Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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8 DIEE^ELT NTo. 15 Präsidenten Dr. v. Bleileben an den vom Unglücke hart betroffenen Flüchtlingen hervorhob, welcher in seiner gewohnten konzilianten Weise den Grenzbehörden das möglichst weitgehendste Entgegenkommen gegenüber den Flüchtlingen empfohlen hat. Redner hob weiters hervor das liebenswürdige und selbstlose Verhalten des Herrn Bezirkshauptmanns Bohosiewicz, der unverdrossen persönlich an der Grenze hei der Aufnahme der Beraubten mittat; ebenso die Tätigkeit des Herrn Polizeikommissars Bottuszanski, welcher mit größter Selbstverleugnung persönlich das Passieren der Grenze Tag und Nacht überwachte; ebenso die wohlwollende Mitwirkung des Herrn Präsidialsekretärs Keschmann anläßlich der Intervention zu Gunsten der Opfer der Verfolgungen, worauf die Versammlung allen genannten Funktionären der Regierung ihren Dank aussprach. Zum Schlüsse brachte der Redner ein Hoch auf den Kaiser aus, in welches die Versammlung begeistert einstimmte. Endlich sprach Abgeordneter Dr. Strauch er, von stürmischem Beifalle begrüßt, der auf die diplomatischen Winkelzüge Rumäniens hinwies und des energischen Auftretens des auswärtigen Ministeriums zu Gunsten der öst. Juden gedachte. Schließlich wurde folgende Resolution angenommen: „Die judische Volksversammlung, welche am 23. April 1. J. im Rathaussale tagt, drückt den in den letzten Tagen in der benachbarten Moldau geplünderten und beraubten Juden ihr tiefstes Mitgefühl aus. Sie protestiert gegen die vandalische Vernichtung des schwer erworbenen geringen Besitzes von tausenden von jüdischen Familien, den man zerstören ließ, um selbstsüchtigen Interessen skrupelloser Volksausbeuter zu dienen. Sie brandmarkt die Verhetzung der rumänischen Bauernschaft gegen die arme jüdische Bevölkerung der Moldau. Die Versammlung appelliert an die Signatarmächte des Berliner Vertrages, ihre aus den Art. 43 und 44 des Staatsvertrages fließenden Rechte bezüglich der Erwirkung der Gleichstellung aller Konfessionen und Nationalitäten der königlich rumänischen Regierung gegenüber geltend zu machen. ' Die Versammlung spricht den österreichischen Behörden für ihr menschenfreundliches, von wahrem Geiste österreichischer Gesittung getragenes Verhalten gegenüber den unglücklichen Opfern ihren aufrichtigen Dank aus." NOTIZEN AUS BÖHMEN In sechs Wochen finden die Reiclisratswahlen statt, und jetzt bereits ist das ganze Interesse der Öffentlichkeit auf sie gerichtet. An Mandaten hängt, nach Mandaten drängt doch alles, wir Juden natürlich ausgenommen: denn in ganz Böhmen, Mähren und Schlesien dürfte auch die liberalste, freisinnigste, sozialistischste oder demokratischste Partei keinen ihrer jüdischen Anhänger in einem halbwegs erfolgverheißenden Wahlkreis aufstellen. Dies wäre an sich kein Unglück; denn die wirklichen Interessen der Juden und des Judentums werden, wie wir hoffen, von den Delegierten jener Wahlkreise in Niederösterreich, Galizien und der Bukowina, in welchen die Juden die Majorität haben, weit besser und ehrlicher verfochten werden, als es auch beim besten Willen von Abgeordneten geschehen kann, welche von Nichtjuden auf ein ihren Wünschen und Bedürfnissen angepaßtes Programm hin gewählt worden sind. Dagegen liegt eine Gefahr darin, daß wir in einigen Wahlkreisen bis zu einem gewissen Grad ausschlaggebend, das Zünglein an der Wage werden können. Die unterliegende Partei wird zweifellos — das läßt sich jetzt bereits voraussehen — die Juden für ihre Niederlage verantwortlich machen und mit antisemitischer Propaganda, insbesondere auf wirtschaftlichem Gebiete, antworten. Insbesondere dort, wo ein Sozialist und ein Kandidat der geeinigten Bürgerparteien kämpfen, wird dies zutreffen. Dann wird es wohl allen Juden klar sein, von welchem ungeheuren Nutzen die von uns Zionisten angestrebte eigene jüdische Kurie gewesen wäre; wir hätten sowohl eine viel größere Anzahl sicherer jüdischer Mandate als auch gleichzeitig unser Fernbleiben von der allgemeinen Wahl erlangt, welche für eine „geborene Minorität" immer ein Danaergeschenk bleiben wird. Allein wenn wir die Schaffung einer jüdischen Kurie auch nicht erreicht haben, wenigstens hatte diese unsere Propaganda den Erfolg, daß durch sie ca. 10 Wahlkreise mit jüdischer Majorität konstruiert worden sind, und wenn wir alle unsere Pflicht tun, dann werden — zum erstenmal seit unvordenklicher Zeit — Juden als Vertreter ihres Volkes an der Gesetzgebung eines Landes wieder teilnehmen können. Am 25. März hielt die Volksvorschußkasse in Prag ihre diesjährige Generalversammlung ab. Wenige Institutionen entsprechen so völlig dem Geiste des Zionismus, und wohl kaum eine hat eine soiche glänzende Entwicklung genommen, wie diese im Jahre 1900 von den böhmischen Zionisten mit wenigen hundert Kronen begründete. Jene Männer, welche vor 6 Jahren daran gingen, die Volksvorschußkasse ins Leben zu rufen, waren von dem Gedanken geleitet, dem kleinen Manne — w-ir möchten fast sagen, auch dem kleinsten Manne — relativ billiges Geld für seinen Geschäftsbetrieb, wo es Not tut auch für seinen Lebensunterhalt oder zur Linderung plötzlicher Unglücksfälle, zur Verfügung zu stellen, event. Schiftbrüchigen bei Gründung einer neuen Existenz tatkräftig an die Hand zu gehen. Weiters war für sie maßgebend, daß der Jude, insbesondere der arme Jude, bei den meisten Instituten verschlossene Türen findet. Wohl stehen gerade ihm weit mehr Wohltätigkeitsvereine zur Verfügung, doch ist ihm in den meisten Fällen mit einem Almosen nicht gedient; wir glauben weit wohltätiger zu wirken, indem wir unseren, ob nun verschuldet oder unverschuldet, existenzlos gewordenen Brüdern die Mittel leihen, um ein neues Leben zu beginnen. Diese Aufgabe hat die Volksvorschußkasse während der sechs Jahre ihres Bestandes nach Maßgabe ihrer Mittel erfüllt. Die leitenden Männer haben es verstanden, sich das Vertrauen weitester Kreise zu verdienen. Sowohl die Mitglieder des Ausschusses als auch die Revisoren und Zensoren des Instituts, die demselben ihre gewiß kostbare Zeit widmen, haben bisher stets auf die ihnen statutenmäßig zustehenden Tantiemen verzichtet. Auch ein indirekter Nutzen ist für sie nicht möglich, da es nach den Statuten ausgeschlossen ist, daß den Funktionären der Genossenschaft irgendwelcher Kredit eingeräumt wird. Die Entwicklung der Volksvorschußkasse zeigt folgende Übersicht: für die Jahre 1900 1905 1906 Mitgliederzahl . . . : Wechselzahl . . . ■ 379 271 889 2395 1024 3018 ■ " ." r : K h K h K h ■ Anteile......: 29 300 — 106 800 — \ 134 680 __ Kreditumsatz . 168 922 92 I 1 345 688 16! 2 062 339 71 Darlehenstand 123 454,18 509 229 53 781 632 21 Reservefonds . . . ] ■ — 20 145 65 . i 26 641 08 Gewinn . . . . . j 1 160 12 3 972 — 7 525 97 Geldrevirement . . j 704 622 52 8 762 047170 10 567 353 (92 Die Geldeinlagen sind ebenfalls sehr stark gestiegen — im Jahre 1905 um 90 °/o, 1906 um ^weitere 20 ° o; sie betragen jetzt nahe an 400 000 Kronen und werden von der Volksvorschußkasse mit 43 4 Vo (früher mit 4'/* ° <>) verzinst. Auf die Anteile könnte