Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 19 DIE^ELT 13 von nur Mark Tausend, eventuell zahlbar in zehn Jahresraten, einführen. Sämtliche Beiträge der immerwährenden Mitglieder bilden den eisernen Fonds der zionistischen Organisation, den das engere oder das große Aktionskomitee verwaltet und dessen Zinsen ausschließlich zur Unterhaltung oder Unterstützung zionistischer Institutionen in Palästina verwendet werden dürfen. Das Kapital selbst ist unantastbar. Die lebenden immerwährenden Mitglieder erhalten jährlich Berichte über die Art und Weise der Verwendung der Zinsen. Ferner werden die Namen der immerwährenden Mitglieder gelegentlich eines jeden Kongresses im offiziellen Organ der Bewegung veröffentlicht. Hoffentlich fällt diese Anregung auf fruchtbaren Boden! Berlin, den 4. Mai 1907. A. Awadiowitz. Sehr geehrte Redaktion! Wir halten uns erlaubt, Ihnen am 16. April Kenntnis zu geben von einem Schreiben des Herrn Rabbiners Dr. Hoffmann in Buenos Ayres an den Norddeutschen Lloyd in Bremen wegen Begründung einer Auskunftstelle für jüdische Auswanderer in Buenos Ayres unter dem Namen „Kosmos"*). Auf unsere Veranlassung hatte das Mitglied des Verwaltungsrates der„Jewish Colonization Association" und Vizepräsident der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliancc Israelite Universelle, Herr Charles L. Hallgarten in Frankfurt a. M. die große Freundlichkeit, die Direktion der I. C. A. zu veranlassen, über die Person des Herrn Dr. Hoffmann Erkundigungen einzuziehen. Auf Grund der uns vorliegenden Informationen kann das unter Leitimg des Herrn Dr. Hoffmann in Buenos Ayres stehende Institut den jüdischen Auswanderern nicht empfohlen werden. Hochachtungsvoll Auskunftstelle für jüd. Auswanderer nach Südamerika u. d. Südstaaten der Union. *) Dieses Schreiben wurde von uns nicht veröffentlicht. — Anm. der Red. [^LEINES FEUILLETO^J Silhouetten i. Der „Batlan" Ein kleines Zimmer in einem großen Hause in einer Schweizer Universitätsstadt. Ein paar Tische und lange Bänke, ein kleiner, alter, einst, in den besseren Jahren, schwarz gewesener Bücherschrank. An den Wänden ein paar schlichte Porträts — von Marx, Lassalle. Irgend ein leidendes, feines, russisches Gesicht, — Belinsky oder sonst einer der russischen Apostel der Freiheit. Um den Tisch sitzen, stehe::, in verschiedenen Posen, junge Leute, Studenten und Studentinnen, in Zeitungen vertieft, die Stirne gerunzelt, mit müden Augen und lässigem, unzufriedenem Gesichtsausdruck. Das sind die wirklichen Unzufriedenen, die wahren Revoltierten. Draußen stehen kräftige, gesunde, sonnegebräunte Arbeiter, Schweizer oder Italiener, arbeiten in der frühen Morgensonne, lustig, lebensfroh. Und die drinnen sitzen, quälen sich mit dem Problem des Lebens dieser gesunden Menschen ab, verzerren es in ihren Köpfen bis zur höchsten Tragik, verdüstern die Sonne, die das Leben bescheint, mit den Wolken ihres Mißmutes, überdecken die Welt mit einem dunklen Schatten, mit einem Schleier. . . Den dunklen Schatten haben sie mitgebracht, ihre Väter haben ihn ihnen ins Leben mitgegeben, und ihre Väter haben ihn von ihren Vorvätern geerbt. Es ist die sogenannte „russische" Lesehalle. Wären nicht die russischen Zeitungen, die Symbole der Internationalität, die dort in jedem Winkel zur Schau liegen, aus der Bewegung eines jeden der Anwesenden sprechen, man könnte glauben, es sei ein kleines, armes Bethaus, das gewöhnlich in den vom Beten freien Stunden als Klub und Versammlungsort dient. Eine etwas andere Dekoration. Dort verrußte, weiß sein sollende Wände, ein Kamin, der der Anziehungspunkt für alle Müßiggänger der Gemeinde ist. Und auch dort sitzen und stehen Unzufriedene, Nichtstuende und quälen sich mit Dingen ab, die sie gar nichts angehen, zergliedern an ihrem Ofensitz das ganze Leben in einige Begriffe, in Worte und disputieren und disputieren. . . Da wird die Karte Europas täglich umgemodelt, Bismarck und Gortschakow scharf aufs Korn genommen, (im Bethausklub sterben geschichtliche Personen nicht so bald), es werden da die Tiefen der Strategie offenbart und die Höhen der Diplomatie erklommen. Oyama — ein Schuster, ein lahmer Schneider! Was versteht er vom Kriegführen? Jukel mit dem Ziegenbart, der lange, dessen Sohn beim Militär ist, hätte ihm gezeigt, wie man Krieg führen muß. Man macht so und so und dann wieder so, — und die Sache ist fertig. Und Jukel zeigt dabei ganz genau mit den Händen, wie er das „So und so" versteht. Und allen wird es sonnenklar, daß er recht hat. Dann wird über die Finanzverhältnisse der Welt gesprochen. Was der Rothschild schon für unendliche Debatten verursacht hat! Sagt der eine, Rothschild habe hunderttausend Millionen, macht der andere eine verächtliche Miene und sagt, als ob er das Geld selbst gezählt hätte, Rothschild habe nur ein Viertel davon. Der andere gibt nicht nach, man verzichtet nicht so rasch auf so viel Millionen, und die Debatte wächst. Aber der Klub hat auch seinen Hauptdebatter, den Kampfhahn der Gesellschaft. Dieser fehlt nirgends. Zwar ist ein jeder von den Bethauspolitikern ein Debatter seiner Natur nach, aber in einem ist diese Eigenschaft gewöhnlich am meisten gesteigert, am höchsten entwickelt. Worüber er debattiert, ist ihm gleichgültig, es kümmert ihn auch nicht, ob er im Grunde recht hat oder nicht, die Debatte ist für ihn Selbstzweck. Die Wortdialektik berauscht ihn, sie ist für ihn eine Notwendigkeit. Und wenn keiner mit ihm streiten will, dann sucht er sich Händel, widerlegt sich selbst, kämpft gegen vermeintliche Gegner. . . Der jüdische Volksmund hat diese Existenzen mit dem höchst zutreffenden Namen „Batlan" bezeichnet. Das Wort heißt eigentlich soviel wie Müßiggänger, Faulenzer. Aber es sagt mehr als das. Es ist eine geistige Nuance, die darin liegt. Ein Batlan ist nicht bloß ein Nichtstuer, er ist eine Klasse, fast möchte man sagen, eine Seelenkategorie. Ein Mensch, der immer nur fremde Sorge hat, der sich um Dinge kümmert, die mit ihm nichts zu tun haben, der über Sachen spricht, die von seinem sonstigen Interessenkreise himmelweit abstehen, ja noch mehr, und das ist wohl das Charakteristische, in diese Dinge sich seelisch hineinlebt, sich mit ihnen identifiziert, und dabei doch nie irgendwie ihnen näher treten wird. Es ist eine Wissensbegierde, die auf Lappalien gerichtet ist, — es ist eine Beweglichkeit, aber zugleich vollständige Dürre des Geistes. . . Nehmt alles in allem und ihr habt den Batlantypus, ein Wort, das würdig wäre, in Europa eingebürgert zu werden. Der Batlan ist eine Welterscheinung. Er ist ein besonderer Genus Mensch — aber nirgend ist er so konsequent durchgeführt, so ganz ausgebildet, wie in der jüdischen Gasse. In jedem Lande, in allen Situationen. Es fehlt ihm die Beredsamkeit des Schweigens, der Ernst der Geberde. Man ist erstaunt, diesen Typus in den kulturell höchststehenden Milieus zu erkennen. Ich habe nur wenige gekannt, die den Ernst der Geberde, der auf ein Tiefes und Mächtiges hindeutet, auf eine Herrschernatur, besaßen. Und einen kannte ich, der diese Geberde hatte, der ganz und gar frei war von jedem Anfluge der Batlanität — das war Theodor Herzl. . . . Und darum wirkte er so gewaltig. Ich habe mit der „russischen" sozialdemokratischen Lesehalle begonnen und bin ganz unvermutet bei dem alten Bethausklub angelangt. Meine Schuld ist es nicht — die Parallele war zu auffallend, der Vergleich drängte sich auf. Nach einigen Augenblicken vergaß ich, daß vor mir die „Zukunftsmenschen" sind — ich sah vor mir eine Anzahl von Batlanim — die einzige Neuerung besteht darin, daß zu den männlichen batlanisierten Geistern sich auch weibliche hinzugesellten, früher war wenigstens die jüdische Frau ein gesundes, normales Wesen — mit derselben Neugierde, die auf die Dinge gerichtet ist, die eigentlich außerhalb ihres Berufes