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Die Welt · 1907-04-12 · 15 (12.4.1907) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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genug des grauenhaften Elends, das die Folge der Pogrome ist, — jetzt werden den armen verhetzten Juden die letzten Aussichten benommen, sich jemals von den fürchterlichen Schlägen erholen zu können. Denen, die ihr bischen Hab und Gut im Stiche tessend, nach der Distriktshauptstadt geflüchtet sind, wird verboten, zu der Stätte zurückzukehren, wo sie geboren und aufgewachsen sind. Und diejenigen, die noch zurückgeblieben sind, werden unbarmherzig verjagt, weggetrieben von ihrem Herd, und gezwungen, zum Wanderstab zu greifen. Das Elend ist furchtbar und greift verheerend um sich. Die Distriktshauptstädte sind überfüllt mit Flüchtlingen, die kaum ernährt werden können, da auch die Stadtbevölkerung finanziell völlig vernichtet ist. Und dabei sind die Aussichten auf Hilfe sehr gering. Die zionistische Bewegung im Lande ist vollkommen brachgelegt. Es wagt niemand, sich zu rühren, jeder befürchtet, er könnte bei der geringsten Äußerung — da doch die Juden vogelfrei sind — ausgewiesen werden. Das Denunziantentum blüht. Die jüdische Zeitung „Egalitatea" unseres mutigen und tätigen Gesinnungsgenossen M. Schwarzfeid ist beim Erscheinen konfisziert worden. So stehen wir hilf- und ratlos da. Wird von außen Hilfe kommen? . . Welche blutige Ironie im menschlichen Schicksal liegt! Voriges Jahr um diese Zeit war Jassy überschwemmt von Flüchtlingen aus Kischinew, die vor den Pogromen geflohen waren. Und dieses Jahr haben sich viele jüdische Familien aus Jassy und anderen Städten der Moldau nach Kischinew geflüchtet. Ben Z i o n. An unseren Redakteur ist folgender Privatbrief gelangt: Nigreschti (Iudetul Waslui), 2. April 1907. . . . Ich bin nunmehr schon seit sieben Tagen in der Moldau. Ich kam von Odessa nach Jassy, von hier nach dem fürchterlich heimgesuchten Städtchen Podul-Iloie, von hier nach dem Distrikte und der Stadt Botuschani, hierauf nach dem Ort des Schreckens Butschetschi und von da wieder über Jassy nach Nigreschti, wo ich diese Zeilen schreibe. Teuerer Freund! Was ich da gesehen habe, das ganze grausige Elend, ist unbeschreiblich. Alles, was ich vorläufig zusammenfassend sagen kann, ist dies: Wir haben jetzt in Rumänien kein jüdisches Volk mehr — es gibt bloß Zehntausende von jüdischen Bettlern im buchstäblichen Sinne des Wortes. Die weißbehandschuhten Korrespondenten der großen europäischen Tageszeitungen, die nach Rumänien eilten, um aus dem jüdischen Unglück Zeilen zu schinden und ein Extraprofitchen herauszuschlagen, haben es vorgezogen, von den prächtigen Zimmern der Bukarester Gasthöfe aus die schauerliche Verwüstung und den Ruin Tausender blühender Existenzen zu konstatieren. Sie gingen nicht in die kleinen Städtchen und Flecken hinaus, wo Millionen vom jüdischen Vermögen zunichte gemacht, hilflose Greise totgeprügelt, Frauen und halbwüchsige Mädchen geschändet wurden. Nie in meinem Leben werde ich diese starren, totenblassen Gesichter, in denen die Tage des Entsetzens unverkennbare Spuren zurückgelassen haben, nie die heftigen Wehklagen und das krampfhafte, stoßweise Schluchzen vergessen können, die aus dem Innern dieser Unglücklichen bei der leisesten Rückerinnerung immer von neuem erschütternd hervorbrechen. . . Doch ich will das Namenlose nicht durch nichtssagende Worte zu beschreiben suchen. Anstatt dessen möchte ich einiges über den materiellen Schaden mitteilen, den unsere Brüder infolge der Progrome erlitten haben. Eine auch nur annähernd genaue Ziffer des Schadens an barem Gelde, Pretiosen und Hausrat läßt sich noch nicht feststellen. Nach ungefährer Berechnung wurden den Juden in der Moldau mindestens 1000000 Frcs. an barem Gelde geraubt; an goldenen und silbernen Schmuckgegenständen sicherlich unvergleichlich mehr. Die Gesamtsumme des Schadens, den die Juden in der Moldau erlitten haben, dürfte sich auf fünfzig Millionen belaufen. In dem verwüsteten kleinen Orte Butschetschi allein beträgt der Materialschaden nicht weniger als 250,000 Frcs., in Nigreschti ungefähr ebensoviel. Es gibt ganze Ortschaften, wie z. B. Burduscheni, wo den Juden auch nicht ein einziger Bani geblieben ist. Wenn diesen Unglücklichen nicht unverzüglich ausgiebige Hilfe gebracht wird, so droht ganzen Massen der Hungertod. Es tut also dringend not, daß die Hilfsaktion in Europa diesmal schneller als sonst von statten gehe und die Hilfsgelder sofort zur Verteilung gelangen. Denn die Not ist grenzenlos. . . . Der Hilfsverein der Deutschen Juden sendet uns folgendes Communiqu6: Nachdem für die dringendste augenblickliche Not der durch die Unruhen in Rumänien Geschädigten gesorgt ist, erwächst den jüdischen Organisationen jetzt die Aufgabe, die weitere umfassende Hilfstätigkeit, die zur Wiederaufrichtung der vernichteten Existenzen notwendig ist, planvoll und zweckentsprechend durchzuführen. Als die Gefahr ersichtlich wurde, daß sich das Hilfswerk zersplittere, begab sich Herr Dr. Paul Nathan vom Hilfsverein der Deutschen Juden nach Bukarest, um für die notwendige Einheitlichkeit, durch die allein ausreichend, zweckmäßig und gerecht für die Geschädigten gesorgt werden konnte, zu wirken. Es wurde in Bukarest ein Komitee gebildet, das aus den einflußreichsten rumänischen Juden besteht und dem auch der Vertreter der „Jca", Herr Astruc, die Genehmigung aus Paris vorausgesetzt, angehören wird. Herr Astruc wohnte der konstituierenden Sitzung bei. An der Spitze des Komitees steht Herr Oberrabbiner Dr. Beck (Bukarest). Durch die Bildung des rumänischen Komitees sind für die Arbeiten in Rumänien selbst die notwendigen Voraussetzungen geschaffen. Das Komitee wird ferner dafür sorgen, daß auch unsere wohlhabenden Glaubensgenossen in Rumänien selbst opferwillig sich mit ihren Arbeitskräften und ihren finanziellen Mitteln an dem Hilfswerk beteiligen. Das Komitee in Bukarest sendet nach allen geschädigten Orten Emissäre, durch die nach genau festgesetzten Modalitäten die Abschätzung des Schadens vorzunehmen ist. Trotz der größten Beschleunigung wird diese Arbeit vor Ablauf von einigen Wochen sich nicht erledigen lassen. Auf der Rückreise von Bukarest hatte Dr. Nathan eingehende Besprechungen mit den leitenden Persönlichkeiten der „Israelitischen Allianz" in Wien, die sich mit den Vereinbarungen in Bukarest einverstanden erklärten. Der Verkehr des Komitees in Bukarest mit den einzelnen jüdischen Organisationen im Auslande vollzieht sich durch die Wiener Allianz. Dort laufen die Nachrichten zusammen, die dann an alle übrigen Organisationen weiter gegeben werden, und von dort werden die Vorschläge übermittelt, über deren Annahme nach Einvernehmen mit den anderen Korporationen entschieden wird. Die Wiener Allianz wird außerdem direkt die Vermittlung mit jenen geschädigten Ortschaften übernehmen, die unmittelbar an der österreichisch-ungarischen Grenze liegen. Die Wiener Allianz, die sich sofort der Unglücklichen in Rumänien auf das hilfsreichste angenommen hat, ist zweifellos auch aus geographischen Gründen vor allem berufen, jene Instanz zu bilden, die als Bindeglied zwischen den Organisationen des Westens und Rumänien zu fungieren hat Was die Lage in Rumänien anlangt, so ist jetzt daselbst nach den Nachrichten, die Dr. Nathan überbracht hat, die Ruhe zurückgekehrt. Wenn auch die Situation ihren ernsten Charakter noch nicht ganz verloren hat, so ist sie doch im -Augenblick für unsere rumänischen Glaubensgenossen nicht wesentlich bedrohlicher, als für die anderen Einwohner des Landes. Sämtliche nach der Bukowina geflüchteten Juden sind denn auch bereits repatriiert worden. Die ersten Unruhen, die in der Moldau ausbrachen, trugen einen rein antisemitischen Charakter, und die Behörden verhielten sich inbezug auf die Unterdrückung dieser Exzesse zunächst passiv. Als aber auch die Walachei von den Unruhen ergriffen wurde, und diese Unruhen sich vornehmlich gegen die Großgrundbesitzer kehrten, wurden energische Maßregeln getroffen, um sowohl in der Moldau wie in der Walachei die Aufstände niederzuschlagen. Sehr prekär ist immer noch die Lage derjenigen Juden, die vor der Wut der verhetzten Bauern aus den Dörfern in die rumänischen Städte geflohen sind. Es wird die Aufgabe der rumänischen Regierung sein, diesen Flüchtlingen die Rückkehr in ihre Wohnstätten mit tunlicher Beschleunigung zu ermöglichen. Wenn es gelingt, diese in die St dte Geflohenen in ihre Wohnsitze auf das Land zurückzubringen, um sie wieder ihren früheren Berufen zuzuführen so ist es möglich, daß eine starke Auswanderung hintangehalten wird. Als Zeichen des guten Willens der jetzigen rumänischen Regierung wäre es zu betrachten, wenn sie die Rückkehr der von den Dörfern Verjagten schnell und energisch in die Wege leitete. In mannigfachen Unterredungen mit hervorragenden Politikern, so mit dem Ministerpräsidenten Sturdza und dem Minister des Innern Bratiano, hat Herr Dr. Paul Nathan für eine Besserung der Lage unserer rumänischen Glaubensgenossen zu wirken sich bemüht. Von dem Minister des Innern, Herrn Bratiano, erhielt er

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