Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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12 DIEEaEELT No. 19 Jude und Kehilleaulorität für die religiösen Juden. Er hat zwar erklärt, er anerkenne und kenne keine „Differenzierung jüdischer und allgemeiner Interessen", aber diese originelle Entdeckung hindert ihn nicht, den Apparat der Kultusgemeinde für sich in Aktion treten zu lassen. Ihre Diener und Beamten werden zur Wahlagitation kommandiert. Sie haranguieren die galizischen Wähler aber kaum mit dem deutschfortschrittlichen Programm und mit dem Hinweis auf bedrohte liberale Parteiinteressen. Herr Dr. Kohn, für den die Wochenschrift Dr. Blochs in einem schwulstigen, an geschmackloser Lobhudelei überreichen Artikel eintritt, obwohl sie noch vor Wochen das Deutschtum Dr. Ofners verdonnert und verketzert hat, die „deutsche" Kandidatur Dr. Kohns übersieht der geschmackvolle Artikelschreiber mit auffallender Geflissentlichkeit — repräsentiert allerdings die Altliberalen und Nurreligiösen gleichgut. Er ist für beide Wählergruppen der idealste Typus. Die verkrachten Wiener Liberalen zeichnen sich durch politische Senilität, Energielosigkeit, Untätigkeit aus. Herr Dr. Kohn ist für sie ein würdiger Kandidat. Hundertmal zugegeben: er ist im Privatleben ein hochachtbarer Charakter, in der Kultusgemeinde ein glänzender Verwalter des Armenwesens. Kann ihn das zu einem guten Abgeordneten machen? Er ist als Redner unbedeutend, als Politiker kraft- und saftlos, als jüdischer Vertreter zu ängstlich. Ein Mann, der fast drei Jahrzehnte im öffentlichen jüdischen Leben steht und eine Differenzierung jüdischer und allgemeiner Interessen leugnet, hat im Parlament als Vertreter eines jüdischen Bezirkes keinen Platz. War die von naiver Weltfremdheit zeugende Äußerung eine captatio benevolentiae der Liberalen? War sie der Ausdruck einer politischen Überzeugung? Oder ist sie nur eine leere, echt liberale Phrase? In jedem Falle charakterisiert sie den jüdischen Politiker, der vor einem Jahre in öffentlicher Versammlung den Millionenprofit des Herrn von Tausig mit dem kühnen Argumente verteidigte, Herr von Tausig habe, wie er wisse, für die russischen Juden politische Vorteile erwirkt. Kurz und gut, wer ernste, aufrechte Juden auf wichtigen jüdischen Posten an der ernsten Arbeit für das Volk sehen will, wird sich für die Kandidatur Dr. Kohns, dessen Wahl einen Rückfall in eine überwundene deulschjüdischc Politik bedeuten würde, nicht erwärmen können. Ihm, dem Kahalmann, dem schwächlichen Altliberalen gegenüber erscheint selbst Dr. Omer als das geringere Übel. Wir bekämpfen auch ihn als den deutschnationalen Spätromantiker in der jüdischen Politik, als den Doktrinär im forcierten „Kampfe gegen Rom und die Klerisei", als den Juden Vertreter aus Not und auf Kündigung. Der jüdische Wahlkreis der Leopoldstadt verdient und braucht einen wirklich jüdischen Vertreter, nicht aber einen Politiker, der wie Dr. Ofner hier Zuflucht und ein Verlegenheitsmandat sucht. Es ist ja wahr, Dr. Ofner ist ein angesehener Jurist, ein tüchtiger Sozialpolitiker, ein integrer Charakter. Für einen jüdischen Abgeordneten aber, der im neuen Hause einer kompakten Majorität judenfeiudlichcr Abgeordnete gegenüberstehen wird, besitzt er zu wenig iüdischnationales Empfinden und wohl auch nicht den ernsten Willen, sich für spezifisch jüdische Interessen allzusehr zu exponieren. Die „Union", deren Versuch, in der inneren Stadt ihrem Vizepräsidenten Anninger zu einem Mandate zu verhelfen, mißglückt ist, da er vom fortschrittlichen Komitee abgelehnt wurde und zurücktrat, frondiert gegen die Kultusgemeinde und setzt sich für Dr. Ofner ein. Sie hat an die Anninger-Kandidatur Zeit und Geld vergeudet und so in der Leopoldstadt den Anschluß versäumt. Statt sich neutral .zu verhalten, agitiert sie für den Deutschen Ofner und fällt den Jüdisch-Nationalen in den Rücken. Es ist zu begrüßen, daß alle unsicheren Elemente, die sich im Laufe der Jahre an die Zionisten herangeschläugelthaben, Sympathien heuchelnd,dieKampfessliinmung lähmend, die Demarkationslinien zwischen Assimilation und nationalem Judentum vermischend, sich im Wahlkampf demaskieren und hingehen, wohin sie Herz und Interesse zieht. Ein „abgeklärter-4 Zionist, Herr Dr. Alexander Min tz, der auf weiten Umwegen in den Vorstand der „Union" gelangt ist und sogar Vizepräsident werden konnte, führt den Chor der Zionistentö'.er im Wahlkampf an. Eine Äußerung, die dem Wandlungsfähigen entschlüpft ist, verdient an den Pranger gestellt zu werden. Mit dem ihm eigenen Pathos hat er letzthin deklamiert: „Gebt mir den Hammer, und ich will die Zionisten an den Türpfosten annageln, weil sie aus dem Ghetto nicht heraus wollen." Gegen solche Argumente eines wohlunterrichteten Mannes polemisiert man nicht, sie zeugen selbst gegen ihn. Der Sekretär der „Union", der schon vor mehreren Jahren in einer zionistischen Versammlung erkannt und erklärt hat, daß für die Juden eine deutsche Politik schädlich und überholt sei, und der jüdische Interessenpolitik gepachtet zu haben meint, sekundiert, allerdings mit größerer Vorsicht als Herr Dr. Mintz, den Wahlmachern Dr. Ofners und macht ihre deutsche Politik wacker mit. Eine bezeichnende Wandlung hat der Leopoldstädter Wahlkampf auch bei den Sozialdemokraten hervorgerufen. Sie differenzieren sehr scharf zwischen jüdischen und nichtjüdischen Wählern. Koschere Restaurants werden für rein jüdische Versammlungen benutzt, am Samstagnachmittag sucht man die religiösen Wähler zu kapern. Der Kampf gegen die Christlichsozialen wird als das Hauptargument dargestellt und das allgemeine Wahlrecht als das radikale Allheilmittel gegen den Antisemitismus gepriesen. Allerdings ist zu konstatieren, daß auch unsere Wiener jüdischen Sozialdemokraten die Zionisten langsam begreifen lernen und ihre Sicherheit, mit der sie in früheren Jahren geringschätzig und achselzuckend zionistische Versammlungsredner abzutun pflegten, eingebüßt haben. Auch sie fühlen schon, daß ein neuer Geist in die jüdischen Massen Einzug gehalten hat, ein Geist jüdischen Selbstbewußtseins, nationaler Auflehnung gegen alles Halbe und Feige im Judentum. Dieser Geist nationaler Erkenntnis und Würde wird, wenn die zionistischen Agitatoren Wiens vor dem 14. Mai ihre Pflicht tun und wenn jüdisch bewußte, aufrechte, verständige jüdische Wähler die Majorität unter den Leopoldstädter Juden haben, Dr. Schalil in die Stichwahl bringen und einen jüdischen Wahlkreis den Juden erhalten. Nicht dem Scheine nach, sondern in vollem Sinne des Wortes! Eine unverbrauchte politische Kraft, ein schneidiger Redner, ein ehrlicher, mutiger unerschrockener Jude, ein moderner Mensch radikal-freiheitlicher Gesinnung würde dann als Wiener Abgeordneter ins Parlament einziehen. Die Juden der Leopoldstadt werden am 14. Mai zu beweisen haben, ob sie aus der politischen Versumpfung, welche ihnen unter den Liberalen beschieden war, auf festeres und würdigeres politisches Terrain gelangen wollen oder nicht. Die Parole wird lauten: Dort Assimilation, hier jüdische Selbstachtung! Dort politische Verwesung, hier gesunde nationale Entwicklung! Dort Ignorierung jüdischer Gesamtinteressen, hier lebendiges, freies, zukunftfrohes Judentum! Ein freier, wahrer Jude wird da nicht viel zu überlegen haben. R. N. KORRESPONDENZEN Eine Anregung Verschiedene jüdische Organisationen haben einen großen Teil ihrer Einnahmen ihren imm er währenden Mitgliedern zu verdanken. Warum sollte es nicht möglich sein, i m m e r w ä h r e n d e s M i t g 1 i e ci der zionistischen Organisation zu werden? Wenn die Alliance Israelite Universelle, die ihren Mitgliedern doch nur eine philanthropische Betätigung gewährt, so viel immerwährende Mitglieder besitzt und immer neue gewinnt, könnte doch die zionistische Bewegung, deren Anhänger den Zionismus als ihr höchstes Lebensideai betrachten, allmählich gleichfalls eine stattliche Anzahl immerwährender Mitglieder erlangen, die auf diese Weise gern ihren Namen verewigen und gleichzeitig auch zur materiellen Stärkung der Bewegung beitragen würden. Um den Erwerb der immerwährenden Mitgliedschaft möglichst vielen zu erleichtern, könnte man hierfür einen Minimalbeitrag schon