Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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14 DIE3&ELT No. 19 liegen, mit demselben Ausdruck der Hast, der Langeweile und der Unzufriedenheit, mit derselben inneren Leere, die die Ursache und der letzte Grund der Batlanität ist. Was für andere ein Erlebnis, eine Tat war, ist für sie ein Wortgebild, das sie zergliedern, zerfetzen, zersetzen und wieder zusammensetzen. Da steht er, der nie fehlen dürfende Debatter. Ein kleines, bewegliches Männchen mit unruhigen Augen. Er scheint immer auf der Suche nach Opponenten zu sein. Er hört nie auf die Worte des anderen, er denkt nie über den inneren Wert seiner eignen Worte. Aber der Debatter von heute ist flacher, geistloser geworden als der vor ehedem. Denn dieser hatte Schlagfertigkeit, Witz, Gewandtheit, er war ein Jongleur und hatte die gute Schule des Talmuds durchgemacht. Der Debatter von heute hat immer ein „Prinzip". Ihm liegt nie an der Sache selbst, sondern an der „prinzipiellen Stellung", und er ist deshalb blind und taub gegen jede Wirklichkeit. Der Batlan von früher fragte in jeder Lebenslage, vor jeder Erscheinung: Was will uns dies sagen? Ein Frühlingsregen rauscht herab, und er fragt: was meint der Regen? Er sieht Schönheit vor sich wandeln und fragt: was will sie damit sagen? Der Batlan von heute fragt: „Wie ist meine prinzipielle Stellung dazu, und wie verhält es sich zum historischen Materialismus?" Für ihn existieren die einfachen Dinge der Welt überhaupt nicht Batlan trifft Sie auf der Straße. Sie fragen ihn, wie spät es sei oder wie es ihm gehe. Eine scheinbar harmlose Frage. Doch nein. Der debattierende Batlan versteht auch aus dieser Harmlosigkeit ihre herbe Dialektik herauszupressen — und in einem Augenblick sind Sie bereits überschüttet von starken Worten wie „Autonomie", „Kategorie", von Namen wie Marx, Hegel, Engels, Kautsky usw. Und er läßt Sie nicht erwidern. Er überschlägt sich, er widerlegt sich, er überhört sich und schlägt Purzelbäume. Es gibt keinen Damm gegen seine Batlandialektik. Und widerfährt ihm im Leben etwas, was gegen seine Theorie verstößt, dann begnügt er sich mit der „prinzipiellen Erklärung" und basta. Aber Batlan spricht nicht nur — er schafft auch. Was? Nichts Positives, behüte der Himmel. Aber Fraktionen, „Deutungen", Parteichen. Warum haben wir jetzt so viele Parteien? Was wollen die verschiedenen Fraktionen und Fraktionellen? Sind es neue Richtungen? Aber keineswegs. Diese Theorien sind ein Abklatsch von anderen, geborgtes Zeug, die Unterschiede sind unmerkliche, unwesentliche. Aber Batjan lebt, und sein Geist schwebt über den Wassern. — So herrscht er in der Judengasse von Berdyczew bis Bern und über den Ozean hinaus. . . . Und in die Literatur dringt er ein — und gräbt sich mit unvergänglichen Zeichen im Leben ein. Und die Außenwelt meint, das sei die „jüdische" Seele! A. Cor. c ooooooooo 222? ■S^. NACHRICHTEN o o o o o o o o oj INTERPELLATION ÜBER DEN POGROM IN SIEDLCE Vorgelegt der Reichsduma von den beiden „Kolo Polskie" am 26. April 1907 (Von unserem Korrespondenten) An den Vorsitzenden der Reichsduma! Auf Grund der 33, 58, 59 der Statuten über die Reichsduma haben wir die Ehre, den Beratungen der Duma die folgende Erklärung vorzulegen: Die letzten zwei Jahre waren gekennzeichnet durch ernste in verschiedenen Teilen des Reiches gegen die Juden, die Schuljugend und überhaupt gegen die Intelligenz gerichtete Ausschreitungen. Im Königreich Polen fanden ähnliche Ereignisse nicht statt — als plötzlich in den letzten Tagen des August 1906 die unter dem Namen des „Siedlcer Pogroms" bekannten schrecklichen Ereignisse ausbrachen, die sich von allen anderen denselben Namen tragenden Ereignissen wesentlich unterschieden. Die Stadt Siedice, die 20000 Einwohner verschiedener Konfessionen, unter denen die Juden überwiegen, zählt, befand sich im Jahre 1906 unter der Verwaltung des zeitweiligen Generalgouverneurs Engelke. Am 8. August (alten Stils) 1906 wurde in Siedice der Polizeimeister Golcew plötzlich getötet; da der Ermordete sich großer Sympathien in der ganzen Bevölkerung erfreute, so darf man vermuten, daß der unbekannt gebliebene Mörder nicht aus ihrer Mitte stammte. An demselben Tage veranstaltete das Militär einen „kleinen Pogrom", bei dem 5—6 Personen getötet wurden. Infolge des obengenannten Attentats auf den Polizeinieister wurde die Stadt Siedice am 11. August 1906 unter einen speziellen „Schutz" (Ochrana) gestellt, dessen Kommando der Oberst des 39. Narwer Dragonerregiments, Tichanowski, übernahm. Auf den Straßen der Stadt wurden Militärpatrouillen postiert, Geschäfte und Haustüren mußten schon um 8 Uhr abends geschlossen werden, nach dieser Stunde war es den Einwohnern verboten, auf den Straßen zu erscheinen usw., die Stadt war wie ausgestorben und die Stimmung der Einwohner schrecklich gedrückt. Am 22. August 1906 wandten sich einige Einwohner an den Generalgouverneur mit der Bitte um Erleichterung dieser drückenden Lage der Stadt, und das wurde ihnen versprochen. Gleichzeitig aber wurde auf dem Gebäude der Polizei Verwaltung eine hohe Stange aufgerichtet, deren Bedeutung niemand verstand, es zirkulierten nur Gerüchte, daß es ein Militärsignal sein sollte. Gleichzeitig wurden auch aus unbekannten Gründen manche Häuser und die Wohnungen gewisser Personen mit Zeichen versehen. Am 26. August 1906 wurden aus unbekannten Gründen die Militärpatrouillen auf den Straßen verstärkt. Alle Patrouillen verhielten sich herausfordernd, und die Reiterpatrouillen hielten ihre Flinten bereit zum Schießen. Gleichzeitig aber gegen Abend versicherten die Patrouillen den Ladenbesitzern, daß von nun ab alle Geschäfte auch nach 8 Uhr abends geöffnet bleiben dürfen. Trotz dieser Versicherungen, haben sich die Straßen gegen Abend geleert, und die Einwohner verbargen sich, wie gewähnlich, in ihren Häusern. An demselben Abend wurde die Stadt auf Anordnung des Kommandanten der Ochrana vom Militär umringt, es wurde niemand in die Stadt hinein und niemand aus der Stadt herausgelassen; gleichzeitig wurde der Telegraphen verkehr unterbrochen. Nach diesen augenscheinlich vorbereitenden Anordnungen vernahm man einige Revolverschüsse ii der Nähe der Hauptwache. Nach diesen Schüssen, die sich in verschiedenen Punkten der Stadt wiederholten, erschollen Militärsalven des 29. Narwer Dragoner- und des Libauer Infantrieregiments. Die Salven ertönten gleichzeitig in allen Straßen und Gäßchen, dauerten fast ohne Unterbrechung zwei Nächte und einen Tag lang, d. h. 36 Stunden, am 26., 27., und 28. August 1906 und endeten mit einigen Kanonenschüssen. Ein Augenzeuge dieser Ereignisse, einer von den unter diese Erklärung Unterschriebenen, ist nicht in der Lage, die Schrecken der Qualen, Morde, und Foltern, welche die unschuldigen und ruhigen Einwohner von Siedice während dieser 36 Stunden erlebt haben, mit genügender Plastizität zu beschreiben. Während dieser Zeit blieb die ganze Bevölkerung ohne Wasser und Nahrung in furchtbarer Erwartung des jeden Augenblick drohenden Todes, versteckte sich vor den Kugeln in den Hauskellern oder, wenn es ging, in den Mauern des Gefängnisses. Während dieser Zeit vollbrachte die Soldateska das Werk des Pogroms. Die Einzelheiten dieses Pogroms, der nicht nur in Polen, sondern auch in Rußland und im Auslande starke Empörung und Abscheu hervorgerufen hat, fanden die vollständigste Bestätigung im offiziellen Berichte des Rittmeisters Pietuchow an den Warschauer Generalgouverneur. Es ist unmöglich, an dieser Stelle alle diese Einzelheiten zu beschreiben, wir beschränken uns mit der Anführung einiger Tatsachen und des endgültigen Resultats des Pogroms. Die Soldaten, oft mit einem Offizier an der Spitze, meistenteils aber allein, drangen in Geschäfte und Privatwohnungen, plünderten und nötigten zur Auslieferung aller Wertsachen. Beim kleinsten Widerstande oder beim Verweigern des Geldes wurde gemordet,