Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 19 DIE^ELT Ii scheiden. Das Unrecht, das an den Wiener deutschen Hochschulen den 'jüdischen Studenten durch willkürliche Zuzählung zur deutschen Nation geschieht, wiederholt sich an den tschechischen Hochschulen zugunsten der tschechischen, an den polnischen Hochschulen zugunsten der polnischen Nation, obwohl die jüdischen Studenten selbst diese durch die Zufälligkeit der Gleichheit der Muttersprache bedingte Zuweisung ablehnen und auch die Vertreter jener anderen Nationen den Juden die nationale Gleichwertigkeit und Zugehörigkeit absprechen. In den statistischen Ausweisen der Hochschulen wird auf diesem, Wege die jüdische Nationalität ausgeschaltet und negiert, so daß das nationale Bild der Hochschulen unrichtig zum Ausdrucke kommt und eventuelle, das akademische Leben betreffende Forderungen der jüdischnationalen Studentenschaft, wie z. B. das Verlangen nach einer Lehrkanzel für jüdische Geschichte und Literatur unmöglich gemacht werden. Die von der nationalen jüdischen Studentenschaft bereits vor mehreren Jahren eingeleitete Aktion wegen der Anerkennung der jüdischen Nationalität an den österreichischen Hochschulen steht im engen Zusammenhange mit der nationalen Entwicklung in Österreich überhaupt. Diese Entwicklung hat die jüdische Studentenschaft in ihrer überwiegenden Mehrheit zum jüdischen Nationalismus gebracht, und die Frage, ob die Juden als selbständige Nat:on oder bloß als Religionsgemeinschaft zu betrachten sind, zugunsten der ersteren ganz entschieden. Die Ansicht ist in jüdischen und nicht jüdischen Kreisen zur fast allgemein geltenden geworden. Die Wahlreformkampagne hat das zu wiederholten Malen bewiesen. In dem Momente, wo Tausende und Tausende von Juden die Forderung nach dem freien nationalen Selbstbestimmungsrechte erhoben und in politischen Forderungen, nationalen Programmen konkretisiert haben, hat niemand das Recht, der jüdischen Studentenschaft die klare und logische Konsequenz aus ihrer Solidarität mit den jüdischen Massen zu verübeln und vorzuenthal'en. Es sei nur erwähnt, daß der gewesene Minister des Innern, Se. Exzellenz Graf Byland-Rheidt, im Februar 1905 dem Führer der österreichischen Zionisten, Dr. Schalit, gegenüber erklärte, er halte den Zionismus für berechtigt und gut, insolange er sich loyal und innerhalb der gesetzlichen Grenzen bewege. Auch in der Erklärung, die Se. Exzellenz Freiherr von Bienerth am 27. Juni 1906 im Wahlreformausschusse abgab, kann, wenn auch nicht direkt, eine Anerkennung der jüdischen Nationalität erblickt werden, da er den deutschsprechenden Juden Westgaliziens deutschen nationalen Charakter abgesprochen und die damit zusammenhängende Forderung nach Schaffung eines deutschen Mandates abgelehnt hat. Noch auf eine dritte Äußerung der hohen k. k. Regierung wollen wir hinweisen, um die Berechtigung unserer Forderung darzutun. Se. Exzellenz der Ministerpräsident Freiherr von Gautsch hat am 28. November 1905 im Abgeordnetenhause die Regelung der nationalen Frage auf Grundlage der nationalen Autonomie in Aussicht gestellt. Diese nationale Autonomie, die dem nationalen Streit in Österreich ein Ende zu machen die geschichtliche Aufgabe haben wird, wird in erster Linie auf dem Gebiete des Schulwesens versucht und durchgeführt werden. Von diesem Standpunkte aus müssen wir die bisherige von politischen Parteien und staatlichen Behörden geübte Praxis gegenüber der nationalen Stellung der Juden ablehnen und bekämpfen, da sie uns bei der autonomen Regelung nationaler Fragen schädigt, übergeht und nullifiziert. Die akademischen Senate haben sich bisher de facto ablehnend verhalten, indem sie, statt über die Sache selbst zu entscheiden, bloße Kompetenzgründe oder Opportunitätsrücksichten gegenüber der obersten^ Schulbehörde in den Vordergrund stellten. Bloß der akademische Senat der Czernowitzer Universität hat zu Beginn des heurigen Wintersemesters beschlossen, die Beifügung der Nationalitätenklausel bei Angabe der Muttersprache zu gestatten und eine anmerkungsweise Berücksichtigung solcher Eintragungen in der Universitätsstatistik zugesichert. Es geht nicht an, daß der jüdischen Studentenschaft der anderen Hochschulen vorenthalten bleibt, was eine akademische Behörde, den Forderungen nationaler Gerechtigkeit folgend, zugestehen zu müssen glaubte. Wir glauben umsoeher eine rasche und günstige Erledigung erwarten' zu dürfen, als auch diese, unser Recht anerkennende Senatsentscheidung infolge Erlasses des hohen k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht vom 12. Februar 1907 Z. 43.465, in .suspenso bleibt, bis die Regelung dieser Frage an allen Hochschulen Österreichs erfolgt ist. Mit Rücksicht darauf, daß die jüdische Studentenschaft ihrer großen Majorität nach jüdisch-national ist und die daraus resultierenden Forderungen, in erster Linie das Recht freier, nationaler Selbstbestimmung aufzugeben nicht gesonnen ist, mit Rücksicht darauf, daß Regierungserklärungen vorliegen, welche diesem Standpunkte entgegenkommen und ihn auf politischem Gebiete vollständig billigen, ferner mit Rücksicht darauf, daß eine akademische Behörde dieser Forderung bereits Rechnung getragen hat, während die anderen nur von der autoritativen Erledigung durch die oberste Unterrichtsbehörde eine definitive Regelung auf dem Gebiete der Hochschulrubriken und statistischen Ausweise erwarten und sich stets auf die Notwendigkeit einer solchen berufen, erwarten wir von dem Gerechtigkeitssinne des hohen k. k. Ministeriums, daß es die Rubrik Nationalität in den Hochschulausweisen und Nationalien obligatorisch einführe und die jüdische Nationalität anerkenne. WIENER WAHLBILDER (Von unserem Korrespondenten) Der heißeste Wahlkampf wird ohne Zweifel in der Leopoldstadt ausgefochten werden. Die Kandidatenliste wird wohl keine Änderung mehr erfahren, und es ist kaum möglich, über die Wahlchancen ein sicheres Urteil abzugeben. Eine Stichwahl ist unausbleiblich, und der Christlich-Soziale wird bestimmt in der Stichwahl, in die er als Träger der relativ größten Stimmenzahl gelangen muß, unterliegen. Außer ihm stehen noch 4 Kandidaten im Wahlkampf: Dr. Schalit, Dr. Ofner, Dr. Gustav Kohn und der Sozialdemokrat Emmerling. Also drei jüdische Kandidaten! Die Zionisten, die unter den schwierigsten Verhältnissen — ohne Wiener Organ, totgeschwiegen in, der Wiener liberalen und sozialdemokratischen Presse, von gewissen „Freunden" meuchlings angefallen — die ungewohnte Arena politischer Wahlkämpfe betreten haben, haben den Gegnern, die der zionistischen Kandidatur ursprünglich mit einem überlegenen Spötteln begegneten, einen argen Strich durch die Rechnung gemacht: Aus der angeblich ungefährlichen Zählkandidatur wird immer mehr ein ernster Kampfkandidat, dessen Chancen steigen. Und es gibt im Bezirk Leute, die Überraschungen nicht für ausgeschlossen halten. Juden, die den Wert einer ehrlichen nationalen Politik erkannt und sich von den Fesseln deutschtümelnder oder Scheinliberaler Phraseologien losgemacht haben, wird der Weg zur Urne nicht in Gewissenskonflikte bringen. Solche kennzeichnen nämlich den Seelenzustand der Leopoldstädter jüdischen Wähler. Viele schwanken zwischen dem deutschfortschrittlichen Kultusvorstand und dem deutschfreiheitlichen Sozialpolitiker. Herr Dr. Kohn ist Deutscher und Fortschrittsmann für die Altliberalen,