Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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bruch judenfeindlicher Unruhen für die griechisch-orientalischen Osterfeiertage befürchtet, und daß daher zahlreiche Juden die bedrohten Gemeinden verlassen. Zur Verhütung von Exzessen wurden seitens der Landesregierung die umfassendsten Maßnahmen getroffen. Ein politischer Beamter wurde für die kritische Zeit nach Storonetz- Putilla exponiert; aus anderen Bezirken wurden 60 Gendarmen zur Verstärkung herangezogen. In der bedrohten Gegend befinden sich insgesamt 100 Mann Gendarmerie. Infolge dieser Maßnahmen ist die Bevölkerung wesentlich beruhigt. Bisher sind keinerlei Ausschreitungen vorgekommen, und es ist auch wahrscheinlich, daß die Osterfeiertage ruhig verlaufen werden. Aus Czernowitz wird ferner berichtet: Seit gestern ist eine wesentliche Besserung der Situation im Putillaer Bezirke zu verzeichnen. Da auf Grund der Telegramme des in den bedrohten Bezirk delegierten Regierimgskommissars Dr. Jech die Möglichkeit noch offen stand, daß Militärassistenz notwendig wäre, fand heute vormittags eine Konferenz zwischen dem Landespräsidenten Dr. v. Bleyleben und crem Generalmajor Francesconi statt, in welcher für alle Fälle für die Marschbereitschaft von Truppen Vorsorge getroffen wurde. Um 4 Uhr nachmittags sollte die 7. und 9. Kompagnie des 4L Infanterieregiments unter dem Kommando des Hauptmannes Suchy, ein Halbbataillon unter Befehl des Majors Hahn v. Hahnenheim gestellt sein. Die militärischen Maßnahmen .erwiesen sich jedoch als vollständig überflüssig, als Jech telegraphierte, bei ihm sei eine 120gliederige Bauerndeputation unter Führung des Erzpriesters Kozak erschienen, um zu versichern, daß keinerlei Exzesse zu befürchten seien. Weiters berichtete Jech, die Massenflucht der Juden habe aufgehört, Militärassistenz sei also nicht notwendig. Landespräsident v. Bleyleben, der selbst mit großer Energie alle Vorkehrungen leitet, telegraphierte umfassendste Instruktionen an Jech. Weiters wurde für die Telegraphenäniter im Bezirke Putilla voller Tag- und Nachtdienst angeordnet. Nikolaj Wassilko begibt sich heute nach Putilla, das zu seinem Wahlbezirk gehört, um an Ort und Stelle beruhigend zu wirken. Zu den Wahlen in Galizien Die jüdische Nationalpartei hat in den letzten Tagen folgende Kandidaturen aufgestellt: Dr. Arthur Mahler (Prag) im LandgemeindenbezirkTrembowla-Mikulince-Czortkow, Advokat Dr. Kork is (Lemberg) im Landgemeindenbezirk Gliniany - Stryj - Skole, Löbl Taubes in den Landgemeinden Zloczow-Premyslani. Ferner unterstützen die Zionisten Dr. Gottlieb in Sanok-Rymanow (Stadt) und Dr. Bendel in Sanok-Rymanow (Land), zwei jüdische Kandidaten, die sich verpflichtet haben, einem jüdischen Klub beizutreten. Insgesamt haben die galizischen Zionisten bisher 16 Kandidaten aufgestellt. Morris Rosenfeld=Abend in Prag Am 27. April veranstaltete der Verein jüdischer Hochschüler „Bar-Kochba" in Prag, im Prunksaale des Hotel Zentral, zugunsten Morris Rosenfelds einen Vortragsabend. Von einem zahlreichen Publikum mit begeistertem Beifall begrüßt, erschien Prof. Jaroslaw Vrchlicky, der Großmeister der czechischen Literatur, der auch Rosenfeld übersetzt hat, am Vortragstisch, um über und für den Judendichter eine Vorlesung zu halten. Ein von ihm verfaßtes und dem Ghettosänger gewidmetes Gedicht „Der blinde Dichter", das bei dieser Gelegenheit zum erstenmal der Öffentlichkeit übergeben wurde, und die darauffolgende meisterhafte Rezitation Rosenfeldscher Gedichte durch den Oberregisseur Herrn Milos Novy rissen das Publikum zu nicht endenwollendem Beifalle hin. Dem Vortrage wohnten die in Prag lebenden Dichter und Schriftsteller und auch viele Nichtjuden bei. Für Rabbiner Cohn Duisburg. Am 2. Mai d. J. wurde in einer von der hiesigen zionistischen Vereinigung einberufenen öffentlichen Versammlung nach einem Vortrage des Herrn Dr. Epstein folgende Resolution gefaßt. Die Versammlung mißbilligt scharf das Verhalten der Berliner jüdischen Gemeindevertreter in der Angelegenheit des Herrn Rabbiners Dr. Emil Cohn. Sie spricht Herrn Rabbiner Dr. Cohn ihre Hochachtung aus für sein tapferes, edles Auftreten, das allein eines stolzen Juden und eines Lehrers und Führers in Israel würdig ist. Infolge der ausführlichen Berichterstattung: über die Sitzungen des Großen A. C. und unserer Finanzinstitute mußten die übrigen Einsendungen znr Rubrik „Aus der Bewegung" diesmal entfallen. NOTIZEN Über Theodor Herzls Persönlichkeit finden wir im „Israeli t" einen längeren Aufsatz, den wir, ohne auf zahlreiche darin enthaltene psychologische Irrtümer oder auf abweichende Auffassungen eingehen zu wollen, nachfolgend auszugsweise wiedergeben — als charakteristisches Beispiel für die erfreuliche Wendung, die sich in orthodoxen Kreisen hinsichtlich der Beurteilung des Zionismus und seiner führenden Persönlichkeiten vollzogen hat „Von den Typen der vorangegangenen Zeit unterscheidet sich Herzl zunächst darin, das es schwerfällt, ihn zur Schöpfung eines objektiven Urteils in die gebührende historische Entfernung zu rücken. Er ist mit den Stimmungen und Strömungen des Augenblicks viel zu innig verknüpft und verwebt, als daß man ihn rein als Persönlichkeit, als Individium fassen könnte und nicht viel mehr als den Ausdruck eines Gesamtheitszustandes begreifen müßte, den er weniger geschahen als umgebildet und weitergeführt, aus dem er selbst hervorgegangen, um ihn, nachdem er zur Selbsterkenntnis gelangt war, kritisch anzuschauen und umzumodeln. Als man bereits viele Jahrzehnte auf dem alten gewohnten Fahrweg, ohne immer was Böses zu ahnen, fortgeschritten war, die Gegend immer verwildeter, das Dickicht immer krauser, das Ziel immer ferner und unbekannter wurde, als man anfing, sich's still zu gestehen, daß man sich auf falscher Straße befinde und rings kein Ausweg sichtbar war, da erschien Herzl und befahl mit den Gesten eines Feldherrn und dem Herzen eines Schwärmers: Zurück! Man wurde stutzig, schaute verwundert auf den kühnen Sonderling, der den Rückzug befahl, nachdem er selbst nichtsahnend bis zur kritischen Stelle mitgezogen war, und begann an der Richtigkeit des bisherigen Weges zu zweifeln, wenn ihn auch nicht gänzlichaufzugeben, zweifelte und sah immer deutlicher, daß es so wie bisher unmöglich weiter gehen könne, und im Interesse der Selbstachtung und Selbsterhaltung an die Herbeischaffung neuer Brücken und Stützen gedacht werden müsse. Eine gründliche Revision des bisherigen geistigen Inventars des Reformjudentums veranlaßt, ohne aber nun an die Negation des Bestehenden eine wahrhaftige positive Gesundung geknüpft zu haben, ist der wesentliche Inhalt von Herzls Lebenswerk in seiner Bedeutung für das Judentum in Deutschland. Ein großes Fragezeichen hat er blitzartig am Horizont aufleuchten lassen, als das Wetter immer schwüler wurde und vergebens die Seele nach einer reinen Atmosphäre bangte. Dieses grelle Fragezeichen hat viele berückt, indem sie glaubten, nun sei die Erlösung da, nun müsse und werde es anders und besser werden. Aber mit Fragestellungen werden bestehende Verhältnisse nicht umgewandelt, nicht von der Stelle geschoben, und ein Fragezeichen ist noch lange nicht ein Schwert, damit ein Verräterhaupt zu spalten, ja nicht einmal ein friedlicher Pflug, ein unbebautes Land zum Säen und Ernten reif zu machen. Er kam vom Journalismus her.....Nur wer in Paris und Wien den Abfall vom Judentum in seiner großstädtischen Kraßheit auf der einen, die Winzigkeit des Ertrags, den die Verachtung des Judentums bringt, auf der andern Seite kenneli und im eigenen Innern durchdacht und verstehen gelernt hat, nur wer mit einem solch feinen Empfindungsleben ausgestattet war, wem antisemitische Hetzreden so nahe gingen, wen sie so nachdenklich stimmten, und wer bereits ein solch hohes Freiheitsbedürfnis sich erworben, daß, wenn der Antisemisrnus sein Gorgonenhaupt erhebt, für ihn keine andere Rettung scheint als die Flucht, hinaus in die Heimat, ins alte neue Land der Väter und Enkel — ist zum Herzl geschaffen und kann mit gleich bezauberndem Klang zum Rückzug ins Heimatland blasen, wie es Herzl vermochte. Zu allen Typen der vorangegangenen Zeit stellt er den strikten Gegensatz dar. Man vergleiche ihn mit Mendelssohn. Auch Mendelssohn ist eine Gestalt mit scharf geprägten Zügen. Aber wie grundverschieden von ihm. Sein Judentum ist nichts Gewordenes, eher ein erhaltenes, konserviertes, in seiner naturwüchsigen Ursprünglichkeit erfrischendes und erfreuendes. Bei Herzl ist alles neu, werdend und sich entwickelnd, eine exotische Pflanze, in ungewohnter Erde blühend. Beide sind sie mit dem Ausgleich zwischen Okzident und Orient beschäftigt. Aber wie schmiegsam neigt sich den Traditionen des Ostens der von der westlichen Kultur erfüllte Philosoph entgegen, wie zaghaft lächelnd, als schämte er sich fast, in seinen alten Tagen noch einmal ein frischgebackener „Jud" zu werden, wirbt Herzl um orthodoxe Gunst und Gefolgschaft. Dieser todesmutige Feldherr, dieser