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Die Welt · 1907-04-12 · 15 (12.4.1907) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Berichte unseres Korrespondenten Bukarest, 1. April 1907. Noch tobt der Aufruhr in der Walachei, wo die Bauein durch das unmenschliche Ausbeutungssystem der Grundbesitzer und der rumänischen und griechischen Pächter (denn jüdische sind nur im oberen Teile der Moldau) zum äußersten getrieben, in blinder Wut alles zerstören, Gutshöfe demolieren und niederbrennen, die Besitzer, deren Beamten- und Dienerschaft töten und sich auch an dem zur Unterdrückung der Erneute ausgesandten Militär tätlich vergreifen. Drakonisch sind die Maßregeln, die von der Regierung jetzt getroffen werden. Täglich werden unzählige Bauern niedergeschossen und ganze Dörfer dem Erdboden gleich gemacht. Denn es gilt ja jetzt die Habe der herrschenden Großgrundbesitzerkaste zu beschützen, es handelt sich ja nicht mehr um das Leben Tausender jüdischer Familien. Die Minister, selbst ausnahmslos Großgrundbesitzer, wissen jetzt vorzügliche Maßregeln zu ersinnen, um sich zu schützen; als aber eine von Juden bewohnte Stadt nach der anderen zerstört und ausgeplündert wurde, hatte das Militär Befehl, auch nicht einen Schuß abzugeben. Die verschmitzten rumänischen Politiker hofften, indem sie sich den Judenausschreitungen gegenüber passiv verhielten, oder ihnen unter der Hand sogar Vorschub leisteten, die Agrarbewegung der Bauern von ihrem eigentlichen Ziele ablenken zu können. Sie sahen daher seelenruhig zu, daß rumänische Studenten sich an die Spitze der Bauernhaufen stellten, und diese von einem Städtchen zum andern führten, um die Juden auszurauben und sie nachher zu verjagen. Die Herren Politiker dachten, die Bauern würden ihr Mütchen am jüdischen Blute kühlen und dann ruhig heimkehren. Aber sie hatten sich gewaltig verrechnet, und nun, da es gegen sie selbst geht, lassen sie täglich Batterien auffahren, so daß in den letzten 5—6 Tagen hunderte von Bauern (man spricht sogar von 4000) erschossen wurden. — Wäre zu Beginn der Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung auch nur e i n Schuß gefallen, so würde alles Unheil verhütet worden sein. Aber es handelte sich ja bloß um Juden, und schließlich mußte man doch auch den hungernden, ausgesaugten Bauern einen Sündenbock stellen. . . . Im Distrikte Dorohoi drang ein Haufe von mehreren hundert Bauern in das Haus des jüdischen Pächters Stern ein. Ein Bauer stach ihm die Heugabel durch die Wange, und da, in der höchsten Verzweiflung, feuerte sein alter Vater — ein Mann von 80 Jahren — einen Revolverschuß ab und verwundete einen Bauern. Jetzt erst erschien Militär und kam auch der Staatsanwalt, der den alten Mann verhaften ließ. Derselbe schmachtet, trotz aller Berufungen, bereits die dritte Woche im Kerker. Im Dorfe Alexandria wurde dem jüdischen Pächter das Haus über dem Kopfe augezündet, und als er zu entfliehen versuchte, wurde er in die Flammen geworfen. . . . Ebenda wurde der Schächter der Gemeinde in der rohesten Weise verstümmelt. In Podul [ 1 oie gingen die Soldaten vergnügt hinter den plündernden Bauern einher, und selbst die Unteroffiziere füllten sich die Taschen mit dem geraubten jüdischen Gute. Im Flecken Cotnari wurde die einzige dort lebende jüdische Familie, bestehend aus Vater, Mutter und Tochter, entsetzlich malträtiert. Sie wurden alle nackt im Dorfe um hergetrieben, nachher wurden Frau und Tochter vor den Augen des Mannes geschändet und letzterer darauf erschlagen. . . . Viele solcher grausigen Einzelheiten gibt es. Die Schandtaten sind einfach unbeschreiblich. Ich gehe darum zu anderen Mitteilungen über: Was den Juden, besonders den Zionisten im ersten Stadium der Gefahr zu tun oblag, war: rasche Organisierung von Selbstschutz und schnelle Bekanntmachung der Vorgänge im Ausland.!; Letzteres war schwierig, da die Regierung eine Zensur eingerichtet hatte, welche kein Telegramm und kein Schreiben an die ausländischen Zeitungen passieren ließ. Erst 5 oder 6 Tage nach Beginn der Ausschreitungen erhielt die auswärtige Presse Nachricht durch Vermittlung der nach Österreich geflüchteten Juden aus den völlig zerstörten Grenzstädtchen. Unterzeichneter, der sich gleich zu Anfang nach Jassy, dem Zentrum des Aufstandrayons begeben hatte, ließ durch Bekannte in Wien, Berlin und Frankfurt den dortigen Zeitungen Nachrichten zugehen, worauf erst die betreffenden Korrespondenten mit ihren Mitteilungen einsetzten. . . Selbstschutz wurde in Podul 11 oie, das den ersten Anprall zu erleiden hatte, von den tüchtigen Zionisten Magder und Salomon organisiert. In Stefanesti ließ die dortige Zionistische Verbindung Waffen an ihre Mitglieder verteilen, und so konnte ein Anschlag der Bauern glücklich zurückgewiesen werden. In Moinesti war der Poale-Zionist Leventer tätig. — In Jassy, das von allen Seiten belagert wurde, herrschte schreckliche Panik, und der Appell des Unterzeichneten an die jüdischen Studenten, an der Organisierung von Selbstschutzgarden mitzuwirken, blieb leider erfolglos. Unterzeichneter organisierte in 2 Tagen in den bedrohtesten Stadtteilen über 2000 Mann. Gute Hilfe fand ich dabei bei Herrn Dr. O. Nacht. — Die Folgen der Exzesse sind schrecklich. Ein unbeschreibliches Elend herrscht in den zugrunde gerichteten Ortschaften. Wohlhabende Kailfleute leben heute von Almosen, die noch sehr spärlich fließen. Tausende von Familien sind in die größeren Städte wie Jassy, Dorohoi, Roman usw. geflüchtet. Sie feiern das Pessachfest, wie man es wohl zur Zeit der spanischen Inquisition gefeiert hat. Die größten Kaufhäuser sind völlig zugrunde gerichtet, da ihr ganzes Kapital eben in den kleinen Ortschaften verteilt war. Ein allgemeiner finanzieller Zusammenbruch wird leider mit Bestimmtheit erwartet, Bukarest, 7. April 1907. Nachdem die Kanonen gesprochen haben, unzählige Dörfer zur Strafe dem Erdboden gleichgemacht und mehrere Tausend Bauern auf unmenschlichste Weise getötet worden sind, und jetzt, wo die Gefängnisse und Militärkasernen überfüllt sind von weiteren 6—8000 gefangenen Bauern, verkündet die siegesfreudige, blutrünstige Regierung durch ihre erkaufte Presse, „daß die Ruhe im Lande wiederhergestellt sei." Auch jetzt noch, da der berechtigte Sturm der Empörung mit so heftiger Wut über das ganze Land dahingezogen ist, sind die rumänischen Regierungsleute blind, sie wollen nicht sehen, daß das Feuer weiter brennt, daß die intensive Glut nur von der Asche der durch die Kanonen in Brand gesteckten Dörfer bedeckt ist und daß jeden Moment die kaum niedergehaltenen Flammen m i t e 1 e m e ntarer Wut wieder hervorbrechen können. Anfangs glaubten sie, diese mächtig wachsende Agrarbewegung der entrechteten Bauern im Judenblute ersticken zu können, Sie sahen daher mit Wohlgefallen zu, daß die antisemitische Hetzpropaganda der unter ihren direkten Befehlen handelnden Dorfschullehrer und Geistlichen auf fruchtbaren Boden fiel. Ja, selbst damals, in den Momenten der äußersten Gefahr, wo die zu Bestien gewordenen Bauern mordend und sengend gegen die Großgrundbesitzer und die Hauptstadt vordrangen, hatten die rumänischen macchiavellischen Politiker die Stirn, ihnen suggerieren zu wollen, daß nur die Juden an ihrem Elend Schuld trügen, und sie versprachen ihnen mittels königlichen Manifestes, den Juden für die Zukunft das Pachten von Ländereien zu verbieten, die in den Dörfern ansässige jüdische Bevölkerung sofort auszutreiben und den Grundbesitzern für die Zukunft die Anstellung von jüdischen Verwaltungsbeamten auf ihren Gütern zu untersagen. Wenn nun dieser Kunstgriff in der Moldau auch wirkte, — in der Walachei, wo es keine jüdischen Pächter und keine jüdische Dorfbevölkerung gibt, verfing er nicht. Hier mußte einfach die Bewegung in Blut erstickt werden. Und das ist in überreichem Maße geschehen. Die drakonischesten Maßregeln sind ergriffen worden, und in barbarischer Weise werden die gefangenen Bauern gezüchtigt, gefoltert. . . Und die Regierung hält auch Wort mit ihren Versprechungen bezüglich der Juden, ja sie zeigt dabei sogar fieberhafte Eile. Nicht

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