Wie wird man die Kinder in Palästina erziehen? Die Wichtigkeit dieser Frage ist selbstverständlich. Jeder Vater wünscht seine Kinder dort zu *) Aus einem dem russisch-zioiiisttscheit Zentralkomitee erstatteten Berichte. erziehen, wo er zu wohnen beabsichtigt. Nun wandern eine ga.nze Menge junge Leute jährlich aus Palästina hauptsächlich darum aus, weil sie ihr Glück nicht in den Nachbarstädten oder -Ländern versuchen, sondern lieber ans andere Ende der Welt schwimmen wollen. Dazu trägt zweifellos die schlechte Schulbildung viel bei. Sie haben tatsächlich keine Ahnung davon, was um ihre Stadt herum vorgeht. Nicht nur weiß z. B. der Einwohner von Jaffa nicht, was in Gaza geschieht, oder der Einwohner Gazas, was in Hebron vorgeht. Nicht nur haben die Einwohner Palästinas keine zureichende Vorstellung von den Nachbarländern: Ägypten, Klein- S*