Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-04-12 · 15 (12.4.1907) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316258--49174-3344127
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

no. 15 — die: die formelle Zusicherung, daß alle Einwohner Rumäniens, gleichviel welcher Konfession oder Nationalität, gleichmäßig geschützt werden würden. Man darf hoffen, daß die akute Krisis in Rumänien jetzt vorüber ist; die wirtschaftlichen Wunden, die die Unruhen geschlagen, sind aber sehr schwere, und man kann sich darüber nicht täuschen, daß es noch langer Anstrengungen bedürfen wird, bis unsere Brüder in Rumänien sich die staatsbürgerliche Gleichstellung errungen haben werden. Aus Bogopol, einer Stadt, die bei den russischen Pogromen im Oktober 1905 am schwersten gelitten hat, sind dem Hilfsverein der Deutschen Juden für die Geschädigten in Rumänien 800 Rubel übersandt worden. Diese Geldsendung aus der selbst so hart betroffenen Stadt, und der Brief, der sie begleitet, sind ein rührendes und trostreiches Zeichen des jüdischen Solidaritätsgefühls. Der Brief lautet folgendermaßen: Bogopol, 2. April 1907. An den Hilfsverein der Deutschen Juden, Berlin. Hochgeehrte Herren! Noch nicht lange ist unser Komitee zur Unterstützung der vom Pogrom betroffenen Juden in Bogopol fertig mit seiner Arbeit, und schon mußten wir wieder ein neues Hilfskomitee gründen für unsere unglücklichen Brüder in Rumänien. So ist die Ironie des Schicksals. Wir senden dem hochgeehrten Hilfsverein unseren tiefsten und herzlichsten Dank für seine Initiative zur Rettung unserer Brüder vor Hunger und Kälte. Unser zerstörtes Städtchen schickt seine kleine Gabe durch euren Hilfsverein für die unglücklichen Brüder in Rumänien. Vorerst schicken wir 800 (achthundert) Rubel. Was wir noch sammeln können, werden wir sofort übersenden. Mit größter Hochachtung (Unterschriften.) Eine Wiener Protestversammlung gegen die rumänischen Exzesse Der Jüdische Nationalverein in Wien veranstaltete am 28. März im „Hotel Continental" eine Volksversammlung, welche von mehr als 1200 Personen besucht war und sich zu einer imposanten Protestkundgebung gegen die an deii rumänischen Juden verübten Exzesse gestaltete. Die Versammlung war von Anhängern aller Parteien besucht und nahm einstimmig eine Resolution an, welche die Beratung der Judenfrage auf der Haager Friedenskonferenz fordert. Der Vorsitzende, Dr. Isidor Marguli es, begrüßte die Versammlung, besonders den gewesenen Abgeordneten Dr. Kronawetter, als den alten Vorkämpfer gegen alle Unterdrückung. Als erster Referent sprach Herr Luzian Brunner: Die Juden dürfen solchen Exzessen nicht in der Rolle von ratlosen Klageweibern gegenüberstehen, sondern die richtigen Schlüsse aus den traurigen Ereignissen ziehen. An und für sich sei die Bewegung in Rumänien begreiflich, weil der Antisemitismus seit Jahrzehnten dort systematisch gezüchtet worden sei, und zwar von den Bojaren, die nun am eigenen Leibe verspüren, wessen eine aufgehetzte Volksmasse fähig sei. Der christliche Staat Rumänien, der so gerne mit seiner Zivilisation prunkt., könnte an Humanität sogar von den Türken sehr viel lernen. Wo sind dem Wortbruch dieses Staates gegenüber die Parlamente und Regierungen, die von ihm die Erfüllung seiner Verpflichtungen verlangen? Wo sind die freiheitlichen Parteien, die für d e armen rumänischen Juden ihr Wort erheben? Die Reichsratskandidaten freiheitlicher Richtung müßten verpflichtet werden, die staatsbürgerliche Stellung der rumänischen Juden zum Gegenstände einer energischen parlamentarischen Aktion zu machen und auf die österreichische Regierung in diesem Sinne einzuwirken. Ein einfacher Protest genüge nicht, es müsse in allen Ländern eine umfassende Agitation eingeleitet werden, damit dem Unrecht in Rumänien, das eine Schande für Europa ist, endlich ein Ende gesetzt werde. (Lebhafter Beifall). Der zweite Referent Dr. Isidor Schalit verlangt neben der Selbsthilfe, zu der die Juden durch systematische Regelung der Judenemigration greifen müssen, eine diplomatische Intervention zur Respektierung der Beschlüsse des Berliner Kongresses. Die europäischen Kulturvölker haben aus Gründen höherer Staatsraison sich über die kulturwidrigen Verhältnisse in Rumänien hinweggesetzt. Die Judenexzesse sind angeblich eine Folge des Landwuchers — aber für wen laden die paar jüdischen Pächter den Haß der großen Masse auf sich? Die Edlen und Vornehmen der p[ELT — - 7 Nation, die Bojaren, wollen ihren Boden nicht direkt an den Kleinbauern verpachten, weil ihnen d:eses Erträgnis zu gering wäre. Sie sind die Hauptschuldigen. Die armen und ärmsten Juden büßen die ganze Schuld der Bojaren und die ökonomische Position der jüdischen Pächter. Redner bespricht die Frage der Judenwanüerung, die ungeheuere Summen jährlich verschlinge. Aber nicht nur alle Juden müßten die Judenfrage durch Schaffung einer Heimstätte lösen helfen, der Judenhaß sei eine Geißel für Europa und gefährde die kulturelle Entwicklung. Österreich in erster Linie habe das lebhafteste Interesse daran, den Brand in Rumänien sobald als möglich zu löschen. Dr. Schalit beantragte am Schlüsse seiner mit minutenlangem Beifall aufgenommenen leidenschaftlichen Rede folgende Resolution: „Die am 28. März im Hotel Continental tagende Versammlung jüdischer Bürger spricht ihre tiefste Entrüstung über die schändlichen Judenexzesse in Rumänien aus. Sie gibt ihrer Überzeugung Ausdruck, daß die Judenfrage, wie sie sich nunmehr darstellt, nicht mehr eine Frage der Juden allein, sondern eine Frage Europas und der ganzen gesitteten Menschheit ist und von Europa selbst behandelt werden müsse. Die Versammlung appelliert an alle guten und modernen Menschen, welcher Nation und welchen Glaubens sie auch sein mögen, mitzuhelfen, um die Judenfrage im Sinne der Menschlichkeit und Zweckmäßigkeit zu lösen. Die Versammlung richtet an alle europäischen Regierungen, namentlich an die österreichische Regierung, den Appell, dahin zu wirken, daß Rumänien zur-Erfüllung der Art. 43 und 44 des Berliner Vertrages gezwungen werde, und alle jene Bemühungen zu unterstützen, die gegenwärtig im Gange sind, um die Judenfrage auf die Tagesordnung der nächsten Haager Friedenskonferenz zu setzen. Dr. Natan Birnbaum: Unser Protest muß sich zunächst gegen die rumänische Regierung richten. Die Regierungskreise sind dort aus zwei Schichten zusammengesetzt; aus den Bojaren — ein Wort, das keinen Kommentar braucht, denn es bezeichnet in der Literatur aller Völker die berüchtigtste, leichtsinnigste Adelskaste der Welt — und aus den „Bildungsabenteurern", welche den rumänischen Staat für ihre Zwecke ausbeuten und sich als die Pächter des reinen Rumänentums gebärden. Solche Proteste können nur nutzen, wenn sie durch positives Verhalten der Juden Nachdruck erhalten. Die geheime Stärke unserer Feinde liegt nicht so sehr in ihrer numerischen Übermacht, als in unserer merkwürdigen Bescheidenheit als Volk, wreil wir den psychologischen Wert nationaler Unbescheidenheit, mit der sich auch kleinere Völker eine relativ geachtete Stellung erobert haben, nicht gelernt haben. Die jüdischen Fragen müssen nur vom streng nationalen Standpunkt betrachtet werden, weil in der nationalen Frage unser Sein oder Nichtsein entschieden wrird. (Stürmischer Beifall). Es sprachen noch die Gg. Natan Groß und Kaplan-Kaplanski. Protestversammluog in Czernowitz Aus Anlaß der rumänischen Unruhen fand Samstag den 23. März d. J. im Rathaussaale in Czernowitz eine vom zionistischen Distriktskomitee einberufene Volksversammlung statt, welche unter enormer „Beteiligung sämtlicher Kreise abgehalten wurde. Der Vorsitzende1 Redakteur Max Wender forderte die Versammlung zum maßvollen und würdigen Verhalten auf und erteilte dem Referenten Herrn Löbel Taubes das Wort. Derselbe ging von den bewegten Eindrücken aus, die er selbst im Grenzstädtchen Itzkani, dem Asyl der Flüchtlinge, empfangen hatte und wußte an einer Reihe von Vorfällen die passive Assistenz der Behörden, das zweideutige Verhalten des Militärs nachzuweisen. Rumänien habe die im Berliner Vertrage überschriebenen Verpflichtungen nicht erfüllt und will sie nicht erfüllen, die Unruhen sind antisemitische und nicht agrarische. Der zweite Referent Dr. Max Diamant führte aus, daß die herrschenden Kreise in Rumänien wiederholt Judenplünderungen inszenierten, um irgend einen „patriotischen Zweck" zu erfüllen. Sei es, um ein Ministerium zu stürzen und selbst ans Ruder zu kommen, sei es, um irgend einem privaten Bedürfnisse zum Erfolge zu verhelfen. Ein ähnliches bezwecken die momentanen „Agrarunruhen". Dieselben sind ein Beutezug der Bojaren gegen ihre Pächter, die ihnen die Pachtschillinge für Jahre hinaus bezahlt haben und welche sie nun los sein möchten. Der Bauernschaft wolle man hierbei gar nicht helfen, sondern nur zugleich auch eine Sklavenfessel, die eine verfehlte Bauernbefreiung um die Bauernschaft geschlungen, neuerlich zu binden. Schließlich beantragte der Referent eine Resolution, die wir am Schlüsse bringen und welche einhellig angenommen wurde. Hierauf ergriff der Obmann des Distriktskoniitees, Herr Sigmund Weisglaß, das Wort und sprach in markanten und von der Versammlung mit Leiern Beifall aufgenommenen Worten der österreichischen Regierung für ihr humanes Entgegenkommen gegenüber den unglücklichen jüdischen Flüchtlingen den Dank aus, indem er namentlich die hervorragende Anteilnahme des Herrn Landes-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.