Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 19 die^elt 9 guten jüdischen Kolonisten fehlt. Es dürfte Ihnen bekannt sein; daß manche junge Leute aus den Kolonien nach Amerika und sonstwo auswandern. Welches ist die Ursache? Die Antwort darauf ist nicht so einfach, denn es sind viele Ursachen, die alle dazu beitragen, daß eine Auswanderung nach Amerika auf diese jungen Leute eine größere Anziehung ausübt als die Ansiedelung im Heiligen Lande. Für mich steht es aber fest, daß eine Ursache mehr als alle anderen Schuld daran ist, daß wir noch nicht viele gute Kolonisten in Palästina haben: es ist das die Talsache, daß der Un.terricht im allgemeinen nicht von einem jüdisch-palästinensischen Geiste durchdrungen ist. Wenn man in den Schulen Französisch, Deutsch und Englisch unterrichtet, anstatt Hebräisch und Arabisch, wenn die Landessprache (Lesen und Schreiben) nicht ordentlich unterrichtet wird, wenn die Kinder nicht viel mehr mit der Natur vertraut gemacht werden, als es ihre Eltern waren, dann kann es wirklich nicht wundernehmen, daß sie sich nachher im Lande der Väter als Fremde fühlen und auswandern. Nach allem, was ich in Palästina gesehen habe, muß ich sagen, daß wir manchmal anderen gegenüber, die in Palästina gearbeitet haben, ungerecht gewesen sind; denn die Fehler, die die anderen gemacht haben, hätten wir zum Teil auch gemacht, aber eine Sache hätten wir gewiß besser gemacht, und das ist der Unterricht. Es ist der unverzeihliche Fehler unserer Vorgänger gewesen, daß sie diesen Unterricht so furchtbar schlecht eingerichtet haben, und dieser Fehler rächt sich jetzt. Man hatte junge Mädchen und junge Leute nach Paris geschickt, um sie als Lehrer und Lehrerinnen auszubilden, als ob man das nicht viel besser in Palästina machen könnte. Ich muß sagen, daß diese jungen Leute leider oft keinen guten Einfluß auf die Jugend gehabt haben. In den letzten Jahren ist es mit dem Unterricht besser geworden, aber wir sind noch lange nicht da, wo wir sein müßten. So z. B. ist in den Schulen der Alliance die Sprache Französisch, beim Hilfsverein Deutsch, bei der Anglo-Jewish Association Englisch. Die zukünftige Landesbevölkerung Palästinas braucht diese Sprachen nicht! Wir müssen zu einer gänzlichen Reform und zu einem einheitlichen Lehrplan kommen. Gute Elementarschulen brauchen wir, einfachen Unterricht in Hebräisch und Arabisch, und ganz besonders müssen die Kinder mit der Natur vertraut gemacht werden. Wir Juden sind seit Jahrhunderten der Natur entfremdet, und wir brauchen es jetzt mehr als alle anderen Völker, um den Schaden an uns wieder gut zu machen. Diese Unterrichtsreforrn, das ist die praktische Arbeit, die am meisten notthut und die die Grundlage bilden wird für alle weitere Arbeit. Soll diese Arbeit aber bleibende Erfolge haben, dann müßten wir uns mit den anderen Institutionen, wie lea, Alliance, Hilfsverein, usw., über ein einheitliches Programm für die Palästina-Arbeit verständigen. Es ist aber nicht vernünftig, diese Arbeit von Europa aus dirigieren zu wollen, und. mir scheint, dafo jede Institution ihre Vertreter in Palästina anweisen sollte, und dann werden diese sich gewiß miteinander verständigen. Es gibt in Palästina Männer der Arbeit, tüchtige Organisatoren. Leider aber gibt es auch unter unseren Freunden Leute, die nach meiner Meinung zu viel sprechen und so nicht zur Arbeit kommen. Insbesondere scheint mir Jaffa an diesem Übelstand zu leiden. Iis werden da viele Sitzungen abgehalten; es herrscht förmlich eine Sitzungskrankheit. Als ein paar der dortigen Herren mich an einein Abend besucht hatten, hörte ich nachher, daß ein anderer sich am nächsten Tag beklagt hatte, daß er nicht „zur Sitzung eingeladen worden sei''. Indessen unterschätze ich nicht, was außerdem in Palästina an wirklich praktischer Arbeit geleistet wird, und in nachstehendem gebe ich über einige Sachen meine Meinung. Bezalel. Die Schule ist von Professor Schatz mit viel Energie eingerichtet worden, und der Kunstsinn der Schüler wird hier vielleicht mehr entwickelt, als in der Schule der Alliance. Abgesehen hiervon muß man abwarten, ob sich in Palästina neben der Handwerksschule der Alliance ein großes praktisches Bedürfnis für die Bezalel-Schulen zeigen wird. Das Ganze scheint mir noch etwas künstlich, der Schwerpunkt liegt vorläufig in der Teppichindustrie. Es bleibt nun eine Frage, ob man die Konkurrenz mit existierenden orientalischen Teppichindustrien wird aushalten können. Wenn aber auch von anderer Seite genügende Mittel zur Verfügung gestellt werden, so scheint mir, daß doch auch wir diese Initiative entsprechend unterstützen sollen. Ich möchte vorschlagen, die Mittel zur Verfügung zu stellen für ein kleineres Gebäude, das man eventuell später ohne große Schwierigkeiten wieder verkaufen könnte. Geulah. Ich besitze nicht die nötigen Kenntnisse, um ein Urteil über den Wert der Ländereien dieser Gesellschaft abgeben zu können. Der Palästinarat in Jaffa hat mir aber mitgeteilt, daß nach seiner Ansicht die Gesellschaft bis jetzt mit großer Vorsicht gearbeitet hat, und daß alle Landkäufe, die sie bis jetzt vorgenommen hat, gutgeheißen werden können. Herzlwald. Was die Anlage des Herzlwaldes anbelangt, so müssen wir uns nach meiner Meinung mit einer kräftigen Kolonie in der Weise verständigen, daß die Kolonisten die Anpflanzimg auf sich nehmen und zum Teil Eigentümer werden. Jeder andere Modus der Anpflanzung würde wahrscheinlich viel kostspieliger werden. Kiriath Sefer. Die Schule war noch nicht ganz eingerichtet, als ich dort war. Ich habe vorgeschlagen, ein Komitee einzusetzen, dem Herrn Beikind unterstellt sein wird. Unter tüchtiger Leitung und mit genügenden Mitteln ausgestattet, wäre diese Schule geeignet, Knaben und Mädchen für die Land-und Gartenwirtschaft vorzubereiten. Bodenkäufe für den Nationalfonds So lange wir keine gute Kolonisten haben, sollen wir nach meiner Ansicht keinen weiteren Boden für den Nationalfonds in Palästina ankaufen. Inzwischen müssen wir behalten, was wir schon haben und in der bestmöglichen Weise verwalten. Mit den Boden kaufen für private Rechnung ist es eine ganz andere Sache. Wir müssen diese in jeder Weise fördern. Je mehr Boden in Palästina in jüdische Hände kommt, um so größer wird der jüdische Einfluß dort werden. Besonders für unsere Stamniesgenossen in Rußland und Rumänien sind Bodenankäufe in Palästina, und wenn gut vorbereitet, auch Ausiedlung dort zu empfehlen. Judenverfolgungen, wie die in Rußland und Rumänien, sind in Palästina ganz undenkbar. Die Beziehungen zwischen Juden und Mohamedanern sind ausgezeichnet. Versuchsstation. Wir müßten uns mit der Alliance verständigen über eine solche Einrichtung auf dem ausgezeichnet gelegenen Landgut Mikweh-Israel. Ich glaube, daß wir im allgemeinen auf die Mitwirkung der Vertreter der Alliance und Ica in Palästina rechnen können. Selbst eine Versuchstation aus den Mitteln des Nationalfonds einzurichten, wäre eine Geldverschwendung, ebenso die Einrichtung einer Farm, wo die Ica schon eine solche in Sedjerah besitzt. Wir müssen uns nicht einbilden, daß wir alle diese Sachen besser machen werden als die Ica oder die Alliance. Und wir dürfen auch nicht vergessen, daß unsere Mittel weit geringere sind. Wenn Privatleute, die Verständnis für Vieh- und Milchwirtschaft haben, Farmen in Palästina einrichten wollen, so ist das gewiß eine ausgezeichnete Sache, die wir fördern müssen. Häuserbau in Jaffa und Jerusalem In Jaffa und Jerusalem ist großer Mangel an guten Wohnungen. Es ist ein Plan, daß die A. P. C. an Juden Geld für Häuserbau vorschießen soll, wenn sie erst selbst den Platz kaufen und z. B. 25°/o zahlen von der Bausuni nie. Für die restlichen 75 > müßten dann die Bewohner solidarisch haften. Um diesen Plan auszuführen, wäre es nötig, daß von anderer Seite die erforderlichen Gelder auf lange Termine bei der A. P. C. deponiert würden.