Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Die Aktion der jüdisch-nationalen Studentenschaft Österreichs zur Anerkennung der jüdischen Nationalität (Von unserem Korrespondenten) Die vom Wiener Exekutivkomitee, an dessen Spitze J. U. C. Leopold Friedmann (Ivria) steht, geleilete Aktion hat in allen Hochschulstädten Österreichs die Diskussion über die gesetzliche Anerkennung der jüdischen Nationalität in Fluß gebracht. Sie darf nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden, bis die Regelung der Frage im Sinne der nationalen Gleichberechtigung erfolgt ist. Es wird die Aufgabe des Exekutivkomitees sein, dafür zu sorgen, daß die diesmal mit großer Umsicht und Energie durchgeführte Agitation nicht zum Stillstand komme. In Wien fand am 30. April eine große Studenten Versammlung statt, die einen sehr würdigen Verlauf nahm und von etwa 800 Studenten besucht war. Der Einberufer med. Theodor Kohn (Unitas) eröffnete die Versammlung mit einer kurzen Ansprache. Den Vorsitz führte med. Felix Deutsch (Kadimah). Das Referat erstattete techn. S. Kaplan-Kaplansky in gediegener, streng sachlicher Weise. Er sagte unter anderem: Die Frage, die rein akademisch ist, sei eine politische geworden, weil die Anerkennung der jüdischen Nationalität nicht bloß eine Ehrensache für die Hochschüler, sondern für das ganze jüdische Volk ist und der Kampf der jüdischen Studentenschaft längst aus einer scheinbaren Studentensache zur Volkssache wurde. Es sei mit Genugtuung zu konstatieren daß die Zahl der Kämpfer für die Nationalität sich immer mehr vermehre und daß immer breitere Schichten des jüdischen Volkes die gleiche Forderung erheben. Es handle sich um die letzte Anstrengung zur Durchsetzung der Forderung. Das Referat, das die theoretische und praktische Seite der Frage erschöpfend und überzeugend behandelte, erntete stürmischen Beifall. Gg. Adolf Böhm begrüßte namens des Vorstandes der jüdischen Nationalpartei die Versammlung und ihre Tendenzen und forderte zugleich zur regsten Agitation bei den Reichsratswahlen auf. Nachdem auch J. U. C. Fritz Löhner diesen Appell unterstützt hatte, beantragte J. U. C. Leopold Friedmann folgende Resolution: „Die versammelten jüdischen Studenten haben einstimmig folgende Resolution angenommen: Wir protestieren neuerdings gegen die an den österreichischen Hochschulen geübte Praxis, derzufolge es jüdischen Akademikern unmöglich gemacht wird, ihre Nationalität zum Ausdrucke zu bringen, indem an fast allen Hochschulen Österreichs die Nationalia keine Rubrik für Angabe der Nationalität führen. Dadurch werden wir nach Ausfüllung der Rubrik „Muttersprache" gegen unsern Willen Nationen zugezählt, welche uns als vollwertige oder wirkliche Konnationale nicht anerkennen. Wo aber die Rubrik „Nationalität" noch besteht und von den jüdischen Studenten zur Ablegung ihres nationalen Bekenntnisses benützt werden kann, wird dieses im statistischen Ausweise der Hochschule einfach ignoriert. Wir halten eine derartige Vergewaltigung mit der akademischen Freiheit nicht für vereinbar und fordern: 1. die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den österreichischen Hochschulen; 2. als Ausdruck dieser Anerkennung die allgemeine Einführung der Nationalitätenrubrik, oder zumindest die Gestattung der Nationalitätenklausel bei Angabe der Muttersprache; 3. Berücksichtigung dieser Eintragung in allen statistischen Ausweisen der Hochschulen. Wir glauben auf die rasche Erfüllung unserer Forderungen umso eher rechnen zu können, als eine sie berücksichtigende Entscheidung des akademischen Senates in Czernowitz vom 29. Oktober 1906 infolge des Erlasses des hohen k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht vom 12. Februar 1907 Z. 43495 solange in suspenso bleiben soil. bis die Regelung dieser Frage an allen Hochschulen Österreichs einheitlich erfolgt. Es wird ein Studentenkomitee in Wien eingesetzt und beauftragt ein ausführliches Memorandum auszuarbeiten und beim Unterrichtsministerium die geeigneten Schritte zu unternehmen." Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Am Tage nach der Versammlung sollte eine Deputation vom Unterrichtsminister Dr. Marchet empfangen werden, um ihm die Wünsche der jüdisch-nationalen Studentenschaft zu übermitteln und das Memorandum zu überreichen, Der Empfang mußte wegen der Erkrankung des Ministers verschoben werden. 4 Die jüdisch-nationalen Studenten veranstalteten vor der Universität eine imposante Demonstration, die würdevoll und ruhig verlief und auch von den liberalen Zeitungen registriert werden mußte. Nur die „Neue Freie Presse" setzt ihre alte Totschweigetaktik fort. Das „Fremdenblatt", ein Regierungsorgan, schätzt dieZahlderDemonstranten auf 800—1000. Am 3. Mai begab sich das Exekutivkomitee (phil. Carniol, med. Deutsch, jur. Friedmann, jur. Markus, jur. Stiassny) zu den Rektoren der Technik und Universität, und überreichten die Resolution. Der Rektor der technischen Hochschule, Oberbaurat Höchen egg, erklärte, er billige den Standpunkt der jüdisch-nationalen Studenten und werde sich bemühen, ihre berechtigte Forderung in tatkräftiger Weise zu unterstützen. Bemerkenswert ist seine hinzugefügte Äußerung: „Die Nation ist ja jedem heilig, und was denreinen recht ist, ist dem andern billig." Der Rektor der Universität, Hof rat Meyer-Lübke,- sagte gleichfalls seine Unterstützung zu und versprach, die Angelegenheit bereits in der nächsten Senatssitzung zur Sprache zu bringen. Es wurden an den Hochschulen für Petitionsbogen Unterschriften von jüdischen Studenten gesammelt. Es sind bisher über 1500 Unterschriften dem Exekutivkomitee zugekommen. Auch in den Provinzstädten hat die Agitation lebhaft eingesetzt. In Brünn, Krakau, Czernowitz, Lemberg, Prag haben Studenten Versammlungen mit der gleichen Tagesordnung stattgefunden. Das Memorandum, das dem Unterrichtsminister überreicht werden wird, lautet: Memorandum der jüdischen Studentenschaft an das Unterrichtsministeriu m. Die Bestrebungen eines großen Teiles der jüdischen Studentenschaft der österreichischen Hochschulen, die Anerkennung ihrer Nationalität zu-erlangen, sind bisher erfolglos geblieben. Die akademischen Behörden, die über die Frage zu entscheiden hatten, haben ihre Kompetenz negiert oder sind einer klaren Beantwortung aus dem Wrege gegangen. So dauert seit Jahren der unerträgliche und unnatürliche Zustand weiter, daß die jüdischen Studenten, deren Mehrzahl auf nationaler Basis organisiert ist und aus ihrer nationalen Gesinnung heraus die Forderung nach Anerkennung als selbständige, nationale Gruppe erhoben hat, nach Willkür anderen Nationen zugezählt und ihres nationalen Selbstbestimmungsrechtes beraubt werden. Auch der Ausweg, der an den meisten Hochschulen durch Schaffung einer die Muttersprache betreffenden und durch Eliminierung der das nationale Bekenntnis enthaltenden Rubrik gewählt wurde, kann uns nicht befriedigen und das uns zugefügte Unrecht nicht beseitigen. Wir empfinden es nicht nur als Verletzung unserer nationalen Würde, sondern auch als Demütigung, wenn die akademischen Behörden, welche die Wächter über die staatsgrundgesetzlich gewährleistete Lehr- und Lernfreiheit und die akademische Freiheit auf allen Gebieten zu wahren bestrebt sind, gerade auf dem Gebiete des freien nationalen Bekenntnisses diese Freiheit mißachten und uns, eine eigene nationale Gruppe, zwangsweise zu Angehörigen einer anderen, ihr feindlich und gehässig gegenüberstehenden deutschen resp. deutschnationalen Studentenschaft stempelt. Das zufällige Moment der Muttersprache kann nie und nimmer über die durch Geburt und Rasse bedingte Stammesangehörigkeit ent-