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Die Welt · 1907-03-29 · 13 (29.3.1907) · page 19

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
13 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Oberrats, Herr Geh. Oberregierungsrat Dr. Mayer aus Karlsruhe, den Erwägungen, die nachher zur Zurücknahme der Vorlage führten, nicht Raum gegeben. Bis dahin fand nämlich jene Sitzung in Mannheim statt, die auf Veranlassung des Herrn Dr. Mayer einberufen wurde, der er anwohnte und in der der Entwurf eine vernichtende Kritik erfuhr, während Herr Dr. Mayer die Vorlage auf das nachdrücklichste bis zuletzt verteidigte und außerdem erklärte, daß die Haltung der Mannheimer Gemeindevertretung kein Grund für eine Korrektur der oberrätlichen Ansichten sei. Es wäre darum interessant, zu erfahren, wann und wo an jenem von ihm besonders betonten 7. März Herr Dr. Mayer „für die Zurückziehung der Vorlage eintrat", da er nach Schluß der für ihn resultatlosen Mannheimer Sitzung sofort nach Karlsruhe zurückfuhr. Weiter: Die Artikel des „Israelit" und der „Jüdischen Presse", die zitiert werden und die Artikel der „Welt" und der „Jüdischen Rundschau", die nicht zitiert werden, sollen den Oberrat nicht zu seinem fluchtähnlichen Rückzug veranlaßt haben. Gewiß: die Artikel dieser Blätter erschienen später, denn Herr Dr. Mayer beeilte sich — noch ehe das Kollegium des Oberrats überhaupt tagen konnte — nach Mannheim zu berichten, daß die Vorlage zurückgezogen sei. Aber die Gründe dieser Zeitungen waren identisch mit jenen Gründen, die die Mannheimer Gemeindevertretung zu ihrer entschlossenen Stellungnahme veranlaßte und die auch die „Frkft. Ztg." in einem ausführlichen Bericht betonte. Einen Teil dieser Gründe macht sich das Verordnungsblatt selbst zu eigen. Warum greift es aber nur die orthodoxe Presse an und nicht auch die Mannheimer Gemeindevertretung, da jene doch dem Oberrat im wesentlichen nichts anderes unterstellte, als es auch die Wortführer der Mannheimer Gemeinde taten! Warum verschweigt das amtliche Blatt nicht allein den wahren Sachverhalt, sondern sucht die Sache sogar so darzustellen, als ob der Oberrat aus sich heraus die Zurücknahme beschlossen hätte, als ob „im Schöße des Oberrats selbst" jene Bedenken entstanden wären, während im Oberrat vielmehr -— wie das Verordnungsblatt konstatiert — volle Übereinstimmung über die Zweckmäßigkeit der Vorlage herrschte und der Respizient des Oberrats nur unter dem starken Druck der Mannheimer Gemeinderepräsentanz nachgab! Wir sind nicht geneigt, den Oberrat so niedrig einzuschätzen, wie es das Verordnungsblatt tut und wollen nicht glauben, daß er nicht die Gefahren der Wahlbeeinflussung und die Gefährdung des Wahlgeheimnisses ebenso anerkannt hätte, wie jeder, der die Vorlage auch nur einer primitiven Prüfung unterzog, und wie sie die jüdischen Zeitungen fast einmütig feststellten. Oder wären ihm nur jene Mängel klar geworden, die1 als ausdrückliche Bestimmungen in seiner Vorlage stehen und eine vortreffliche Stütze seiner Ziele bedeutet hätten! Wäre der Oberrat wirklich so einseitig, daß er annehmen konnte, daß seine Gegner die kirchlichen Behörden einfach würden schalten und walten lassen, um die Stimmzettel allein von denen abzuholen, die ihnen ihrer Bemühung würdig schienen, ohne wenigstens zu versuchen, der behördlichen Einmischung ein — wenn auch schwieriges — Paroli zu bieten! Wäre der Oberrat wirklich so voreingenommen, zu verlangen, daß man die Möglichkeit einer Wahlbeeinflussung durch die Synagogenräte oder ihre Unterbeamten ignoriere! Es ist völlig nebensächlich, ob der Oberrat den kirchlichen Behörden, Beamten und Bedientesten volles Vertrauen schenkt. Die Möglichkeit einer Beeinflussung genügt schon, abgesehen davon, daß das Vertrauen auch bei den Wählern vorhanden sein muß, was sich schlechterdings gar nicht konstatieren läßt. Wie dem auch auch sei! Man muß ausdrücklich wiederholen, daß die orthodoxe Presse, die vom Verordnungsblatt angegriffen wird, nichts anderes tat, als die Mannheimer Gemeindevertretung, über die sich der Artikelschreiber ausschweigt, und darum ist es diesmal im höchsten Grade deplaciert, wenn das Verordnungsblatt in einem kühnen Übergang als Verteidiger der Städte auf dem Plane erscheint und sie mobil zu machen sucht, weil der „Israelit" den „indifferenten Haufen in den Städten" angegriffen hat. „Das ist die Quittung des orthodoxen Zentralorgans für die bedeutenden Opfer, die die städtischen Israeliten . . . zur Unterstützung der meist konservativen Landgemeinden . . . alljährlich gebracht haben," ruft es emphathisch aus. Verwechseln wir nicht die Begriffe! Der „indifferente Haufen in den Städten" stand auch diesmal gleichgültig bei Seite. Aber von jenem „Haufen" lösen sich doch allmählich Gruppen ab, die sich nicht getroffen fühlen, weil für sie, die für viele städtische Gemeindemitglieder heute noch geltende Kritik des „Israelit" nicht zutrifft: „Wenn es ihnen nicht sehr bequem gemacht wird, will jene Sorte von Juden wahrhaftig nichts vom Judentum wissen."--- Wir haben nicht den Beruf, die Orthodoxie zu verteidigen. Aber wir lassen nicht zu, daß man hier aus ihrer Haut Riemen zu schneiden versucht. Und darum sei immer wieder gesagt, daß der nicht indifferente Teil der städtischen Bevölkerung, darunter der größere Teil der Gemeindevertretung der ultraliberalsten Gemeinde des Landes und hauptsächlich selbsfMänner ultraliberalster Richtung sich in dieser Angelegenheit mit den Ansichten der Orthodoxen identifizierten, und daß darum jeder Versuch, den einen gegen den anderen auszuspielen, in diesem Fall von vornherein ohne Erfolg ist. Zum ersten Male wurde bewiesen, daß der Indifferentismus in den Städten seinen Höhepunkt erreicht hat und daß man nicht mehr eine Bevormundung seiner Behörden ohne alle Kritik hinnehmen will, denn auch in Freiburg setzte die Protestbewegung ein, und gerade an dem Tage, an dem der Entwurf zurückgezogen wurde, sollte eine öffentliche Versammlung dort stattfinden. Das ist der Lichtpunkt in dieser Affäre. Uns Zionisten mag es noch zur besonderen Genugtuung gereichen, daß es die Unsrigen waren, die hierbei sowohl in Mannheim, wie auch in Freiburg die Initiative ergriffen. Ben Ami. An unsere Leser! Aus Anlaß des Pessachfestes erscheint die vorliegende Nummer der „Welt4' in verstärktem Umfange. Die nächste Nummer erscheint erst Freitag, den i2. April. Zum Quartalswechsel bitten wir alle jene Abonnenten, deren Bezugszeit am 31. März 1907 abläuft, um rechtzeitige Erneuerung, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Expedition „Die Welt".

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