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Die Welt · 1907-04-12 · 15 (12.4.1907) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Rumänien, sondern alle vertragschließenden Mächte, die nicht auf der Einhaltung jener Verträge zu bestehen die nötige Entschlossenheit zeigen. Auch aus Armenien kamen kürzlich wieder Nachrichten von Verfolgungen und verübten Barbareien in Müsch und anderen Orten, und auch da beeilten sich die offiziellen Stimmen, zu verkünden: „Es ist arg übertrieben!" Wie wäfs, wenn zum Beispiel einem Arbeiter drei Finger von der rechten Hand abgehackt werden, dann aber das Gerücht sich verbreitet, er habe vier Finger verloren, — könnte man ihm deshalb das Mitleid für sein Schicksal und die Entschädigung für seine Erwerbsunfähigkeit verweigern, weil das Gerücht übertrieben war? Daß die „Atrocities" geschehen, das ist das Entsetzliche, das Mehr oder Weniger ist irrelevant. Schläfern wir unser Gewissen nur niemals ein mit dem beliebten, ebenso belanglosen als unaufrichtigen Schlagwort. Jetzt wird in Rumänien an der Pazifizierung gearbeitet, und Agrarreformen sollen eingeführt werden. Man gibt zu, daß die Bauern das Recht zu klagen hatten, und will ihr Los verbessern. Das ist billig und klug; doch scheint man die ganze Angelegenheit nur von der agrarischen Seite behandeln zu wollen; denn von der Änderung der Rechtsstellung der Juden, von der ganzen Erscheinung des ausgebrochenen Pogroms und der notwendigen Verhütung einer Wiederholung wurde nichts verlautbart. „Nicht antisemitisch", dieses Schlagwort wird festgehalten; „die Juden verfielen der Volkswut nur in ihrer Eigenschaft als Pächter, nicht als Juden", heißt es. Vergißt man, daß die revoltierenden ( von gewisser Seite, vielleicht von unterschiedlichen ausländischen Kruschewans gehetzten) Bauern und mit ihnen der Städtemob nicht nur die jüdischen Pächter angegriffen haben, sondern die jüdischen Kleinkrämer, Handwerker und Kaufleute, kurz alle, die kein Heiligenbild an ihren Fenstern hatten? Die Judenfrage hat mitgespielt, und will man Wandel schaffen, so muß sie in aller Offenheit und mit aller Entschlossenheit angepackt und gelöst werden, wie es gesitteten, gerechten und humanen Menschen geziemt, das heißt, durch Herstellung gesetzlich gewährleisteter Gleichstellung — und daraus folgender Gleichachtung — der jüdischen Bevölkerung überall. Daß es irgendwo in zivilisierten Ländern Menschen gibt, die erst weinend um ihre Menschenrechte flehen müssen, beweist, daß diese Länder — und damit sind etwa nicht ausschließlich Rußland und Rumänien gemeint — nicht voll zivilisiert, sondern mehr oder minder von mittelalterlicher Finsternis überschattet sind. In kurzem tritt im Haag eine Konferenz zusammen, die im Namen von 46 Staaten für das Wohl der Menschheit, für das Weiterschreiten der Kultur wirken soll. Das wäre eine herrliche Gelegenheit, die Frage der Rassenentrechtungen zur Sprache zu bringen und gemeinsam zu überwinden. Angesichts des schreienden Unrechtes und des grausamen Unheils, wie es in den letzten Pogromen sich geäußert, läßt sich die dringende Pflicht nicht abweisen, damit aufzuräumen, wenn man zusammenkommt, um für den Sieg des Rechtes und das Heil der Welt zu arbeiten. Freilich steht die Frage nicht auf dem Programm und kann daher nicht zur offiziellen Verhandlung gestellt werden; aber einige Delegierte könnten sich einigen, dieselbe an anderer Stelle zur Diskussion und Lösung zu bringen. Solcher Alp muß von unser Brust gewälzt werden; die Vorstellung, daß es in unserer Zeit noch möglich ist, daß wilde Horden auf wehrlose Unglückliche herfallen können, die nichts anderes verbrochen haben, als einem anderen Glauben und einem anderen Stamme anzugehören: diese Vorstellung mit den daran geknüpften Bildern der tiefsten Barbarei auf Seiten der Henker und der höchsten Verzweiflung auf seiten der Opfer, — die müssen wir endlich loswerden können, aber anders als durch die kalte, feigherzige Beschwichtigungsphrase: „Es ist übertrieben!" DIE EXZESSE IN RUMÄNIEN Jassy, März 1907. Aufruf Die ganze zivilisierte Menschheit steht unter dem Eindrucke der schauerlichen Ereignisse, welchen Tausende und Abertausende unschuldiger Juden der Moldau zum Opfer gefallen sind. In vielen Städten und Dörfern sind Existenzen vernichtet und Unglückliche, die ohnehin schwer den Kampf ums Dasein führten, ihrer letzten Habe beraubt worden. Kleine Kaufleute sind von ihren geplünderten Läden vertrieben, Handwerkern sind ihre Werkzeuge teils entwendet, teils vernichtet worden. Der Verzweiflungsruf der Obdachlosen, der Hungernden, Gemarterten und Geängstigten und nicht zuletzt der Deklassierten, — der vielen, die beim Gedanken erbeben, daß sie nicht mehr wie bisher ihre Familien werden ernähren können, sondern zum Bettelstabe greifen müssen, — dieser gellende Notschrei muß ein Echo in jeder fühlenden Menschenbrust finden. Die Träne des Mitleids muß sich in eine kräftige Tat umsetzen, wenn sie erlösend, schmerzlindernd und befreiend wirken soll. Vom Schauplatze des entsetzlichen Unglückes aus ergeht daher an alle Edelgesinnten, deren Herzen für Humanität und wahre Menschenliebe schlagen, die dringende Bitte, Sammlungen zu veranstalten und so rasch als möglich die einlaufenden Beträge an das gefertigte Hilfskomitee gelangen zu lassen, welches sich heute hierorts für den Kreis Jassy und die angrenzenden Bezirke konstituiert hat. M. Schnürer, Obmann des Hilfskomitees, Präsident der „Cultura"-Schulen; Dr. phil. l.Niemirower, Oberrabbiner; M. Gelber, Großindustrieller,Präsident des israelitischen Hospitals; Dr. K. Lippe, Arzt, Ehrenpräsident der zionistischen Föderation; M. Wachtel, Großindustrieller und Bankier, Kassierer desHilfskomitees, Präsident der, Junimea"- Schule; Dr. H. Burstin, Arzt, Präsident der B'nei Brith-Loge; H. Nelken, Exporteur, Vizepräsident der ,,Podul-Ros"-Schule; Dr. Ph. Blumenfeld, Arzt des israelitischen Hospitals; Ed. Löbel, Exporteur, Vizepräsident der „Cultura"-Schulen; Joseph D. Schnürer, Großkaufmann, Ehrenpräsident des Vereins der Handlungsangestellten; Isr. Blechman, Exporteur; Dr. A. Steuerman, Arzt und Schriftsteller, Sekretär des Hilfskomitees.

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