Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ME LT KÖLN AM RHEIN, UBIERRIN823 V/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XL JAHRG. KÖLN, 12. April 1907 pmb nW« JDU "ro No. 15. „ES IST STARK ÜBERTRIEBEN" Von BERTHA v. SUTTNER*) Das liebe beschwichtigende Schlagwort konnte man vor ungefähr vierzehn Tagen an allen Ecken und Enden hören. Gepriesen sei die zart-rücksichtsvolle, aller Störung und aller Aufrüttelung abholde Seele, die das „entrüstungswogenglättende Ölwörtlein" in Umlauf gesetzt hat. Da kam man beim Jour oder beim Diner oder in Geschäftsangelegenheiten zusammen, und die bei solchen Gelegenheiten unabweisliche Erwähnung der Tagesereignisse brachte natürlich auch die Vorgänge von Rumänien zur Sprache. Vor dem inneren Auge blitzte ein Ausschnitt losgelassener Hölle auf: plündernde, sengende, mordende, branntweintrunkene Horden; verjagte, fliehende, verzweifelnde Opfer; dazu die Niedertracht systematischer Pogromanstifterei . . . Man hätte vor Mitschmerz und Empörung aufschreien, sich in tiefster Seele schämen müssen, von solchen Dingen Zeitgenosse und — wer weiß, durch welche Unterlassungssünde — indirekter Mitschuldiger zu sein; aufraffen mußte man sich, handeln, helfen, vorbeugen, durch laute und kühne Proteste an hohen und höchsten Stellen für die Forderungen der geschändeten und gefährdeten Zivilisation sich einsetzen; alles recht unbequeme und peinliche, die ganze gewohnte Lebensroutine störende Gemütszustände und Entschließungen; da fällt das erlösende Wort: „Ist ja alles nicht so arg, — alles furchtbar übertrieben", und man atmet erleichtert auf. Jetzt kann man wieder von was anderem reden. Das besonders Unerquickliche, das dem Begriffe „Pogrom" anhaftet, das unleugbar Mittelalterliche und Wilde der Religions- und Rassenverfolgung, zehnfach widerwärtig, wenn noch die Anstiftung und Duldung der höheren Kreise oder gar der Behörden hinzukommt, dieser ganze unangenehme Ideenkomplex wurde anläßlich der rumänischen Vorkommnisse auch bald mit der Erklärung *) Es ist uns ein Vergnügen, vorstehenden Artikel des „N. W. Tgbl.", der der Feder der bekannten Vorkämpferin für die Friedensbewegung und warmen Freundin unserer Bewegung entstammt, unsern Lesern vermitteln zu können. In seiner energischen, freimütigen und zielerfassenden Behandlung des Problems erhebt sich dieser Artikel hoch über das Meiste, was die recht laue und flaue europäische Presse über die rumänischen Exzesse zu sagen wußte. Anm. d. Red. verscheucht, das seien ja gar keine antisemitischen Exzesse, sondern eine Agrarrevolte. Wieder atmet man auf: also nichts zum Schämen, nichts, wobei man durch seine Kommentare anwesende Juden verletzen oder anwesende Antisemiten beleidigen könnte, — ein Bauernaufstand, wie schon so viele in der Geschichte, — etwas sozusagen Elementares, für das niemand verantwortlich ist. Tatsache aber ist: Mit dem Pogrom hat es begonnen; gehetzt wurde auf die Juden; die Häuser, welche Kreuze oder Heiligenbilder an den Fenstern zeigten, blieben verschont, und in Massen, zu einer Jammerschar von Bettlern geworden, kampieren die rumänischen Juden jenseit der Grenze, angewiesen auf die Hilfsaktion internationaler Almosenspender. Gesetzlich gezüchtete Zurücksetzung und Verächtlichmachung, von außerrumänischen Antisemiten geschürt und genährt, hat aus den Juden Rumäniens den natürlichen Sündenbock gemacht, auf den die Wut der unwissenden Bauern sich vor allem ergoß — in der Überzeugung noch dazu, daß dies nichts Straffälliges sei. Wenn inmitten eines Landes eine Bevölkerungsschicht zu einer rechtlosen Klasse gestempelt wird, auf welche ungestraft Haß und Verleumdung gehäuft werden kann, so wird zu Zeiten der Hungers- und Seuchennot, zu Zeiten des Aufruhrs überhaupt zuerst auf jene hergefallen, die man für die Schuldigen hält, weil man sie schon seit jeher zu hassen gelernt. Haß ist überall die Saat, aus der die Ernte des Mordens und Sengens sprießt. Wenn die Furien einmal losgelassen sind, dann machen sie nicht Halt bei den ersten Opfern, dann wird, wie dies hier der Fall war, die antisemitische Brutalität zur „Agrarrevolution". Das Gesetz, welches in Rumänien die Juden zu „Fremden" stempelt, das hat den ersten Ausschreitungen der Aufständischen die „pogromische" Richtung gegeben. Es ist aber nicht nur an sich ein Anachronismus, dieses Gesetz, es ist ein Vertragsbruch. Es schlägt den Verpflichtungen ins Gesicht, die den Donauländern durch den Berliner Kongreß von 1878 auferlegt worden sind, — gerade so, wie die Behandlung der Armenier einen Vertragsbruch von seiten der Türkei darstellt. Schuldig sind aber da nicht nur Türkei und 2